Das Spiel "Call of Duty - Modern Warfare 2" führt derzeit die Liste der am meisten illegal kopierten Dinge an. Politisch ist das nicht, findet man bei der Unterhaltungsindustrie © Activision

Es könnte einem Angst und Bange werden, wenn in der aktuellen Diskussion um die gesellschaftspolitische Dimension des Filesharings aufgezählt wird, was angeblich alles auf dem Spiel stehe. Die Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit, ja die Demokratie als Ganzes – so wird behauptet – stünde beim Kampf gegen illegale Downloads auf der Kippe. Man könnte meinen, Verhältnisse wie in China, gar Nordkorea und Birma stünden bald vor der Tür und den milliardenschweren Unterhaltungskonzernen und ihren Anwälten ginge es darum, die Axt an die Wurzel dessen zu legen, was unsere Gesellschaft ausmacht. In diese Richtung geht zumindest der technologiephilosphische Ansatz von Sandro Gaycken.

Die politische Dimension illegalen Downloadens will der Chaos Computer Club erkannt haben und sieht bereits eine absolute politische Mehrheit der Filesharer – virtuell zumindest – die sich als letzte Bastion der Demokratie zur Wehr setzt.

Der Download als politische Meinungsäußerung, als altruistischer Akt für mehr Demokratie? Filesharing ist kein politisches Statement. Es gibt keinen tieferen Grund, keine Metaebene beim illegalen Downloaden. Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten. Der Grund ist viel banaler. Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent.

Zwar mag es sein, dass eine kleine politische, ja, Elite, in der Tat einen tieferen Sinn im Filesharing sieht, tiefer als nur eine günstige und bequeme Möglichkeit, an Filme, Musik, eBooks und Games zu kommen. Das gab es schon immer und jede Generation hat sich die Feindbilder und Gegner geschaffen, die sie brauchte. Nun ist also die Unterhaltungswirtschaft dran. Für die Masse sprechen diese Eliten nicht, sie nehmen sie höchstens in Geiselhaft für ihre Klientelpolitik.

Kein Zweifel, der Chaos Computer Club glaubt, was dessen Protagonisten schreiben, in der Konsequenz stehen diese aber – wie von Sandro Gaycken gut beobachtet – der Inkonsequenz der Piratenpartei in nichts nach. Diese Inkonsequenz ist es, die sich wie ein roter Faden durch die Diskussion um die vermeintlich politische Dimension des Filesharings und die einer "gesellschaftlichen Bewegung" zieht.

Am deutlichsten machten dies vor wenigen Monaten die Protagonisten der "Generation Filesharing" und der "Piratenbewegung": Die Betreiber von "The Pirate Bay", Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm Warg, Peter Sunde Kolmisoppi und Carl Lundström. Jahrelang war Pirate Bay Aushängeschild dieser vermeintlichen politischen Bewegung und kein Argument blieb ungenutzt, um zu unterstreichen, worum es den Betreibern angeblich ging: Eine politische Kraft zu sein, die sich gegen verkrustete, technikfeindliche Strukturen auflehnt und die erhobenen Hauptes und mit der Hybris des vermeintlich Überlegenen allen Widerständen trotzt, bis das Ziel erreicht ist. Das kein geringeres ist, als den gesellschaftlichen Wandel für die "Generation Internet" herbeizuführen. Für freies Wissen stritten sie angeblich, für die Demokratisierung der Kultur, gegen Zensur und Unterdrückung.

Als sich eben diese Protagonisten und Vorkämpfer der Piraten nach Jahren ihres auch in Schweden illegalen Treibens vor einem Stockholmer Gericht verantworten mussten, war von einer wie auch immer gearteten Metaebene, einem tieferen Sinn, einer politischen Mission nichts zu spüren. Stattdessen ließen sie gesenkten Hauptes durch ihre Anwälte vortragen, warum sie für ihr Werk, für das Aushängeschild der Piraten und den größten Filesharingserver der Welt nicht verantwortlich sind, damit nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen. Kein Mythos, kein Pathos, nichts.

 

Chaos Computer Club und Piratenpartei wollen in illegalem Downloaden einen tieferen Sinn erkannt haben. Doch kommt dieses Streiten für eine angebliche "Demokratisierung des freien Wissens" in Gestalt von Transformers 2: Die Rache und Call of Duty: Modern Warfare 2 daher, um zwei der am meisten heruntergeladenen Werke zu nennen und ist alles andere als politisch.

Wenn es tatsächlich darum ginge, das "Broadcast-Modell aufzubrechen", wie der CCC schreibt, und sich gegen die Interessen einer "überkommenen Industrie" zur Wehr zu setzen, dann wäre das zunächst eine marktwirtschaftliche Frage und nichts, was politisch entschieden werden muss. Gäbe es eine politische Dimension, dann wäre es nur konsequent, die Produkte der Multis mit den Äxten eben nicht zu konsumieren, sondern zu boykottieren. Paradoxerweise findet aber das nicht statt. Im Gegenteil.

Eine höchst bedenkenswerte gesellschaftspolitische Komponente, die Filesharing mit sich bringt, existiert allerdings und zieht schleichend in die Debatte ein: Der zutiefst egoistische Akt des illegalen Downloadens wird durch einen pseudo-politischen Überbau gesellschaftlich gerechtfertigt. Und erweist dem unterstützenswerten Anliegen vieler Menschen gegen ausufernde Überwachung, für Freiheit und informationelle Selbstbestimmung dadurch einen Bärendienst. Werden diese hehren Ziele doch dafür vereinnahmt, den Partikularinteressen der "Everything-for-free"-Fraktion einen Rechtfertigungsstrang zu liefern.

Filesharing und die für die verteilte Verbreitung entwickelte Technik sind nicht per se negativ oder verdammenswert. Im Gegenteil, eignen sie sich doch hervorragend für die Verbreitung großer Inhalte jeglicher Art. Bereits im Jahr 2006 gab es Kooperationsvereinbarungen zwischen Unterhaltungskonzernen und Bittorrent.com. Und die P2P-Technologie war Basis legaler Distributionsmodelle wie in2movies. Allerdings ist es für die Wirtschaft bisweilen unmöglich, mit den illegalen Angeboten auf Augenhöhe zu konkurrieren, stellen sich doch für diese beispielsweise nicht die Fragen des Jugendschutzes, der zwangsläufig Kontrollen mit sich bringt.

Die Antwort auf das Massenphänomen Filesharing kann und wird keine juristische sein, sondern eine hauptsächlich technische.

Ebenso technisch aber ist auch der Grund, warum überhaupt eine Diskussion um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen geführt wird. Gibt es das Problem doch nur, weil der IP-Adressraum begrenzt ist, weil für jede Internetverbindung individuelle IP-Adressen neu vergeben werden, um das Maximum aus den zur Verfügung stehenden Zahlenkombinationen herauszuholen. Wäre jedem Computer eine eindeutige Identifikation zugeordnet, ein globales Nummernschild auf der internationalen Datenautobahn, gäbe es dieses Problem vermutlich nicht. Niemand käme auf die Idee, die Meinungsfreiheit, die Informationsfreiheit und die Demokratie als gefährdet anzusehen, nur weil es Nummernschilder gibt. Und niemand würde in Zweifel ziehen, dass es Kontrollen und einen Sanktionsmechanismus für notorische Verkehrssünder geben muss.

Christian Sommer ist Vorstandsvorsitzender der GVU – der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen.