Google will seine Suchseite nicht mehr nach chinesischen Wünschen zensieren. Viele applaudieren und loben den Konzern als Verteidiger der Freiheit. Jeff Jarvis beispielsweise, Autor des Buches What would Google do und erklärter "Fanboy" des Konzerns schreibt in seinem Blog: "I applaud Google for finally standing up to the Chinese dictatorship and for free speech." Sinngemäß: Meine Hochachtung für diesen Einsatz für die Redefreiheit.

Ja, es ist ein interessanter Schritt. Aber was sind die Motive des Internetkonzerns? Stärkung der Grundrechte? Nicht wirklich, oder?

Die Firma agiert, wie Jarvis in seinem Buch geschrieben hat, nach dem Grundsatz: was gut für das Netz ist, ist gut für Google. Redefreiheit ist in diesem Sinne gut für das Netz, dient das doch vor allem zum Kommunizieren, und Google verdient gut daran, wenn immer mehr geredet wird. Auch Netzneutralität ist prima, will der Konzern doch nicht bestraft werden für die Unmengen Daten, die er in jeder Sekunde um die Erde jagt. Und ja, die Ansage, sich nicht mehr zensieren lassen zu wollen ist toll und ein wichtiges Signal an andere Firmen wie Siemens und Yahoo, die bereitwillig Geschäfte mit den Zensoren machen. Es ist gut, weil wir in der westlichen Welt Zensur nicht ohne Grund als etwas Übles verurteilen – etwas das die Kommunikation beschränkt und daher nebenbei Googles Gewinn schmälert.

Deswegen aber zu behaupten, Google würde sich für Redefreiheit und Netzneutralität einsetzen, ist naiv. Unabhängig von der allgemeinen Übereinkunft, dass Zensur schlecht ist, könnte der Schritt auch anders betrachtet werden. Als der Versuch nämlich, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung auf Staaten einzuwirken.

So etwas gab es früher schon, es hat uns den Begriff Bananenrepublik beschert. Das bekannteste Beispiel war die United Fruit Company, heute Chiquita, die ihre Macht nutzte, um in Mittelamerika Regierungen zu stürzen und Länder nach ihren Wünschen zu formen.

Was lehrt, dass es nicht nur großartig ist, wenn Unternehmen Einfluss auf Staaten nehmen, haben sie doch im Zweifel keine menschenrechtlichen Interessen. Wenn es denn doch einmal so aussieht, ist es eher ein Zufall, bestimmt aber keine Absicht.

 

Googles Machtdemonstration weckt noch einen anderen Impuls. Offensichtlich betrachtet sich der Konzern als so mächtig, dass er einerseits auf den chinesischen Markt, immerhin einen der größten der Welt – verzichten kann. Und andererseits auch als stark genug, sich mit der chinesischen Regierung anzulegen. Etwas, das nicht einmal große Industrienationen wie Deutschland oder die USA ernsthaft wagen.

In der Konsequenz heißt das, dass uns in Google ein neues quasistaatliches Gebilde erwächst. Eine Idee, die der Blogger Christian Heller in einem Vortrag beim Kongress des Chaos Computer Clubs im Dezember ausführte.

O.K., ließe sich einwenden, statt die Interessen der eigenen Bürger zu verteidigen, kümmert sich Google eben um die seiner Kunden. Das Ergebnis ist dasselbe. Vielleicht ist es das. Mit zwei Unterschieden. Staaten reinvestieren Gewinn vollständig in Infrastruktur und Ähnliches, sie schöpfen ihn nicht ab, um Einzelne zu bereichern. Und demokratische Staaten sind, auch wenn das oft nicht so wirkt, transparent und ja, eben demokratisch. Von Google lässt sich das bei aller Liebe nur schwer behaupten.

Also: Ein Bravo an Google, aber eine Warnung an all jene, die das mit einem Sieg für die Freiheit gleichsetzen.