Als die italienische Ausgabe der Zeitschrift Wired das Internet auf die Vorschlagsliste für den Friedensnobelpreis zu hieven versuchte, tauchte ein Beleg für seine politische Kraft besonders prominent auf: die Twitter-Revolution in Iran. Gemeint war die Rolle, die das Netz und vor allem der Mikronachrichtendienst Twitter bei den Protesten nach der iranischen Präsidentschaftswahl gespielt hatten. Das amerikanische Time-Magazine nannte Twitter gar das Medium der Bewegung. Und einen "Webby Award" gab es auch für die Twitter-Revolution als einem der "Top 10 Internet-Momente des vergangenen Jahrzehnts."

Doch wie so vieles hat auch diese Entwicklung ihre Schattenseite. Nicht nur, weil die iranische Regierung schnell begann, das Internet stärker zu kontrollieren und teilweise sogar so stark zu verlangsamen, dass es nicht mehr vernünftig zu benutzen war. Sondern weil sie selbst dazu überging, die Techniken der Aktivisten zu verwenden, um sie zu identifizieren und zu verfolgen.

So bedient sich die Regierung inzwischen unter anderem einer Technik namens Deep-Packet-Inspection. Damit kann sie automatisiert im aktuellen Datenverkehr nach Schlüsselworten suchen, schreibt Will Heaven im britischen Telegraph. Weder Sender noch Empfänger würden bemerken, dass jemand ihre Nachrichten heimlich kontrolliert habe.

Mit der Deep-Packet-Inspection analysieren westliche Internetdienste normalerweise ihren Datenstrom, um beispielsweise die Nutzer von Tauschbörsen ausfindig zu machen und diese Datenströme gezielt zu verlangsamen. In Iran könnten so die Autoren der regime-kritischen Inhalte aufgespürt und anhand der IP-Adresse ausfindig gemacht werden. Dann wäre es für die Sicherheitsdienste ein Leichtes, die Beweise auf ihren Rechnern sicherzustellen und die Regimegegner zu verhaften. 

"Auch wer außerhalb des Irans lebt, ist dann nicht frei von Verantwortung", schreibt Heaven. "Wer mit einem iranischen Aktivisten online kommuninziert oder ihn ermutigt, Nachrichten gegen das Regime im Netz zu verbreiten, könnte ihn damit in Lebensgefahr bringen", warnt er.

Heaven verweist auf die vielen Hundert Toten seit dem Beginn der Protestaktionen. Und auch viele der inzwischen wieder Freigelassenen seien in den berüchtigten iranischen Gefängnissen misshandelt und vergewaltigt worden. So berichtet etwa auch der österreichische Iran-Experte Walter Posch in einem Interview, er hätte alle seine Kontakte nach Iran abgebrochen, weil er als Sicherheitspolitiker bekannt sei. Um seine Kontakte nicht in Gefahr zu bringen, kommuniziere er stattdessen nur noch über Mittelsmänner.

Gibt man das Stichwort "Iranelection" bei Twitter ein, aktualisiert sich die Zahl der neuen Nachrichten mitunter in Hundertenschritten. Aber wie viele der Aktiven sitzen tatsächlich in Iran? Wo ist zum Beispiel das TehranBureau geblieben, das am 27. Dezember das letzte Mal von den Aufständen berichtete? Man kann nur hoffen, dass es bald wieder auftaucht.

Will Heaven glaubt, die Social-Media-Enthusiasten säßen vor allem in ihren sicheren westlichen Wohnzimmern. Sie sollten aufhören, sich einzubilden, mit ihren "dicken Fingern" am Drücker eines neuen Online-Tools die Welt zu verändern.

"Die iranische Bevölkerung nutzt alle technischen Möglichkeiten, um Informationen nach draußen zu geben", versichert indes der Iran-Experte Michael Pohly der Freien Universität Berlin auf eine E-Mail-Anfrage. Exponierte Personen würden allerdings überwacht, ihnen drohten Gefängnisstrafe und Folter, weil dies häufig mit Landesverrat gleichgesetzt werde. Doch die Iraner fänden durchaus ihre technischen Wege und Möglichkeiten, Informationen zu verbreiten und ins Ausland zu schicken. "Sie werden entschuldigen, wenn ich Ihnen nicht im Detail bekannt gebe, wie und mit welchen Methoden es ihnen gelingt, immer wieder durch die Netze der Kontrollbehörden zu schlüpfen", schreibt Pohl.

 

Sehr aktiv ist etwa der Twitter-Account von IranRiggedElect, von Iran88, und manic77, um nur einige (auch) englischsprachige Dienste zu nennen. So macht auf Twitter derzeit ein Ausschnitt aus einem gehackten Polizeifunk-Gespräch vom 27. Dezember die Runde, das durchaus als Ermutigung an alle Protestwilligen gesehen werden kann: Die Sicherheitskräfte scheinen ernste Schwierigkeiten zu haben, der Probleme Herr zu werden. Einige Polizisten haben sogar Angst, die Polizeistation könnte übernommen werden, wenn zu viele von ihnen die Station verlassen, um gegen Demonstranten vorzugehen.

Austin Heap, ein Web-Experte aus San Francisco unterstützt iranische Dissidenten mit technischen Hilfen. Auch er berichtet CNN, dass die iranische Regierung inzwischen weitaus effizienter gegen die Aufständischen im Netz vorgeht. Heap versorgt sie indes mit sicheren Proxy-Verbindungen, durch die sie ihre Inhalte weiterhin ins Netz stellen können, ohne entlarvt zu werden.

Haystack ist ein weiteres Projekt, das es sich explizit zur Aufgabe gemacht hat, den Iranern bei der technischen Umgehung von Zensurmaßnahmen zu helfen. Auch Anonymisierungs-Methoden wie Tor können den Absendern regimekritischer Nachrichten helfen, ihre Identität zu verschleiern.

Technische Sicherheits-Hinweise machen immer wieder auf Twitter die Runde. Zum Beispiel, dass viele Web-Seiten der Regimegegner durch das sogenannte "Cross-Site-Scripting" in die Knie gezwängt würden. Dass Firefox derzeit der sicherste Browser sei. "Insbesondere mit dem Add-on NoScript." Derzeit macht die dringende Bitte die Runde, nicht auf Links zu klicken, weil viele Angriffe per E-Mail versandt würden. "Gehe sicher, dass du die Links abschreibst, - nicht draufklicken!"

Weil unabhängige Medien in Iran nicht mehr arbeiten können, haben mutige Hobbyfilmer auch die visuelle Berichterstattung übernommen – mit der Handykamera. Wer dabei erwischt wird, dem drohen ebenfalls mehrjährige Haftstrafen. Auf den Seiten des Auswärtigen Amtes heißt es, Reisenden sei dringend empfohlen, jegliche politische Kundgebungen, Menschenansammlungen oder Demonstrationen weiträumig zu meiden und insbesondere auf Film- oder Tonaufnahmen zu verzichten, – auch mit dem Mobiltelefon. Gleiches gelte für SMS und Telefonate. Aber jedem Iraner sein Handy abzunehmen, der Schritt gehe wohl selbst den iranischen Sicherheitskräften zu weit, berichtet ein Exil-Iraner.

 

Womöglich haben die Proteste inzwischen zudem eine kritische Masse erreicht, wodurch die Gefahr für den einzelnen beträchtlich sinkt. Je mehr Menschen das Gefühl haben, sie wären in ihrem Kampf gegen das Regime nicht allein, desto besser für alle – da kann das Internet durchaus bei der Mobilisierung helfen. Zudem stockt inzwischen die Suche nach "exponierten" Anführern, wenn eine Bewegung im Grunde unabhängig ist von einem einzelnen Organisator.

Andere Exil-Iraner berichten allerdings, dass Freunde sich ohnehin weiterhin traditionell organisierten, etwa, indem sie sich regelmäßig zu einem festen Zeitpunkt auf Märkten oder an anderen öffentlichen Orten verabredeten. Das Internet spiele dabei nur eine Nebenrolle.

Was das Netz indes besonders gut kann, ist, die Aufmerksamkeit dafür zu schärfen, was in Iran vor sich geht. Das streitet auch Telegraph-Autor Heaven bei all seinem Hohn gegenüber den Twitterern mit ihren "dicken Fingern" nicht ab. Man dürfe sich nur nicht der Illusion hingeben, dass ein paar Twittereien vom westlichen, sicheren Wohnzimmer den mutigen Kämpfern in Iran wirklich helfen könnten. Manchmal eben sogar im Gegenteil.