Ein Roboter könnte demnächst Journalisten ersetzen © Sam Yeh/afp/Getty Images

Es soll Menschen gegeben haben, die einst gegen die Einführung von Bankautomaten demonstriert haben. Weil es ihnen unmenschlich vorkam, nicht mehr von einem Angestellten am Bankschalter bedient zu werden, sondern von einer Maschine. Heute haben sie oft gar keine Wahl mehr. Und das Prinzip Maschine-ersetzt-Mensch hat längst viele weitere Bereiche erreicht. So gibt es inzwischen sogar Roboter, die alten Menschen die Hand streicheln; Pflegekräfte, die persönliche Zuwendung geben, kann man sich dann sparen.

In der Medienkrise haben nun auch einige Verlage und Plattformbetreiber den Reiz eines solchen Sparmodells erkannt: Die Arbeit von teuren Journalisten könnte zumindest in Teilen durch Maschinen und automatische Text-Generatoren ersetzt werden, verkünden selbsternannte Netzvisionäre.

Einer von ihnen ist AOL-Chef Tim Armstrong. AOL entließ kürzlich 2500 Journalisten. Jetzt will das schlingernde Internetunternehmen ein neues Nachrichtensystem einführen, das ohne die klassischen Mechanismen des Journalismus auskommt. Statt Redakteuren, die aus der täglichen Informationsflut die ihrer Meinung nach wichtigen Themen herausfiltern und bearbeiten, fischt eine Software die gerade aktuell von Usern gesuchten Schlüssel- und Reizwörter aus dem Internet. Daraus ergeben sich dann Schreibaufträge an die Journalisten, die dazu passenden Artikel zu verfassen, im Zweifel: herbeizugoogeln.

Viel Arbeit sollten sie sich jedenfalls nicht unbedingt machen. Denn ob der Artikel bezahlt wird und wie gut, entscheidet sich danach, wie oft der Text von Usern angeklickt wird und wie viel Umsatz die daneben stehenden Anzeigen erbringen.

AOL wäre nicht die erste Plattform, die ihre Redakteure auf diese zweifelhafte Art honoriert. Auch die schwedische Internetzeitung Nyheter24 bezahlt ihre Mitarbeiter nach Klicks.

Mit eigenständigem Qualitätsjournalismus hat das allerdings nichts mehr zu tun. Auf die Spitze getrieben wären nach diesem Modell vielmehr diejenigen Journalisten gut beraten, die über die meistgesuchten Produkte und Stars und Sternchen im Netz schreiben – möglichst verkaufsfördernd natürlich. Kürzlich haben die Suchmaschinen Google und Yahoo die beliebtesten Suchbegriffe des Jahres veröffentlicht. Schaut man in die Rubrik "Produkte", dann müsste das Netz künftig von Jubelaufsätzen über den iPod, das iPhone oder die Wii überschwemmt werden. Große Chance hätten Nachrichten über die Schweinegrippe, Michael Jackson und alles zum Begriff Lotto. Schaut man sich lediglich die Trendbegriffe der vergangenen vier Wochen an, dann lag man mit einen Artikel über den Selbstmord von Robert Enke richtig. Nur welche Anzeigenkunden will man dafür gewinnen? Die Pharma-Branche?

Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Schulzki-Haddouti hat im Auftrag der Forschungsgruppe Medien der Hochschule Darmstadt die Studie Begrenzter Journalismus - was beeinflusst die Entfaltung des Qualitätsjournalismus? erarbeitet. Darin ermittelte sie die zehn Faktoren, die aktuell die größten Herausforderungen für den Journalismus darstellen. Darunter findet sich der Punkt Digitalisierung: "Junge Nutzer und Intensiv-Leser wenden sich verstärkt den Online-Medien zu. Dabei ignorieren sie zunehmend das Inhalte-Bundling von Anbietern. Es entstehen deterritorialisierte Kommunikationsräume", heißt es dazu. Mit anderen Worten: die User richten sich nicht mehr danach, welche Themen Redaktionen auf Websites auswählen und zusammenstellen, sie suchen sich vielmehr selbst im Netz Inhalte, die sie gerade interessieren.

Damit ist ein weiteres gravierendes Problem eines automatisierten "Journalismus" genannt:  Wie mit Scheuklappen bekommt der Nutzer nur noch vorgesetzt, was ihn ohnehin interessiert. Er stößt nicht mehr wie in einer Zeitung oder deren Website auf andere Themen, die vielleicht neben dem Artikel stehen, der ihn ursprünglich lockte. "Wenn sie Themen nur noch mit Hilfe eines Algorithmus wählen, können sie immer nur aus dem wählen, was schon da ist", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Themen brauchten aber oft eine gewisse Zeit, bis sie sich entwickelten.

Investigative Recherchen würden sich schon gar nicht mehr lohnen. Mit der "Initiative Nachrichtenaufklärung" versucht eine Gruppe von Akademikern und Publizisten auf Themen aufmerksam zu machen, die ihrer Meinung nach schon jetzt in den Mainstream-Medien nicht genug Anerkennung finden. "Wenn man nur nach einem Suchalgorithmus vorginge, hätten solche Themen überhaupt gar keine Chance mehr", sagt Schulzki-Haddouti.

Wenn die Inhalte-Bündelung wegfällt, gerate zudem auch die Mischkalkulation der Verlage und Plattformbetreiber in Gefahr: Bestimmte Themen und Ressorts haben schon immer weniger Anzeigen angezogen, wurden von Verlegern aber als bedeutsam erachtet und daher aus den Erlösen anderer Ressorts mitgetragen.

Das gravierende Problem jedoch: Medien haben nicht nur die Aufgabe, die Interessen ihrer Leser, Zuschauer und Nutzer zu befriedigen. Sie haben in einer demokratischen Gesellschaft  auch eine wichtige Kontroll- und Aufklärungsfunktion, die sich eben nicht auf Popstars und iPods beschränkt. Davon profitiert auch derjenige, der einen Text über die neuesten Entwicklungen in Afghanistan oder einen politischen Skandal vielleicht selbst gar nicht liest: Ganz gleich ob aus Profilierungssucht oder echtem Aufklärungswillen, Journalisten decken immer wieder Affären, Pfusch und Betrug auf. Sie setzen im besten Fall selber Themen, befördern öffentliche Debatten und üben Druck auf Mächtige in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus. Selbst wenn sich das in Klicks oder Verkaufszahlen am Kiosk nicht unbedingt gleich auszahlt.

Auf der anderen Seite beschreibt die zitierte Studie allerdings unter dem Schlagwort "Routinen", dass die Selektionskriterien von Journalisten auch jetzt schon – ganz ohne Automatisierung – zu einer "systematischen Vernachlässigung von Themen" führe, die für die Bevölkerung relevant seien. Außerdem rekrutierten sich Journalisten vornehmlich aus bestimmten Gesellschaftsgruppen und hätten daher eine Tendenz, Themen anderer Gruppen zu vernachlässigen. Schulzki-Haddouti findet es daher keineswegs unmoralisch, auch auf Klickzahlen zu gucken, frei aller journalistischen Dünkel. "Ein Online-Medium sollte immer im engen Kontakt mit seiner Community stehen, daraus lassen sich neue Ansätze und Themen generieren." Welches Potenzial darin stecke, hätten viele Verlage noch überhaupt nicht erkannt, sagt sie. Wer eine gute Community habe, könne dann auch ihrer Auswahl eher vertrauen. Er müsse sich ja nicht allein danach richten.