Wikileaks-Macher im Porträt Der Wahrheits-HackerSeite 2/2

Und wenn seine eigenen Mails veröffentlicht würden? Natürlich legt auch Schmitt Wert auf Datenschutz und Privatsphäre und fände das "traurig". Aber andererseits, wenn sich schon jemand die Mühe mache, seine Mails zu hacken, werde er schon einen triftigen Grund dafür haben, glaubt er. Jedes echte Dokument sei nun einmal auch ein Teil der Wahrheit. So hat Wikileaks auch die Namensliste derjenigen veröffentlicht, die für die Seite gespendet haben. Hat er Sorge, missbraucht zu werden? Fern ist ihm der Gedanke nicht. Schmitt vermutet beispielsweise, dass die Veröffentlichung der Kommunikation zu den Klimadaten ("Climate-Gate") ein gezielt lancierter Leak war – mit der Absicht, die Warnungen vor dem Klimawandel als übertrieben herunterzuspielen. "Das wäre natürlich traurig, wenn wir in 20 Jahren feststellen, dass uns eine solche Publikation dazu bewegt hätte, in die Klimakatastrophe zu laufen." Aber er hofft, dass damit nur eine Debatte angestoßen wurde und nun weitere Dokumente ans Tageslicht kommen.

Möglich ist es. Denn Journalisten bedienen sich gerne seines Materials, auch die großen Magazine haben schon zugegriffen. Aber sie ließen sich nicht immer dazu herab, auch die Quelle zu nennen, ärgert sich Schmitt. "Viele haben mit uns noch ein Problem", sagt er. Daher probiert Wikileaks jetzt, direkte Beziehungen aufzubauen und weniger anonym zu wirken. "Wir haben festgestellt, dass es sinnvoll ist, persönliche Ansprechpartner bei den Medien zu haben", sagt er. So kommt es auch, dass man Medien Material einige Stunden vor der Veröffentlichung exklusiv überlässt.

Die Computergeneration werde generell noch stark unterschätzt, sagt Schmitt. "Was sind Nerds? Was ist ein Hacker?", fragt er. Für ihn sind das "Sachverständige aus Leidenschaft", die nicht getrieben seien von einem konkreten Benefit, sondern die nur ganz "objektiv ihre Meinung vertreten".

"Natürlich stellen wir uns bei jeder einzelnen Publikation die Frage, ob das jemandem schadet und ob das jetzt gerechtfertigt ist", sagt er. Letztlich hätte er aber noch keine einzige Publikation bereut. Dem Argument etwa, dass die veröffentlichten Handbücher zu Militär-Operationen die Soldaten vor Ort gefährdeten, entgegnet er damit, dass ja auch andere im Besitz der Dokumente sein könnten, Wikileaks sie aber mit der Publikation für den Schwarzmarkt für immer entwertet. Auch den Mail-Verkehr des Holocaust-Leugners Irving hätte man nur in seiner Vollständigkeit publizieren können – selbst wenn er viele private Details enthielt. Ähnlich wie bei den 9/11-Textnachrichten hätte man sich sonst den Vorwurf der Zensur eingehandelt. "Wir können ja außerdem im Vorfeld nie wissen, was an wertvollen Informationen genau darin steckt." Wichtiger wog bei den Textnachrichten der Wunsch, die ganzen Verschwörungstheorien um den 11. September endlich zu entkräften.

Außerdem könne Privates durchaus politisch sein. Das habe der Hack der privaten E-Mails der ehemaligen Vize-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin gezeigt. Die hatte politische Botschaften über ihr privates Mail-Fach verschickt und so verhindern wollen, dass die Mails für die Nachwelt archiviert werden – wie es bei staatlicher Kommunikation geboten ist. Wikileaks zeigte die E-Mails und belegte so den Missbrauch. Dass dabei auch die privaten Fotos von Palins Kinder veröffentlicht wurden, tue ihm persönlich zwar leid. "Aber würde Wikileaks anfangen, einzelne Mails zu löschen, wären wir nicht mehr glaubwürdig."

Es ginge den Leuten vom Projekt – wie viele es sind, wollen sie nicht öffentlich machen – nicht um eine "Ego-Sache", sagt Schmitt. Trotzdem freue er sich, wenn jetzt wie kürzlich in Island ihn die Leute auf offener Straße erkennen und ihm die Hand schütteln würden. Er kommt gerade aus Reykjavik, wo seine Leute fast schon wie Nationalhelden gefeiert werden. Wikileaks hat Geheimdokumente zur Finanzkrise geleakt, wonach "jetzt alle Isländer wissen, wer mit ihrem Geld durchgebrannt ist", sagt Schmitt. Das kleine Land denke derzeit über eine völlig neue Gesetzgebung in Sachen Informationspolitik nach. Vergleichbar mit Steueroasen und Bankstandorten, hätte Island die Chance, sich als Standort für freie Informationen zu etablieren, hofft Schmitt. Außerdem biete Island perfekte Bedingungen für Daten-Server, kühl und mit ausreichend grünem Strom ausgestattet.

Schmitt erzählt, dass Freunde von früher sich gelegentlich beklagten, weil er heute so wenig Zeit habe. Auch Sport habe er früher sehr viel getrieben, und jetzt fast gar nicht mehr. Inzwischen stellten die Leute aus seinem Projekt sein soziales Umfeld dar. "Das Internet ist eine feine Sache", sagt er. "Ich hab's ja nicht weit." Von hier zu jemandem, der in Nairobi mit ihm zusammenarbeite, seien es ja nur 200 Millisekunden. Teile des Teams sehen sich zwar gelegentlich auf Konferenzen. Aber eigentlich verbinden sie die Monitore miteinander, rasend getippte Worte im Instant Messenger. "Wir haben sehr viel Respekt füreinander", sagt er. Er sei in der sehr glücklichen Lage, dass er das, woran er glaube, zu seiner Berufung gemacht habe.

"Wir versuchen gerade ein kleines Büro hochzuziehen, aber eigentlich fehlt dafür das Geld." Man arbeite aber an einem Geschäftsmodell, um ein Einkommen wenigstens für einen Teil der Leute zu schaffen. Bis Anfang des Jahres hat Schmitt als Netzwerkdesigner an einem Daten-Center-Projekt gearbeitet, irgendwann ging das nicht mehr, weil Wikileaks zu viel Zeit in Anspruch nahm. Von dem Geld, das er dabei gespart hat, lebt er noch. Es ist so gut wie aufgebraucht.

Für die anderen im Restaurant ist es ein frühes Abendessen, für Schmitt erst das Frühstück. Ob er nicht das Gefühl hat, durch seinen ungewöhnlichen Tagesrhythmus etwas zu verpassen? "Schon mal einen richtig schönen Sonnenaufgang gesehen?", fragt er zurück. "Ich habe das fast jeden Morgen, und dann lege ich mich zufrieden ins Bett und weiß, dass wir mit einer neuen Publikation vielleicht etwas Wichtiges angestoßen haben." Und wenn er dann mittags aufwacht, ist vielleicht schon das nächste Geheimdokument bei Wikileaks gelandet, das er bearbeiten muss.

 
Leser-Kommentare
  1. Echt nich'!

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    • ilot
    • 14.12.2009 um 19:40 Uhr

    Respekt! Ja! Aber Schmitts Mut kennt auch Grenzen.

    "Wichtiger wog bei den Textnachrichten der Wunsch, die ganzen Verschwörungstheorien um den 11. September endlich zu entkräften."

    Inwieweit das Wirrwarr um die unzähligen Textnachrichten bei dem Thema weiterhelfen mag? Der Versuch der zeitgeschichtlichen Einordnung des 11.09.2001 durch diesen mutigen Historiker aus der Schweiz könnte demgegenüber hilfreicher sein, um der wie immer vielschichtigen Wirklichkeit näher zu kommen.

    Im Abschnitt "Bündnisfall" des Vortrags an der Universität Basel wird genauer auf die Thematik eingegangen.

    Es gilt sich an den großen Fakten zu orientieren. Wann wurde der Krieg gegen Afghanistan geplant? Antwort: Bereits im Juni 2001, nach den gescheiterten Verhandlungen mit den Taliban über die Sicherung einer geplanten U.S.-Ölpipeline vom Kaspischen Meer hin zum Indischen Ozean. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass Kriege zumeist mit einer Lüge beginnen, so groß diese auch sein mag. Es gibt eben Vorwände für den Kriegsbeginn und auf der anderen Seite gibt es die Gründe dafür, oder besser: das Interesse am Krieg, zu welchem Ziel und Zwecke auch immer.

    Unschuldiges Blut (Quelle: tagesschau.de) fließt. Sinnlos.

    • ilot
    • 14.12.2009 um 19:40 Uhr

    Respekt! Ja! Aber Schmitts Mut kennt auch Grenzen.

    "Wichtiger wog bei den Textnachrichten der Wunsch, die ganzen Verschwörungstheorien um den 11. September endlich zu entkräften."

    Inwieweit das Wirrwarr um die unzähligen Textnachrichten bei dem Thema weiterhelfen mag? Der Versuch der zeitgeschichtlichen Einordnung des 11.09.2001 durch diesen mutigen Historiker aus der Schweiz könnte demgegenüber hilfreicher sein, um der wie immer vielschichtigen Wirklichkeit näher zu kommen.

    Im Abschnitt "Bündnisfall" des Vortrags an der Universität Basel wird genauer auf die Thematik eingegangen.

    Es gilt sich an den großen Fakten zu orientieren. Wann wurde der Krieg gegen Afghanistan geplant? Antwort: Bereits im Juni 2001, nach den gescheiterten Verhandlungen mit den Taliban über die Sicherung einer geplanten U.S.-Ölpipeline vom Kaspischen Meer hin zum Indischen Ozean. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass Kriege zumeist mit einer Lüge beginnen, so groß diese auch sein mag. Es gibt eben Vorwände für den Kriegsbeginn und auf der anderen Seite gibt es die Gründe dafür, oder besser: das Interesse am Krieg, zu welchem Ziel und Zwecke auch immer.

    Unschuldiges Blut (Quelle: tagesschau.de) fließt. Sinnlos.

  2. 2. Kudos

    Respekt.

  3. Irving etwa mag ein Holocaustleugner sein, da ist strafbar in einigen Ländern, in anderen nicht. Mir ist zudem schnuppe, was der Mann in seinen privaten E-Mails erzählt. Ebenso bei Palin. Was hat man jetzt für einen Gewinn davon gehabt, dass deren private Mails bekannt wurden? Was anderes ist das bei juristischen Personen bzw. bei Regierungen wie der unseren, die gezielt Themen verschleiert, die uns alle angehen.

    • ohopp
    • 14.12.2009 um 18:42 Uhr

    der grassierenden Hofberichterstattung und des Staatsfernsehens sind dies Juwele im Netz. Davon müßte es mehr geben, dann hätte unser Qualitätsjournalismus vor der Wahl nicht die Ulla durchs Dorf fahren lassen, sondern wäre gezwungen gewesen, sich z.B. mit dem Kunduznebel zu beschäftigen.

  4. 5. an 4.

    Nein, es müssen nicht gerade mehr sein. Sie müssen nur größer bzw. ihre Reichweite muss größer sein. Desto weniger es sind, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen sie.

  5. hat Daniel Schmitt mit Wikileaks ein Tool geschaffen, das noch große Bedeutungen eingeräumt wird. Allerdings ist Wikileaks auch ein zweischneidiges schwert.

    Genauso wie es für die Aufdeckung von Verschleierungen dienen kann, wie zum Beispiel der veröffentlichte Bericht aus Kundus, kann es von irgendwelchem extremistischen Parteien missbraucht werden.

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    • quirtz
    • 14.12.2009 um 19:07 Uhr

    es kommt daraufan, wie es von den menschen genutzt wird.

    bestes beispiel: main-stream-medien (wobei die zeit ja auch nur zum besseren teil besagter gruppe gehört)

    an wikileaks respekt, denn original-quellen sind nun mal am aufschlussreichsten, jede filterung, aufarbeitung durch einen anderen als mich, verfälscht mein persönliches urteil.

    völlig richtig.

    und es ist auch bestandteil dessen, was unter den begriff überwachungsstaat fällt.

    • quirtz
    • 14.12.2009 um 19:07 Uhr

    es kommt daraufan, wie es von den menschen genutzt wird.

    bestes beispiel: main-stream-medien (wobei die zeit ja auch nur zum besseren teil besagter gruppe gehört)

    an wikileaks respekt, denn original-quellen sind nun mal am aufschlussreichsten, jede filterung, aufarbeitung durch einen anderen als mich, verfälscht mein persönliches urteil.

    völlig richtig.

    und es ist auch bestandteil dessen, was unter den begriff überwachungsstaat fällt.

  6. weiter so....

    • quirtz
    • 14.12.2009 um 19:07 Uhr

    es kommt daraufan, wie es von den menschen genutzt wird.

    bestes beispiel: main-stream-medien (wobei die zeit ja auch nur zum besseren teil besagter gruppe gehört)

    an wikileaks respekt, denn original-quellen sind nun mal am aufschlussreichsten, jede filterung, aufarbeitung durch einen anderen als mich, verfälscht mein persönliches urteil.

    Antwort auf "eigentlich"

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