Rückzug aus ChinaDie Google-Republik

Nichts Böses tun, ist der Grundsatz von Google. Deshalb jubeln viele über den möglichen Rückzug aus China. Aber ist die Firma deswegen schon gut? von 

Google in China

Im April 2006 feierte Google groß seinen Start in China unter dem Markennamen 'Gu Ge' mit Regierungsvertretern. Von dieser Harmonie ist nicht mehr viel übrig  |  © Guang Niu/Getty Images

Google will seine Suchseite nicht mehr nach chinesischen Wünschen zensieren. Viele applaudieren und loben den Konzern als Verteidiger der Freiheit. Jeff Jarvis beispielsweise, Autor des Buches What would Google do und erklärter "Fanboy" des Konzerns schreibt in seinem Blog: "I applaud Google for finally standing up to the Chinese dictatorship and for free speech." Sinngemäß: Meine Hochachtung für diesen Einsatz für die Redefreiheit.

Ja, es ist ein interessanter Schritt. Aber was sind die Motive des Internetkonzerns? Stärkung der Grundrechte? Nicht wirklich, oder?

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Die Firma agiert, wie Jarvis in seinem Buch geschrieben hat, nach dem Grundsatz: was gut für das Netz ist, ist gut für Google. Redefreiheit ist in diesem Sinne gut für das Netz, dient das doch vor allem zum Kommunizieren, und Google verdient gut daran, wenn immer mehr geredet wird. Auch Netzneutralität ist prima, will der Konzern doch nicht bestraft werden für die Unmengen Daten, die er in jeder Sekunde um die Erde jagt. Und ja, die Ansage, sich nicht mehr zensieren lassen zu wollen ist toll und ein wichtiges Signal an andere Firmen wie Siemens und Yahoo, die bereitwillig Geschäfte mit den Zensoren machen. Es ist gut, weil wir in der westlichen Welt Zensur nicht ohne Grund als etwas Übles verurteilen – etwas das die Kommunikation beschränkt und daher nebenbei Googles Gewinn schmälert.

Deswegen aber zu behaupten, Google würde sich für Redefreiheit und Netzneutralität einsetzen, ist naiv. Unabhängig von der allgemeinen Übereinkunft, dass Zensur schlecht ist, könnte der Schritt auch anders betrachtet werden. Als der Versuch nämlich, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung auf Staaten einzuwirken.

So etwas gab es früher schon, es hat uns den Begriff Bananenrepublik beschert. Das bekannteste Beispiel war die United Fruit Company, heute Chiquita, die ihre Macht nutzte, um in Mittelamerika Regierungen zu stürzen und Länder nach ihren Wünschen zu formen.

Was lehrt, dass es nicht nur großartig ist, wenn Unternehmen Einfluss auf Staaten nehmen, haben sie doch im Zweifel keine menschenrechtlichen Interessen. Wenn es denn doch einmal so aussieht, ist es eher ein Zufall, bestimmt aber keine Absicht.

Leserkommentare
  1. Da erwägt Google seinen Rückzug ausdrücklich aufgrund der Einschränkungen durch die chinesische Zensur, aber bei der Zeit vermutet man vielmehr wirtschaftliche Motive. Was ist daran bitteschön verwerflich? Google ist weder ein staatliches Gebilde noch eine Menschenrechtsorganisation... Ein Beitrag, der absolut ins Leere führt!

  2. Ebay stieg auch nach ein paar schlechten Geschäftsjahren aus China aus, weil die Amerikaner die Kultur einfach nicht begreifen können.

    Google hat gerade mal 30% Marktanteil in China.

    Die Netzzensur hat natürlich einen großen Einfluß auf Google, vor allem mit der Cloud-Infrastruktur. Wenn die Daten auf den Servern in Amerika blockiert werden, dann funktionieren die meisten Services gar nicht mehr.

    Google Reader, Google Docs, und auch Yahoo! Flickr werden regelmäßig blockiert.

    • bibber
    • 13. Januar 2010 12:37 Uhr

    "Staaten reinvestieren Gewinn vollständig in Infrastruktur und Ähnliches, sie schöpfen ihn nicht ab, um Einzelne zu bereichern."

    Das war wohl nichts: gerade vor ein paar Monaten haben Merkel und Steinbrück ein Musterbeispiel dafür abgelegt, daß dem nicht so ist. Die vielen Milliarden, die aufgrund einer ominösen "Krise" verteilt wurden, wurden eben nicht investiert. Einzelne haben sich an den Bankenmilliarden und überhaupt an der Krise bereichert. Das Prinzip ist nicht immer so auffällig in ihrer Wirkung, aber immer aktiv. Das ist Korruption in ihrer perfidesten Form, und es ist bei uns und anderswo allgegenwärtig. Wer etwas dagegen sagt, wird dem Glauben an Verschwörungstheorien bezichtigt und dadurch mundtot gemacht. Herzlichen Glückwunsch, Scheindemokratie!

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    ist keine staatliche Maßnahme, sondern eine Folge der mangelnden Loyalität weniger Menschen gegenüber vielen Menschen, somit ist nicht das "System Staat" dafür verantwortlich zu machen. Der im Artikel herangezogene Vergleich dient nur der Verdeutlichung, genauer um die Strukturen von solch Konzernen wie Google kurz und bündig zu beschreiben. Und es dient dazu, den Anhängern dieses Konzerns ein Argument zu unterbreiten, weshalb die Abkehr von China als solche - nicht aber Google für seine Tat zu feiern ist.
    Diesbezüglich kann man anderer Meinung als Herr Biermann sein, allerdings sollte man diese dann nicht mit einem ins Leere führenden Kommentar ausführen.

    Pru

  3. Diesen Satz muss ich auch noch mal aufgreifen:

    "Staaten reinvestieren Gewinn vollständig in Infrastruktur und Ähnliches, sie schöpfen ihn nicht ab, um Einzelne zu bereichern."

    Google investiert - zwar nicht vollständig, zugegeben - in neue Produkte, Dienste und Innovationen mit dem Ziel, die Interneterfahrung zu bereichern. Ich sehe nichts falsches daran, dass eine Person oder eine Firma, die neue Ideen entwickelt, auch davon profitieren soll. Nur so funktioniert Kapitalismus.

    Abgesehen davon habe ich ernsthafte Zweifel, dass diejenigen, die über staatliche Investitionen entscheiden, dies immer völlig ohne Eigennutz tun. Das funktioniert auch nur in der Theorie.

    • mixa
    • 13. Januar 2010 12:58 Uhr
    5. google

    Es ist einfach nur Klasse. Google hat was, was andere nicht haben. Die machen das was sie sagen, punkt.
    tschö

  4. Der Westen ist arrogant. Woher nimmt er sich das Recht Zensur zu verurteilen. Es ist Mittel eines anderen Staatenmodells. Nicht alles was vom hießige abweicht ist ablehnenswert. In China könnten tiefbraune Zeitungen wie die österreichische Krone nicht entstehen. Diese darf ungehindet, geschützt durch die Pressefreiheit, braune Parolen an die Hälfte der österreichsichen Leserschaft verbeiten oder diesen zumindest eine Plattform liefern. Die Macht der Medien auf die Politik ist hierzulande (D) doch nicht abzustreiten. Ob sie nun konstruktive Beiträge liefert, steht auf einem anderen Blatt! Sicherlich ist Pressefreiheit eine grundsätzlich löbliche Errungenschaft. Aber ich sehe nicht ein, warum wir Zensur als solche bestrafen! Vielmehr ist doch das, was daraus gemacht wird das Problem. Sowohl bei der Pressefreiheit, als auch bei der Zensur! Der Westen darf seine Werte nicht als Allheilmittel verkaufen. Dafür hat er auf der Welt viel zu viel Schaden angerichtet. Dieses Verhalten ist arrogant und stößt zurecht auf Verachtung seitens der Chinesen!
    Gruß

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    • Pencil
    • 13. Januar 2010 13:40 Uhr

    Ich kann nicht begreifen wie man nach Bücherverbrennungen im eigenen Land und der übelsten Zensur in Kombination mit Manipulationsversuchen vor einiger Zeit Zensur als nicht verwerflich betrachten kann.

    • Pencil
    • 13. Januar 2010 13:40 Uhr

    Ich kann nicht begreifen wie man nach Bücherverbrennungen im eigenen Land und der übelsten Zensur in Kombination mit Manipulationsversuchen vor einiger Zeit Zensur als nicht verwerflich betrachten kann.

    Antwort auf "zensur vs. publizismus"
  5. Es ist lächerlich zu beobachten, wie die Feinde der Freiheit zuallererst aus dem westlichen "Verständnis-für-den-Anderen"-Lager kommen. Google vertritt nicht westlichen Imperialismus, sondern etwas, wofür chinesische Bürger seit Jahrzehnten ihr Blut gelassen haben. Der Chiquita Vergleich ist, mit Verlaub, unter aller Sau. [ Anmerkung: Bitte bleiben Sie sachlich in Ihrer Wortwahl. Danke. Die Redaktion/m.e. ]

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