Netz- und Suchmaschinenneutralität Vor dem Modem sind längst nicht alle gleich

Internetanbieter drosseln nicht genehme Inhalte und auch bei Suchmaschinen mangelt es an Chancengleichheit. Eine geschmähte Technik könnte das ändern: Filesharing.

Wie frei fließen unsere Daten wirklich? Bei vielen Suchmaschinen mangelt es an Chancengleichheit

Wie frei fließen unsere Daten wirklich? Bei vielen Suchmaschinen mangelt es an Chancengleichheit

Stellen Sie sich eine Autobahn mit zwei Spuren vor, auf der rechten, dort wo der Stau ist, stehen Sie. Links ist frei, niemand zu sehen. Doch Sie kommen nicht hinüber, können dort nicht fahren. Denn Sie haben keinen Porsche. Die Autobahn gehört dem Staat, Sie haben Ihre Steuern dafür bezahlt, doch Sie dürfen Sie nicht nutzen, wie Sie wollen, weil sie beispielsweise das falsche Auto fahren.

Im Straßenverkehr würde so etwas zu Aufständen und Meutereien führen. Im Internet aber nehmen wir genau diese Beschränkung hin. Nichts anderes verbirgt sich hinter Begriffen wie Netzwerkmanagement, Traffic-Priorisierung oder Preisdifferenzierung. Sie alle sind inzwischen nahezu alltägliche Verstöße gegen ein Ideal namens Netzneutralität.

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Je wichtiger das Internet für unser Leben wird, desto mehr Firmen wird klar, wie wertvoll die Ressource Geschwindigkeit dort ist und dass man damit viel Geld verdienen kann. Und eines der erfolgreichsten kapitalistischen Modelle ist nicht etwa, für ein Produkt einen Preis zu machen, sondern von jedem Käufer genau so viel Geld zu verlangen, wie er bezahlen kann und will.

Amazon beispielsweise hat das im Jahr 2000 tatsächlich versucht. Für das gleiche Produkt berechnete man verschiedene Preise, je nachdem, mit welchem Browser die Kunden angesurft kamen.

Ähnlich ist es mit einem Produkt, das Gerechtigkeit vorgaukelt, den Flatrates. Unternehmen wissen, dass Flatrates auch Verlust einbringen können, wenn Kunden diese ausreizen. Filesharing beispielsweise sorgt für enorme Datendurchsätze, weswegen Anbieter gerne mal jenen den Zugang drosseln, die Daten tauschen wollen. Vor allem große Internetanbieter (Internet Service Provider – ISP) sind es, die immer wieder versuchen, Kunden zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

Die amerikanische Telekommunikations-Überwachungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) hat daher kürzlich Regeln erlassen, die eben diese Netzneutralität sichern sollen – also gleichen Zugang für alle.

Doch hat das Thema noch einen ganz anderen, nicht weniger diskriminierenden Aspekt. Denn nicht nur ISPs können ihre Kunden ungleich behandeln, sondern – wie das Beispiel Amazon zeigt – jeder Anbieter von Produkten im Netz, so er nur groß genug ist.

Wie Google. Suchmaschinen haben als Schleuse für Informationen längst eine so bedeutende Rolle übernommen, dass sie so wichtig sind wie das Netz selbst. Daher forderte gerade Adam Raff in einem Kommentar in der New York Times: "Die FCC muss über die Netzneutralität hinausblicken und dabei die "Such-Neutralität" miteinschließen."

Denn, so seine Argumentation, Google habe inzwischen eine so immense Marktmacht angehäuft, dass die Firma bestimmen könne, wer gefunden werde und wer nicht. Und sie tue das auch. Die Ranking-Mechanismen, die festlegen, an welcher Stelle eine Website in den Suchergebnissen erscheint, sind nicht transparent. Doch straft das Unternehmen offensichtlich immer wieder Seiten ab, die bestimmten Regeln nicht folgen oder belohnt andere – vor allem die eigenen.

Amazon auch. Dort hatte man, wie ein Blogger entdeckte, im April Schwulen- und Lesbenliteratur von den Verkaufslisten verbannt. Sie war noch da, aber wer danach suchte, fand sie nicht auf den entsprechenden Ergebnislisten. Begründung: Ein bedauerlicher Fehler. Dabei war der entstanden, weil man die Werke als "adult content" eingestuft hatte, als nur für Erwachsene, und sie somit aus dem allgemeinen Angebot entfernte.

Je größer und wichtiger solche Angebote werden, desto mehr sollten wir uns um deren Neutralität sorgen. Das meint im Zweifel nicht, dass sie nicht filtern dürfen. Sondern es meint, dass solche Filter, Bremsen und Diskriminierungen zumindest transparent gemacht werden müssen. Es ist wie mit der Bildung, am meisten profitieren alle davon, wenn alle die gleichen Zugangschancen haben. Wenn dagegen beispielsweise Mittelständler fürchten müssen, Pleite zu gehen, weil sie zwar eine funktionierende, aber datenlastige Idee haben und der für sie viel teurere Netzzugang den Gewinn frisst, verlieren alle dabei. YouTube beispielsweise wäre unter diskriminierenden Bedingungen nie entstanden.

"Alle Datenpakete müssen gleich behandelt werden, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Empfänger", forderte Falk Lüke vom Bundesverband Verbraucherzentrale gerade in seinem gemeinsamen Vortrag mit dem Netzaktivisten Markus Beckedahl* beim Kongress des Chaos Computer Clubs. Auch dürfe es keine vorsätzliche Unterdrückung einzelner Inhalte geben. Die Frage, die wir uns stellen müssten, laute: "Sind wir vor dem Modem alle gleich?"

Gerade die so gern als gefährlicher Unsinn geschmähten Filesharingnetzwerke bieten übrigens eine Lösung, mit der sich Marktmacht umgehen und Neutralität gewährleisten ließe. Der Mathematiker, Programmierer und Netzaktivist Christian Bahls stellte auf dem Chaos-Kongress ein Programm vor, dass die Filesharingidee nutzt, um eine "verteilte Suchmaschine" aufzubauen. Jeder kann damit Teil der Suche werden, der eigene Rechner ist dann einer von vielen Knoten in einem weltweiten Netz und speichert nur ein paar Daten.

Sucht jemand in dieser "Wolke" eine bestimmte Seite, bekommt er sie von all den Knoten zugeschickt, die die entsprechenden Daten haben, Peer-to-Peer, von gleich zu gleich also, oder eben Filesharing. Gleichzeitig wird das Gesuchte selbst Teil des Wolkenwissens und wieder auf mehreren Rechnern abgelegt.

"Pirate Bay" funktionierte ähnlich. Nur dass es nun nicht allein um Musik- oder Filmdateien geht, die auf den Rechnern verteilt gespeichert werden, sondern eben um alles, von Spiegel-Online bis zu Dissertationen. Jeder Knoten wäre noch dazu "dumm", er wüsste dank Verschlüsselung nicht, was in seinem Speicher lagert – wodurch es unmöglich wäre, bestimmte Inhalte zu filtern und zu unterdrücken. Technisch ist das kein Problem mehr.

Der Vorteil: das Netzwissen lagerte nicht mehr auf den Servern eines einzelnen Unternehmens, sondern bei den vielen Verschiedenen, die mitmachen. Im Idealfall also bei allen.

*Markus Beckedahl schreibt im Kulturkampfblog auch für ZEIT ONLINE.

 
Leser-Kommentare
    • peto1
    • 30.12.2009 um 13:04 Uhr

    Aber gerade die Industrie und Konzerne wollen sowas verhindern, geschweigeden in europa, in europa sind die Politiker Anti-Netz eingestellt das heist sie machen dass was diese Konzerne von ihnen verlangen, dabei werden sogar gesetze verdreht so wie es ihnen passt.

  1. 2. hmm...

    Also zum Thema "FileSharing" - soweit ich weiß ist das Argument für die Drosselung dass ein paar Prozent (weniger als 10) mehr als 90% des Datenvolument verursachen - insofern finde ich eine Drosselung von Filesharing durchaus in Ordnung.

    Da der großteil von Filesharing sowieso illegal ist (nicht alles, ich weiß) wäre es hier auch kein großer Verlust.

    Allerdings wenn es dann zu legalen Seiten mit großen Datenvolumen kommt - BBC iplayer, ZDF Mediathek - da werden auch große Datenvolument bewegt und die werden immer wichtiger...

  2. 3. YaCy

    Vielleicht erscheint die hier präsentierte Lösung als neuartig - aber schauen Sie doch mal auf http://www.yacy.net/
    dort wird seit Jahren eine derartige dezentrale Suchmaschine angeboten (gratis).

  3. ... interessante Vorteile, sie werden sich letztlicher aber im kommerziellen Umfeld nicht durchsetzen. Einfach weil weder Google noch Murdoch sie kaufen können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entscheidend sind nicht Google oder Murdoch, sondern der Markt und ob man Ihn erreichen kann.
    Ohne Geld ist das schwierig und ein Modell, das Geldverdienen nicht begünstigt findet eher wenige Mitstreiter.
    Die entscheidende Frage bleibt, welches Motiv sollte potentiellen Anbietern ermöglichen, eine hohe Verbreitung zu erzielen und entsprechende Ressourcen dafür aufzubringen?

    Die Geschichte gerade von Google, Murdoch und Microsoft beweist ja, das genau die Lösung dieses Problems Erfolg bedeutet, auch wenn neue Probleme dabei entstehen.

    H.

    Entscheidend sind nicht Google oder Murdoch, sondern der Markt und ob man Ihn erreichen kann.
    Ohne Geld ist das schwierig und ein Modell, das Geldverdienen nicht begünstigt findet eher wenige Mitstreiter.
    Die entscheidende Frage bleibt, welches Motiv sollte potentiellen Anbietern ermöglichen, eine hohe Verbreitung zu erzielen und entsprechende Ressourcen dafür aufzubringen?

    Die Geschichte gerade von Google, Murdoch und Microsoft beweist ja, das genau die Lösung dieses Problems Erfolg bedeutet, auch wenn neue Probleme dabei entstehen.

    H.

  4. Entscheidend sind nicht Google oder Murdoch, sondern der Markt und ob man Ihn erreichen kann.
    Ohne Geld ist das schwierig und ein Modell, das Geldverdienen nicht begünstigt findet eher wenige Mitstreiter.
    Die entscheidende Frage bleibt, welches Motiv sollte potentiellen Anbietern ermöglichen, eine hohe Verbreitung zu erzielen und entsprechende Ressourcen dafür aufzubringen?

    Die Geschichte gerade von Google, Murdoch und Microsoft beweist ja, das genau die Lösung dieses Problems Erfolg bedeutet, auch wenn neue Probleme dabei entstehen.

    H.

    • mixa
    • 30.12.2009 um 16:28 Uhr

    ...niemals auf einen Anbieter verlassen. Ein Suchbegriff, drei Suchmaschinen, drei verschiedene Ergebnisse. Es kommt ja auch darauf an, was man sucht. Suche ich in Wissensgebieten dann Meta Ger, kommerziell Google, für die tägliche Suche habe ich Forestle. Es gibt ja noch jede Menge mehr Suchmaschinen, nicht das Erste sondern das Beste sollte man nehmen.
    Viele klicken nur auf google, ist doch klar das die in eine bestimmte Richtung gelenkt werden. Money, money.
    Es liegt am User, durch sein Verhalten gibt er den Maschinen die Kontrolle.
    Viele Klicks bei Forestle!

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    Aber Forestle nutzt doch auch Google bzw. Yahoo - da sind wir wieder im Teufelskreis.

    Als Empfehlung für alternative (gemeint sind andere) Suchtechnologien und Suchmaschinen verweise ich auf http://www.altsearchengin... - da wird alles beschrieben und diskutiert, was abseits von Google und Co. sich entwickelt.

    E. Stegentritt

    Aber Forestle nutzt doch auch Google bzw. Yahoo - da sind wir wieder im Teufelskreis.

    Als Empfehlung für alternative (gemeint sind andere) Suchtechnologien und Suchmaschinen verweise ich auf http://www.altsearchengin... - da wird alles beschrieben und diskutiert, was abseits von Google und Co. sich entwickelt.

    E. Stegentritt

  5. Aber Forestle nutzt doch auch Google bzw. Yahoo - da sind wir wieder im Teufelskreis.

    Als Empfehlung für alternative (gemeint sind andere) Suchtechnologien und Suchmaschinen verweise ich auf http://www.altsearchengin... - da wird alles beschrieben und diskutiert, was abseits von Google und Co. sich entwickelt.

    E. Stegentritt

  6. Hallo Herr Biermann, wenn Sie schon eine Suchmaschine nennen, die dezentral organisiert ist, sollten Sie sie auch beim Namen nennen. Ich vermute mal, Sie meinen Yacy, die ist aber nicht neu.

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