Lifecasting "Die Menschen wollen überwacht werden"

Mitte der 90er gab es erste, die Privates im Netz zeigten. Josh Harris und Jenni Ringley genießen heute ihre Anonymität und sagen, Menschen wollen sich überwachen lassen.

Josh Harris, selbst erklärter Visionär, gescheiterter Internetunternehmer und Medien-Experimentator

Josh Harris, selbst erklärter Visionär, gescheiterter Internetunternehmer und Medien-Experimentator

Sogar im Kühlschrank gab es eine Kamera. Die im Schlafzimmer konnte Infrarot. Und wenn Josh Harris oder seine Freundin auf die Toilette gingen, folgte ihnen ein Objektiv. We live in Public war eines der ersten menschlichen Experimente zur Totalüberwachung. Es stellte schon 1999 die Frage, die für viele im Zeitalter von Facebook und Big Brother immer drängender wird: Wohin führt uns das menschliche Bedürfnis, private Details zu veröffentlichen oder andere auszuspähen?

Harris glaubt: "Noch feiern wir es. Aber wir werden eines Tage aufwachen und feststellen, dass wir Sklaven des Internets sind."

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Er weiß wovon er redet. Der aktuelle Film We live in Public erzählt Harris Geschichte, von seinen Anfängen als erfolgreicher Internetmillionär bis hin zur Pleite und Nervenzusammenbruch. Der Film begeisterte Publikum und Jury des Sundance Film Festivals so sehr, dass sie ihm den ersten Preis verliehen.

Josh Harris wurde im Dotcom-Hype reich, 80 Millionen Dollar soll er besessen haben. "Ich hätte damals alles damit machen können", sagt er heute im YouTube-Interview. Doch statt ein Firmenimperium aufzubauen, steckte er es in groß angelegte Medienkunst-Experimente.

Zur Jahrtausendwende pferchte er einen bunt zusammengewürfelten Haufen von selbst erklärten B-Promis und Künstlern in einen unterirdischen Bunker am Broadway, stattete das Gebäude mit zahlreichen Kameras aus und sendete von da aus eine Art wochenlange Milleniumparty ins Netz. Zwei Millionen Dollar ließ er sich den Spaß kosten. Es gab in dem Bunker einen Schießstand, ein Theater, einen Tempel und öffentliche Duschen. Und jede Menge Sex.

Da ihm das alles noch nicht weit genug ging, rüstete er als nächstes sein eigenes New Yorker Loft mit Kameras aus und beschloss, dort mit seiner Freundin vor den Augen der Internetöffentlichkeit zu leben, 100 Tage lang.

Nichts blieb den Augen der Kameras verborgen, kein Höhepunkt, aber auch kein Tiefschlag: Harris verlor in dieser Zeit nicht nur seine Freundin, die vorschnell aus dem selbst geschaffenen Panoptikum auszog, sondern auch fast sein gesamtes Vermögen. Und am Ende um ein Haar sogar den Verstand: Während er vollverkabelt vor sich hinlebte, musste er mitansehen – und Tausende Zuschauer mit ihm – wie ihn eine Hiobsbotschaft nach der nächsten erreichte.

Nach seinem Zusammenbruch wanderte Harris schließlich aus, nach Äthiopien. Wie er in einem BBC Interview sagte, "ein Ort, der noch vergleichsweise wenig von der Technik heimgesucht worden ist".

Schon damals vertrat er die These, dass Orwell irrt mit seiner Prognose, dass es die Regierungen sein werden, die Menschen überwachen. In Wirklichkeit sei es viel schlimmer: Der Mensch selbst verlange nach Selbstüberwachung. Damit meinte Harris allerdings weniger Doku-Soaps wie Big Brother oder Inselcamp. Die Shows seien ja inszeniert, zeigen nicht das wahre Leben. 

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Jennifer Ringley übertrug ihr Leben von 1996 bis 2004 komplett ins Internet

Jennifer Ringley übertrug ihr Leben von 1996 bis 2004 komplett ins Internet

Um die Darstellung des Alltags mit all seinen Banalitäten und Intimitäten ging es auch Jennifer Ringley, wie Harris eine Pionierin des Lifecasting – der Echtzeitübertragung privaten Lebens. Auch sie war mit ihrem Projekt JenniCAM ihrer Zeit weit voraus: Als sie 1996 als damals 19-Jährige in ihrem Studentenwohnheim eine Kamera installierte und Bilder von sich ins Netz übertrug, überhäuften sie die Menschen mit Vorwürfen. Sie sei exhibitionistisch, fördere die niederen Instinkte ihrer voyeuristischen Zuschauer, mache sie zu Geld. Feministinnen schlugen Alarm, weil Ringley sich vor der Kamera auch auszog und Sex hatte.

Jennifer Ringley sagte damals, sie sei nicht besonders scharf darauf, beobachtet zu werden, "es stört mich einfach nur nicht". Und: "Ich will beweisen, dass egal wie man aussieht, man genauso interessant ist wie die Leute im Fernsehen oder in den Zeitschriften."

Während ihres Studiums sei sie selbst zu beschäftigt gewesen, um auch nur auf eine einzige Party von Kommilitonen zu gehen. Dafür verschaffte ihr JenniCAM Millionen Zuschauer. An die 700 E-Mails schrieben ihr die Leute pro Tag. Sie kommentierten jeden Aspekt ihres Lebens, ihre Frisur, ihre Zahnpastamarke und ihre Körperhaltung. Ungefähr ein Fünftel beschimpfte sie als "Fette Kuh, verschwinde von der Kamera!". Viele andere fanden sie hinreißend. Sie hätte viel über sich selbst gelernt, sagt Ringley.

Um den wachsenden technischen Aufwand zu finanzieren, ließ sie Zuschauer über PayPal für bestimmte Bilder und eine schnellere Aktualisierung bezahlen. Irgendwann gab es Ärger mit dem Unternehmen, das seine Geschäftsbedingungen durch Ringleys Treiben verletzt sah.

Aber das sei nicht der eigentliche Grund gewesen, warum sie ihr Leben unter Dauerbeobachtung 2004 aufgegeben habe, sagt Ringley heute. Ein fester Job und ein Freund, der davon nicht so begeistert gewesen sei, wären es eigentlich gewesen. "Nachdem ich so lange so extrem exponiert gelebt habe, genieße ich jetzt mein Privatleben", sagt sie. Sie habe keine Webseite, keine Myspace- und nicht einmal einen Facebook-Eintrag. "Und ich genieße das sehr."

Verschwunden aber ist dieser Lebensstil damit nicht. Im Gegenteil. Ob auf Justin.tv, ustream.tv, yahoo live oder Qik.com: Heute gibt es zahlreiche Seiten, die das Privatleben von Menschen in Echtzeit ins Netz übertragen. Man kann Senioren, Computerspielern oder Kleinfamilien beim täglichen Unkrautjäten, Streiten oder Dösen zusehen.

Menschen verhielten sich anders, wenn sie wüssten, dass sie beobachtet würden, sagt Harris. "Eine Konsequenz von sozialer Kontrolle ist der Verlust an Individualität." Und dann zitiert er Andy Warhol mit dem Satz, jeder hätte die Chance, für 15 Minuten berühmt zu sein. Harris glaubt, die Leute wollten viel mehr: 15 Minuten am Tag nämlich. "Und das ist, wohin wir steuern, ob es uns gefällt oder nicht.

Einsamkeit ist das große Thema dahinter. Harris sagt, er habe seine Kindheit allein vor dem Fernsehgerät verbracht. Jennifer Ringley hatte während ihres Studiums keine Zeit, auf Partys zu gehen. War die Technik zunächst nur eine Krücke, ist sie inzwischen zum gleichwertigen Ersatz geworden. "Für viele Menschen ist es inzwischen interessanter, in eine Maschine zu gucken, als mit echten Menschen zu sprechen", sagt Harris.

Jennifer Ringley verstand JenniCAM aber durchaus auch als positive Aufklärung. Einmal hätte sie eine E-Mail von einem einsamen Studenten bekommen. Der hätte am Freitagabend beim Wäschemachen alleine zu Hause gesessen und sich wie ein Verlierer gefühlt. Dann hätte er JenniCAM angeschaltet, und Ringley allein vor ihrem Computer gesehen, hinter ihr ebenfalls ein riesiger Berg Schmutzwäsche. Daraufhin habe er sich nicht länger allein gefühlt. "Die Menschen warten immer darauf, dass ihr echtes Leben endlich anfängt", sagt sie. Und hätten immer das Gefühl, erst mit etwas fertig werden zu müssen, bevor sie damit beginnen dürften. "Aber das echte Leben ist jetzt."

 
Leser-Kommentare
  1. "Wohin führt uns das menschliche Bedürfnis, private Details zu veröffentlichen oder andere auszuspähen?"

    wieso habe ich dieses bedürfnis nicht?

    "Ich will beweisen, dass egal wie man aussieht, man genauso interessant ist wie die Leute im Fernsehen oder in den Zeitschriften."

    ich denke das hier ist es, worum es geht ... "5 minuten berühmt" ;-)

    "Der hätte am Freitagabend beim Wäschemachen alleine zu Hause gesessen und sich wie ein Verlierer gefühlt. Dann hätte er JenniCAM angeschaltet, und Ringley allein vor ihrem Computer gesehen, hinter ihr ebenfalls ein riesiger Berg Schmutzwäsche. Daraufhin habe er sich nicht länger allein gefühlt."

    das ist wirklich traurig. wirklich.

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    Ist es nicht genauso ein persönliches Detail, einen Artikel im Internet für jeden zugänglich mit der eigenen Meinung zu kommentieren?

    Ist es nicht genauso ein persönliches Detail, einen Artikel im Internet für jeden zugänglich mit der eigenen Meinung zu kommentieren?

  2. jemand raus aus seiner Anonymität ;-)
    Wir haben die Möglichkeit heute fast alle Formen zu leben und das ist gut so. Tut es oder lasst es bleiben, aber regt euch nicht ständig darüber auf. Es zeigt nur in welchem Entwicklungsstadium dieser Mensch sich befindet, der sich gerade positiv oder negativ über etwas äußert.
    hnd

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    Ausserdem zeigt sich die Unsicherheit der Menschen um ihren Status in ihrem Verhalten.

    Nur wer fremdgesteuert immer wieder andere Menschen fragen muss "Bin ich in Deinen Augen toll/wichtig/liebenswert/schön ???", der hat es nötig, sein Innerstes der Öffentlichkeit auf einem Tablett zu servieren.

    Wirkliches Selbstwertgefühl, wirklicher Status und wirkliche Macht zeigen sich darin, das man niemandem Fremden Einblick gewähren muss.

    Selbst die "Promies" geben nicht wirklich Einblick, sie konstruieren nur künstliches Bild, um Geld zu verdienen.

    Ausserdem zeigt sich die Unsicherheit der Menschen um ihren Status in ihrem Verhalten.

    Nur wer fremdgesteuert immer wieder andere Menschen fragen muss "Bin ich in Deinen Augen toll/wichtig/liebenswert/schön ???", der hat es nötig, sein Innerstes der Öffentlichkeit auf einem Tablett zu servieren.

    Wirkliches Selbstwertgefühl, wirklicher Status und wirkliche Macht zeigen sich darin, das man niemandem Fremden Einblick gewähren muss.

    Selbst die "Promies" geben nicht wirklich Einblick, sie konstruieren nur künstliches Bild, um Geld zu verdienen.

  3. Ausserdem zeigt sich die Unsicherheit der Menschen um ihren Status in ihrem Verhalten.

    Nur wer fremdgesteuert immer wieder andere Menschen fragen muss "Bin ich in Deinen Augen toll/wichtig/liebenswert/schön ???", der hat es nötig, sein Innerstes der Öffentlichkeit auf einem Tablett zu servieren.

    Wirkliches Selbstwertgefühl, wirklicher Status und wirkliche Macht zeigen sich darin, das man niemandem Fremden Einblick gewähren muss.

    Selbst die "Promies" geben nicht wirklich Einblick, sie konstruieren nur künstliches Bild, um Geld zu verdienen.

    Antwort auf "da will wohl wieder"
  4. Es handelt sich, zumindest was Facebook & co. betrifft, viel weniger um das angebliche Bedürfnis, überwacht zu werden, sondern um gewisse Ängste:
    entweder die Angst, nicht genug Bestätigung von Aussen zu bekommen; deshalb der sogenannte "Exhibitionismus" durch Fotos, Videos etc. (Mangel an Selbst-Bewusstsein)
    Auf der anderen Seite greift - aufgrund der steigenden Popularität und "Wichtigkeit" der sozialen Netzwerke - unter den noch-nicht-Angemeldeten die Angst um sich, zurückzubleiben und vergessen zu werden.
    Wer nicht durch ein Profilbild sichtbar ist, exisitert eben in dieser Dimension einfach nicht.
    Es ist wohl eine ähnliche Entwicklung wie vor einigen Jahren die Einführung der Mobiltelefone. Zuerst ist es eine Möglichkeit, dann wird es zum Zwang.

  5. Ich denke, dass Internet nur ein Medium ist, das technisch die Möglichkeit bietet, in Echtzeit andere zu beobachten.
    Aber mehr ist es nicht. Es ist nicht die Ursache, dass diese Beobachtungen stattfinden. Diese liegen für mich woanders: In dem bei Menschen vorhandenen Trieb, sich auf Kosten von anderen profilieren zu wollen, der sich dann in tatsächlicher ständiger Beobachtung von anderen entlädt, sobald es die Möglichkeit dazu gibt einerseits und in einer Generation, die in stetig wachsendem materiellem Wohlstand aufgewachsen ist bei gleichzeitiger Verarmung im Hinblick auf Zuwendung und Verantwortungsbewußtsein.
    Wenn es Internet nicht gibt setzen sich diese Leute dann vor den Fernseher und sehen sich zwei Stunden lang "Big Brother" an, vielleicht auch noch länger, weil sie nichts mit sich anzufangen wissen. Big Brother habe ich nicht länger als 2 Minuten ausgehalten, was mir sagt, dass ich noch ein wenig normal bin. Im Internet beschränke ich mich auf Post, Bankgeschäfte und wenige seriöse Medien.
    Internet kann man, wie jedes Medium, missbrauchen. Es ist aber nicht die Ursache für abstruses Verhalten, sondern nur eine Plattform auf der sich letzteres manifestieren kann.

  6. Die Aussage, dass die Leute überwacht werden wollen halte ich aber leider für richtig, selbst wenn sie Verfassungsfeindlich sein sollte.
    Auf die Gründe für diese meine Haltung verweise ich auf meinen vorherigen Kommentar Nummer 6. "Internet ist nur ein Medium".
    Aber ich denke, das wird sich auch wieder ändern. Zumindest dann, wenn die ersten mit viereckigen Augen entweder an Herzverfettung sterben, weil sie Tag und Nacht nur noch vor dem PC sitzen oder aber merken, dass sie sich selbst zum Sklaven eines Mediums machen und nicht das Medium sie dazu zwingt, sich jeden hirnrissigen Quatsch anzusehen, der in der Welt verbreitet wird und sie merken, wie leer die vermeintlichen Informationen sind.

    Antwort auf
    • pekka
    • 26.11.2009 um 19:25 Uhr
    7. hmm

    also ich will nicht überwacht werden, weder von mir selbst^^ noch vom staat, arbeitgeber oder sonstwem...
    ok dann sollte ich auch aufhören hier meinen senf dazuzugeben, aber man darf nicht von sich auf andere schließen.

    im allgemeinen stimmt es aber: immer mehr menschen haben das bedürfnis berühmt oder sonstwas zu sein, nur um mal in ne kamera grinsen zu dürfen und wenn keine da ist, macht man das halt selber,
    mir macht es angst diese entwicklung zu beobachten...

  7. 8.

    Ist es nicht genauso ein persönliches Detail, einen Artikel im Internet für jeden zugänglich mit der eigenen Meinung zu kommentieren?

    Antwort auf ""Wohin führt uns das"

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