Gesellschaft zur Verfolgung von UrheberrechtsverletzungenDownloaden für die Demokratie?

Filesharing ist nicht politisch, antwortet Christian Sommer von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen auf Chaos Computer Club und Sandro Gayken. von Christian Sommer

Das Spiel "Call of Duty - Modern Warfare 2" führt derzeit die Liste der am meisten illegal kopierten Dinge an. Politisch ist das nicht, findet man bei der Unterhaltungsindustrie

Das Spiel "Call of Duty - Modern Warfare 2" führt derzeit die Liste der am meisten illegal kopierten Dinge an. Politisch ist das nicht, findet man bei der Unterhaltungsindustrie  |  © Activision

Es könnte einem Angst und Bange werden, wenn in der aktuellen Diskussion um die gesellschaftspolitische Dimension des Filesharings aufgezählt wird, was angeblich alles auf dem Spiel stehe. Die Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit, ja die Demokratie als Ganzes – so wird behauptet – stünde beim Kampf gegen illegale Downloads auf der Kippe. Man könnte meinen, Verhältnisse wie in China, gar Nordkorea und Birma stünden bald vor der Tür und den milliardenschweren Unterhaltungskonzernen und ihren Anwälten ginge es darum, die Axt an die Wurzel dessen zu legen, was unsere Gesellschaft ausmacht. In diese Richtung geht zumindest der technologiephilosphische Ansatz von Sandro Gaycken.

Die politische Dimension illegalen Downloadens will der Chaos Computer Club erkannt haben und sieht bereits eine absolute politische Mehrheit der Filesharer – virtuell zumindest – die sich als letzte Bastion der Demokratie zur Wehr setzt.

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Der Download als politische Meinungsäußerung, als altruistischer Akt für mehr Demokratie? Filesharing ist kein politisches Statement. Es gibt keinen tieferen Grund, keine Metaebene beim illegalen Downloaden. Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten. Der Grund ist viel banaler. Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent.

Zwar mag es sein, dass eine kleine politische, ja, Elite, in der Tat einen tieferen Sinn im Filesharing sieht, tiefer als nur eine günstige und bequeme Möglichkeit, an Filme, Musik, eBooks und Games zu kommen. Das gab es schon immer und jede Generation hat sich die Feindbilder und Gegner geschaffen, die sie brauchte. Nun ist also die Unterhaltungswirtschaft dran. Für die Masse sprechen diese Eliten nicht, sie nehmen sie höchstens in Geiselhaft für ihre Klientelpolitik.

Kein Zweifel, der Chaos Computer Club glaubt, was dessen Protagonisten schreiben, in der Konsequenz stehen diese aber – wie von Sandro Gaycken gut beobachtet – der Inkonsequenz der Piratenpartei in nichts nach. Diese Inkonsequenz ist es, die sich wie ein roter Faden durch die Diskussion um die vermeintlich politische Dimension des Filesharings und die einer "gesellschaftlichen Bewegung" zieht.

Am deutlichsten machten dies vor wenigen Monaten die Protagonisten der "Generation Filesharing" und der "Piratenbewegung": Die Betreiber von "The Pirate Bay", Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm Warg, Peter Sunde Kolmisoppi und Carl Lundström. Jahrelang war Pirate Bay Aushängeschild dieser vermeintlichen politischen Bewegung und kein Argument blieb ungenutzt, um zu unterstreichen, worum es den Betreibern angeblich ging: Eine politische Kraft zu sein, die sich gegen verkrustete, technikfeindliche Strukturen auflehnt und die erhobenen Hauptes und mit der Hybris des vermeintlich Überlegenen allen Widerständen trotzt, bis das Ziel erreicht ist. Das kein geringeres ist, als den gesellschaftlichen Wandel für die "Generation Internet" herbeizuführen. Für freies Wissen stritten sie angeblich, für die Demokratisierung der Kultur, gegen Zensur und Unterdrückung.

Als sich eben diese Protagonisten und Vorkämpfer der Piraten nach Jahren ihres auch in Schweden illegalen Treibens vor einem Stockholmer Gericht verantworten mussten, war von einer wie auch immer gearteten Metaebene, einem tieferen Sinn, einer politischen Mission nichts zu spüren. Stattdessen ließen sie gesenkten Hauptes durch ihre Anwälte vortragen, warum sie für ihr Werk, für das Aushängeschild der Piraten und den größten Filesharingserver der Welt nicht verantwortlich sind, damit nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen. Kein Mythos, kein Pathos, nichts.

Chaos Computer Club und Piratenpartei wollen in illegalem Downloaden einen tieferen Sinn erkannt haben. Doch kommt dieses Streiten für eine angebliche "Demokratisierung des freien Wissens" in Gestalt von Transformers 2: Die Rache und Call of Duty: Modern Warfare 2 daher, um zwei der am meisten heruntergeladenen Werke zu nennen und ist alles andere als politisch.

Wenn es tatsächlich darum ginge, das "Broadcast-Modell aufzubrechen", wie der CCC schreibt, und sich gegen die Interessen einer "überkommenen Industrie" zur Wehr zu setzen, dann wäre das zunächst eine marktwirtschaftliche Frage und nichts, was politisch entschieden werden muss. Gäbe es eine politische Dimension, dann wäre es nur konsequent, die Produkte der Multis mit den Äxten eben nicht zu konsumieren, sondern zu boykottieren. Paradoxerweise findet aber das nicht statt. Im Gegenteil.

Eine höchst bedenkenswerte gesellschaftspolitische Komponente, die Filesharing mit sich bringt, existiert allerdings und zieht schleichend in die Debatte ein: Der zutiefst egoistische Akt des illegalen Downloadens wird durch einen pseudo-politischen Überbau gesellschaftlich gerechtfertigt. Und erweist dem unterstützenswerten Anliegen vieler Menschen gegen ausufernde Überwachung, für Freiheit und informationelle Selbstbestimmung dadurch einen Bärendienst. Werden diese hehren Ziele doch dafür vereinnahmt, den Partikularinteressen der "Everything-for-free"-Fraktion einen Rechtfertigungsstrang zu liefern.

Filesharing und die für die verteilte Verbreitung entwickelte Technik sind nicht per se negativ oder verdammenswert. Im Gegenteil, eignen sie sich doch hervorragend für die Verbreitung großer Inhalte jeglicher Art. Bereits im Jahr 2006 gab es Kooperationsvereinbarungen zwischen Unterhaltungskonzernen und Bittorrent.com. Und die P2P-Technologie war Basis legaler Distributionsmodelle wie in2movies. Allerdings ist es für die Wirtschaft bisweilen unmöglich, mit den illegalen Angeboten auf Augenhöhe zu konkurrieren, stellen sich doch für diese beispielsweise nicht die Fragen des Jugendschutzes, der zwangsläufig Kontrollen mit sich bringt.

Die Antwort auf das Massenphänomen Filesharing kann und wird keine juristische sein, sondern eine hauptsächlich technische.

Ebenso technisch aber ist auch der Grund, warum überhaupt eine Diskussion um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen geführt wird. Gibt es das Problem doch nur, weil der IP-Adressraum begrenzt ist, weil für jede Internetverbindung individuelle IP-Adressen neu vergeben werden, um das Maximum aus den zur Verfügung stehenden Zahlenkombinationen herauszuholen. Wäre jedem Computer eine eindeutige Identifikation zugeordnet, ein globales Nummernschild auf der internationalen Datenautobahn, gäbe es dieses Problem vermutlich nicht. Niemand käme auf die Idee, die Meinungsfreiheit, die Informationsfreiheit und die Demokratie als gefährdet anzusehen, nur weil es Nummernschilder gibt. Und niemand würde in Zweifel ziehen, dass es Kontrollen und einen Sanktionsmechanismus für notorische Verkehrssünder geben muss.

Christian Sommer ist Vorstandsvorsitzender der GVU – der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen.

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Leserkommentare
  1. 1.

    1. Filesharing ist nicht Pirate Bay und nicht die Piratenpartei. Diese stellvertretend für, nennen wir es mal die ganze "Filesharingkultur" heran zu ziehen, zeigt nur, wie weit entfernt die GVU von dem ist, was tatsächlich stattfindet.

    2. "Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten." - Das müssen Sie natürlich wissen, denn immerhin können Sie ja in die Köpfe der Filesharer gucken. Okay, das noch nicht. Aber Ihr "Nummernschild" wäre da doch ein guter Anfang!?

    3. Transformers 2? Call of Duty - MW 2? Interessant, dass die GVU jetzt auch schon entscheidet, was Kulturgut ist, was bloße Unterhaltung, was es wert ist heruntergeladen zu werden und was nicht und dass sie entscheidet, was gefälligst Demokratie bedeutet und was ihr dienlich ist und was nicht.

    4. "Everything-for-free": wieso besetzen Sie den Begriff negativ? Etwas schöneres kann es doch kaum geben. Das funktioniert im Kapitalismus natürlich nicht, den Sie hier so vehement vertreten. Im Prinzip dreht sich ja Ihre ganze Argumentation darum. Deshalb ist es auch wenig überraschend, dass durch diese reaktionäre Haltung Ihr Verein in nicht allzu ferner Zukunft überflüssig sein wird. Die Filesharing-Generation ist längst da und wird wachsen. Und mit ihr ein freiheitliches Verständnis von Kultur und Unterhaltung (und hoffentlich noch darüber hinaus).

    • ben_
    • 11. Dezember 2009 13:11 Uhr

    Auch wenn ich durchaus die Interessen der Leistungrechtverwerter (um Urheberrechtsverletzung geht es hier ja gar nicht) sehe und auch wirklich verstehe … selten habe ich eine so schlechte Argumentation für eine eigentlich valide Position gelesen.

    "Filesharing ist kein politisches Statement. Es gibt keinen tieferen Grund, keine Metaebene beim illegalen Downloaden."

    Richtig. Aber Filesharing ist eben nicht gleichzusetzen mit illegalem Downloaden. Ebensowenig, wie alle Computerspiele Killerspiele sind, ebensowwenig wie alle Musik das Rechtsrock ist und ebensowenig wie jede Photo Kinderpornographie ist.

    "Das gab es schon immer und jede Generation hat sich die Feindbilder und Gegner geschaffen, die sie brauchte."

    Was für ein Unfug. Erstens haben wir mit dem Internet eine neue völlig Qualität der Verfügbarkeit von Inhalten geschaffen. Wahlfreier Zugriff auf alles, überall, jederzeit zu einem Bruchteil eins Promill der vorherigen Kosten … das hat es vorher noch nie gegeben. Und sie schwächen ihre eigenen Position, wenn sie das behaupten.

    Zweitens … was für eine völlig sinnentleerte Phrase ist das bitte?

    • ben_
    • 11. Dezember 2009 13:16 Uhr

    "Die Antwort auf das Massenphänomen Filesharing kann und wird keine juristische sein, sondern eine hauptsächlich technische."

    Völlig falsche Grundannahme. Aus einer Technik wird erst dann kulturelle Praxis, wenn es eine gesellschaftlichen Willen für ihre Verwendung gibt. Eine neue Technik allein verändert ganz und gar nichts. Und umgekehrt verändert das verändern eine Technik nichts. Erst ein Wandel im Bedarf wird auch eine Veränderung im Verhalten mit sich bringen.

    "Niemand käme auf die Idee, die Meinungsfreiheit, die Informationsfreiheit und die Demokratie als gefährdet anzusehen, nur weil es Nummernschilder gibt. Und niemand würde in Zweifel ziehen, dass es Kontrollen und einen Sanktionsmechanismus für notorische Verkehrssünder geben muss."

    Falsche Metapher! Als bekennender Autoverachter ist mir die aber in letzter Zeit öfter in den Sinn gekommen. Denn Autos töten jedes Jahr 5000 Menschen, verkrüpeln und verletzen weit aus mehr und in der Regel aus einem Grund: Überhöhte Geschwindigkeit und zu geringer Abstand. Eine ständige lückenlose Überwachung aller Autos mit Fahrtenschreibern und digitalen Überwachunsmethoden (was gerade auf Autobahnen leicht möglich wäre) einschl. eines automatisierten Strafbescheidsystems würde hier mit Sicherheit Leben retten. hier ginge es nichtmal nur um Geld. Es ginge hier um Menschenleben.

    Wollen Sie, dass jederzeit jemand überwacht, wann Sie wie schnell und wohin fahren? Wollen Sie, dass diese Daten auf Vorrat gespeichert werden? DAS wäre nämlich die korrekte Analogie von der IP zum Nummernschild. Und glauben Sie ernsthaft, das wäre keine Gefahr für die Demokratie?

  2. Eine Wirtschaft, die sich darauf gründet, Urheber von Texten und Musik gnadenlos auszubeuten, verdient meinen Respekt nicht. Wenn mein Buch für 29,- Euro verkauft wird, ich jedoch nur 1,50 Euro dafür bekommen, wird deutlich, welche Geister hier beschworen werden sollen. Das hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun, sondern mit fehlender Moral und einfachem Machtstreben.

    Es ist wohl vielen klar, daß es so nicht weiter gehen kann. Wohin es sich jedoch entwickelt, wird sich zeigen.
    Bis jetzt hat die Lobby der Mediokraten wenig Macht über die Internetnutzer, und ich hoffe sehr, daß das so bleibt und nicht mit undemokratischen Mitteln abgeschafft wird. Das "zivile" Internet steht erst ziemlich am Anfang, und es ist die erste Möglichkeit, wirklichen, nicht von Interessen gesteuerten Austausch von Informationen zwischen armen und reichen Ländern zu realisieren. Das hat nichts mit Viedospielen, Musik oder Filmen zu tun, sondern mit Informationen, die immens wichtig zur Gestaltung unserer Lebensräume auf dieser Erde sind, wo alles mit allem zusammenhängt.
    Wären die Medieokraten nicht so gierig, würden Nutzer deren Werke auch bezahlen. Früher haben wir als Schüler auch keine 30 DM für eine LP ausgeben können, im ganzen Schülerleben vielleicht 20 mal. Aber mehr hätte man auch nicht kaufen können bei den absurden Preisen.
    Ich sehe nicht, daß ein Schaden dadurch entstehen kann, indem man etwas vermehrt. Dieser Zusammenhang ist konstruiert und müßte bewiesen werden.

  3. "Gäbe es eine politische Dimension, dann wäre es nur konsequent, die Produkte der Multis mit den Äxten eben nicht zu konsumieren, sondern zu boykottieren. Paradoxerweise findet aber das nicht statt. Im Gegenteil."

    Die Produkte von Nestle schmecken ja auch und dennoch sollte man die Finger davon lassen, denn die Konzernpolitik ist menschenverachtend.

    Bei vielen Mediakonzernen liegt die Sache nun so, dass ich an Prdukte komme, deren Inhalt mich wohl unterhält, für welche ich aber aufgrund von ablehnungswürdiger Firmenphilosophie keinen Cent ausgeben möchte. Filesharing bietet dies. Im übrigen lehne ich aber aus ästhetischen Gesichtspunkten genannte Machwerke ab... tschau

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • MaRapp
    • 11. Dezember 2009 22:03 Uhr

    "...Bei vielen Mediakonzernen liegt die Sache nun so, dass ich an Prdukte komme, deren Inhalt mich wohl unterhält, für welche ich aber aufgrund von ablehnungswürdiger Firmenphilosophie keinen Cent ausgeben möchte. Filesharing bietet dies. Im übrigen lehne ich aber aus ästhetischen Gesichtspunkten genannte Machwerke ab... tschau..."

    Das ist ja vielleicht eine krude Argumentation, die der Argumentation des Originalkommentars um nichts nachsteht an Naivität. Wenn ein Künstler eine Idee, ein Kunstwerk, ein Produkt herstellt bleibt es erst mal in seiner Verantwortung, an wen er es zur Weiterverbreitung gibt. Insofern berechtigt seine Entscheidung für einen wie auch immer agierenden Medienkonzern noch lange nicht zur illegalen Aneignung seines geistigen Eigentums.

  4. 6.

    Nun, wenn ich mir Ihr Geschreibsel von Nummernschildern für PC's ansehe, kommt zumindest Ihr Demokratieverständnis deutlich zu Tage.
    Würden Sie es auch befürworten, wenn jeder über die Autonummernschilder jederzeit herausfinden könnte, wo Sie waren, wen Sie mitgenommen haben, worüber Sie gesprochen haben, oder was Sie sonst so in Ihrem Auto getrieben haben?

    • silente
    • 11. Dezember 2009 13:26 Uhr
    7. ...

    (...)"...Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent."(...)

    Und die Argumentationen der Unterhalungsindustrie zur Legitimierung von Überwachung und Aussperrung sind objektiv und konsequent logisch? Ich denke eher nicht...

  5. Ein Boykott der großen Produktionsfirmen und Distributoren könnte langfristig einen reinigenden Effekt für die Kunst bewirken, auch wenn dies mittelfristig bedeuten würde das selbst talentierte KünstlerInnen benachteiligt wären.

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