Ab wann ist ein sozialer, technischer oder kultureller Wandel so tief in der Gesellschaft verwurzelt, dass man von einem Prinzipienwechsel sprechen muss? Inwieweit kann sich Recht und Gesetzgebung von den Alltagsrealitäten der Bürger entfernen, bis der offensichtliche Widerspruch eine politische Kraft wird, die sich politisch entlädt?

Der aktuelle Konsens drückt sich in millionenfachem täglichen Filesharen aus. Er ist längst ein anderer, als er – nicht ganz uneigennützig – in vielen Medien dargestellt und von Industrie und Politik gebetsmühlenartig wiederholt wird. Die Anzahl derer, die laut Angaben der Musikindustrie im Netz Daten tauschen, stellt längst die der Stimmen für die Regierungskoalition bei der letzten Bundestagswahl in den Schatten. Filesharing genießt so gesehen mehr Unterstützung in der Bevölkerung als unsere Regierung. Diesen Widerspruch kann man nicht durch bloße Rhetorik auflösen.

Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Dem kann man mit dem Bau einer Mauer begegnen, doch am Ende muss die digitale Reisefreiheit gewinnen. Ob und wie man diese Reisen besteuern will, ist eine gesellschaftspolitische Frage, bei deren Beantwortung die Urheberrechtsindustrie die Rolle des verkalkten Politbüros innehat, das strukturell nicht zu zukunftsweisenden Antworten fähig ist.

Die Diskussion um das Filesharing in den Medien ist von aggressiven Kampfbegriffen einer Industrie geprägt, deren Rolle als Intermediär und Distributor im Zeitalter des Internets in großen Teilen überflüssig wurde. Die Begriffe des "geistigen Eigentums" und des "Raubkopierers" offenbaren, wie ideologisiert die Diskussion angegangen wird – von einer gewalttätigen Raubhandlung kann bei einer digitalen Vervielfältigung nicht die Rede sein.

Die Urheberrechtsgesetze orientieren sich momentan nicht an den Marktrealitäten oder an dem notwendigen Schutz von Urhebern und anderen an der Schöpfungskette Beteiligten, sondern an den Wünschen einer Wiederverkäufer-Industrie. Einerseits enthält diese Industrie den Künstlern ihre Tantiemen vor und lässt sich andererseits die Verwertungsrechte überschreiben, ohne in der Wertschöpfung eine eigene, über die Finanzierung hinausgehende Leistung zu erbringen. Die Schutzfristen lässt sie immer mal wieder um ein paar Jahre verlängern, wenn das Copyright auf "Mickey Maus" auszulaufen droht.

Die Behauptung, dass eine legale Verwendung des Filesharings nicht nachgewiesen sei, lässt sich schon bei flüchtiger Kenntnis der aktuellen Situation nicht aufrechterhalten. Linux-Distributionen verwenden BitTorrent seit Langem als normales Verteilungsmedium. Der Chaos Computer Club verbreitet, genau wie viele andere NGOs, seit Jahren praktisch seine gesamte Medienproduktion an Vortragsmitschnitten und Podcasts darüber. Sogar staatliche Fernsehsender wie der norwegische NRK distribuieren ihr Programm auf diesem Wege. Eine rein quantitative Argumentation geht hier am Kern der Sache vorbei.

Das Internet löst das Problem der Verbreitung von Inhalten. Über das Internet können Inhalte schneller, billiger und umweltfreundlicher an die Kunden verteilt werden als jemals zuvor. Die größte Effizienz entsteht, wenn die Kunden sich dabei am Weiterverteilen beteiligen, und genau dafür stehen die Begriffe "P2P" und "Filesharing" heute. BitTorrent ist dabei das demokratischste Distributionsmedium überhaupt. Inhalte, die gefragt sind, werden auch automatisch hoch verfügbar. So wird es übrigens auch unmöglich, brisante Inhalte – selbst größeren Umfangs – zu unterdrücken.

Wie der Urheber zu einer Vergütung kommt und wie ein Internetnutzer auch für die frei verfügbaren Werke vergüten kann, ist eine teilweise noch offene Frage. Es mangelt hier nicht grundsätzlich an der Bereitschaft, für künstlerische Werke zu zahlen, sondern an der technischen Möglichkeit, dies auch zu tun. Bequeme Bit-Vertriebe, die ihre Kunden nicht mit archaischem "digitalen Rechtemanagement" gängeln, florieren gerade deswegen.

Verleger oder klassische Intermediäre werden im Internet unmittelbar nach ihrem Bürokratieanteil bewertet, also danach, wie viel Geld tatsächlich bei den Künstlern beziehungsweise den Urhebern landet. Die Künstler wollen ihre Werke an die Menschen verteilen, und die Menschen wollen sie konsumieren oder gar weiterbearbeiten. Wir brauchen Institutionen, die beides ermöglichen und einen Bezahl-Rückkanal haben und die nicht, wie im Moment, die Kommunikation zu verhindern suchen.

Der Einwand, man könnte doch sein Video auch auf eine der üblichen Streaming-Plattformen hoch laden, ist angesichts der immer umfangreicheren Sperrungen und Löschungen von Inhalten auf diesen Plattformen nicht haltbar. Warum sollte man sich der Plattformen auch bedienen, wenn millionenfache dezentrale Distribution jedem zur Verfügung steht, unabhängig von YouTube und ähnlichen zentralen Dienstleistern? Die Evolution der Filesharing-Technologien, seit neuestem mit Hilfe von Magnet-Links und Twitter, machen mittlerweile selbst Tauschbörsen überflüssig.