Mogis fiel der Löschdebatte auf Wikipedia zum Opfer: Eigentlich ein Verein von "Mißbrauchsopfern gegen Internetsperren" © Sonja Mohr/Zeit Online

Während der Podiumsdiskussion fallen die Worte "Volk", "Willkür" und "Blockwart". Ein Mann, der mit seinem Bart und seinem Vliespullover eher wie ein Allgäuer Senner denn wie ein Wikipedianer aussieht, spricht sogar von "Schweinerei". Es geht um den Todesstern aus den "Star Wars"-Filmen. Und die freiwillige Feuerwehr. Doch von vorn.

Im deutschen Ableger des wohl größten Mitmachprojekts des Web 2.0, der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die unter den zehn am häufigsten besuchten Webseiten überhaupt rangiert, schwelt ein Streit, der als "Relevanz-Debatte" in die Geschichte des Web eingehen wird. Und der möglicherweise gar das Prinzip der sich selbst organisierenden Community infrage stellt. Virulent wurde die Debatte, die bislang in den Diskussionsforen zu Wiki-Artikeln ausgetragen wurde, vor einigen Wochen. In der Wikipedia gab es eine Löschdiskussion um den Eintrag des Vereins "Mogis – Missbrauchsopfer gegen Internetsperren". Dieser Verein sei nicht relevant genug, hatten die User befunden, der Artikel wurde gelöscht.

Mit der Frage der Relevanz um Mogis schwappte erstmals eine der alltäglichen Löschdebatten aus der Community heraus in die Blogosphäre. Netz-Autoren wie Pavel Mayer und Johnny Haeusler schalteten sich ein und machten das Problem einer größeren Internetgemeinschaft bekannt, bald erschien es auch in den Medien . Die Relevanzdebatte wurde philosophisch, die Wikipedianer traten auf als "Inkludisten" und "Exkludisten", schließlich schritt der betreibende Verein Wikimedia ein und lud zu einer Podiumsdiskussion – in der realen Welt.

Für das Begrenzen auf bestimmte Artikel sprach sich bei der Debatte in den Räumen von Wikipedia Deutschland etwa der langjährige Wikipedianer Kurt Jansson aus. "Relevanzkritierien sind ein Mittel, uns in der Community nur so viel Arbeit zu machen, wie wir gerade noch stemmen können", sagte er. Andere vertraten einen konstruktivistischen Ansatz. Relevanz sei schließlich immer subjektiv. "Wir haben ja keinen Platzmangel", sagte eine Wikipedianerin, die Professorin für Informatik ist. Die Wikipedia sei ohnehin nicht objektiv. Sie werde schließlich von denen gemacht, die auch sonst das Netz dominierten: junge, technikaffine Männer, die in großen Städten leben. Und die finden den Todesstern wichtig, die Einträge freiwilliger Feuerwehren aus dem ländlichen Raum aber nicht.

Auf die Frage, was relevant ist im Netz, gibt es viele Antworten. Die meisten sind Algorithmen. Ohne Suchmaschinen, die für die Nutzer den unüberschaubar gewordenen Wust an Inhalten sortieren, wäre das Netz nicht viel wert. Die Suchmaschinen verfolgen verschiedene Ansätze. Die zuletzt von Microsofts " Bing " etablierte Twitter-Suche orientiert sich an der Herde. Sie hält das für relevant, was viele verfolgen, weiterleiten und beantworten. Ganz anders etwa der Ansatz der Wissens-Datenbank "Twine": An der semantischen Suche im Netz wird noch gearbeitet. Sie soll gewichten, was den Einzelnen am meisten interessiert, er kann Inhalte individuell ordnen und verknüpfen. Was so übrigens auch die Wikipedia erklärt, allerdings wurde der Artikel "Twine" gerade zur Löschung vorgeschlagen. Begründung: "noch nicht relevant genug".

Anders als in den Suchmaschinen entscheiden bei Wikipedia die Wikipedianer darüber, was sie wichtig finden oder nicht. Jeder kann Texte zur Löschung vorschlagen, anschließend wird eine Woche lang diskutiert und abgestimmt. Dadurch wird die Wikipedia subjektiv und menschlich. Allzu menschlich, finden viele. Die aufgeheizten Debatten um zu löschende Lemmata werden deshalb auch "Löschhölle" genannt.

Diszipliniert werden die 600.000 angemeldeten Nutzer von fast niemandem. Die Gemeinschaft organisiert sich selbst und realisiert damit einen großen Traum des Web 2.0: das Wissen der Vielen zu bündeln und kostenfrei der Welt zur Verfügung zu stellen. Je mehr Leute sich beteiligen, desto erfolgreicher wird das Projekt . Doch wo so viele Menschen interagieren, braucht es Regeln. Ein erster Regulierungsversuch war das Festlegen von Relevanzkriterien. Davon gibt es in der Wikiwelt inzwischen ziemlich viele, bei anderen Themen dagegen eher zu wenige.