Haiti Das Netz hilft

Dank der direkten Kommunikation via Internet helfen sich die Überlebenden in Haiti gegenseitig. Und berühren mit ihren Nachrichten Menschen weltweit.

Vor dem zerstörten Gebäude von Radio Caraibes in Port-au-Prince laden Haitianer ihre Handys auf. Die Radiostation liefert mit einem Generator den Strom dafür.

Vor dem zerstörten Gebäude von Radio Caraibes in Port-au-Prince laden Haitianer ihre Handys auf. Die Radiostation liefert mit einem Generator den Strom dafür.

Die Nachrichten sind kurz, 140 Zeichen nur, doch oft klingen sie umso verstörender. "orphanage lat:18.55659574576912, long:-72.30873942375183, help! 3 babies dead, more dieing, need h2o, please send help!", schreibt beispielsweise eine "AmieeMccaffrey"  auf Twitter und bittet um Hilfe für verdurstende Kinder. Kurz darauf der nächste Hilferuf von ihr, wieder eine Positionsangabe, wieder ein Waisenhaus, ein anderes dieses Mal: "orphanage needs fuel and water, they are in the dark need help".

Trotz der internationalen Hilfe scheint die Krise nach dem Erdbeben  noch lange nicht unter Kontrolle. Zumindest kann diesen Eindruck bekommen, wer auf Blogs und bei Twitter Meldungen mit dem Stichwort Haiti verfolgt.

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Manche Einträge sind zwar dramatisch, doch gleichzeitig drückt die Kommunikation über das Netz etwas aus, das nach Katastrophen oft zu beobachten ist: Menschen versuchen, sich gegenseitig zu helfen, sich zu beruhigen, sich zu unterstützen.

"AOL says corpses are everywhere. Thats last weeks news. The only bodies we smelled yesterday were under rubble", schreibt beispielsweise Richard Morse, Musiker und Manager des Hotel Oloffson in Port-au-Prince.

Menschen geben sich online Hoffnung. Die Studenten von Haitis einzigem Filminstitut, dem Ciné Institute, schreiben eine solche Geschichte. Seit vergangenem Dienstag steht das Institut nicht mehr. Wie etwa vierzig Prozent der Stadt Jacmel, liegt es in Trümmern. Getötet wurde glücklicherweise niemand, und noch in der Nacht nach den Erdstößen gruben Schüler und Lehrer mit bloßen Händen ihre Kameras aus dem Schutt und suchten einen funktionierenden Rechner mit Strom und Internetanschluss. Dann setzten sie das Erlernte um und drehten dokumentarische Videos.

Ihr erstes Video entstand am zweiten Tag nach dem Beben und war am 15. Januar online. Es zeigt Verletzte, Erwachsene und Kinder und das zerstörte Krankenhaus von Jacmel. Es zeigt, dass es an Verbandsmaterial fehlt und die Versorgung so gut es eben geht provisorisch weitergeht. Und es zeigt Menschen, die um ihre Angehörigen weinen.

Seitdem sind neun neue Videos hinzugekommen. Alle sind mit kleinen Kameras aufgezeichnet und dokumentieren, wie die Flüchtlinge unter freiem Himmel kampieren, unter hochgespannten Bettlaken schlafen, wie sie versuchen, ihre Wunden zu versorgen, auf einen Arzt warten, miteinander reden, kochen. Zwischen den Filmaufzeichnungen melden sich auch immer wieder die Studenten und Dozenten auf ihrem Blog (http://www.cineinstitute.com/news/) zu Wort: Manche Einträge sind ganz kurz. Wie dieser vom 18. Januar, dem 6.Tag nach dem Beben: "Marie Laure Charles gefunden!!!" Marie Laure hat überlebt. Es geht ihr gut.

Einen der Einträge hat David Belle, Leiter und Gründer des Instituts, verfasst. Er ist von Jermal in die Hauptstadt Port-au-Prince gereist. Wie, das beschreibt er nicht. Aber er beschreibt die Zustände dort, denn er hatte gehört, dass in amerikanischen und in allen großen Medien weltweit die Rede sein soll von "Plünderungen, Gewalt, Chaos". Das stimme nicht, bloggt Belle, "Nichts läge der Wahrheit  ferner." Im Gegenteil: Er habe nicht einen Akt von Gewalt beobachten können, noch habe er von einem solchen gehört. Obwohl die Menschen kaum etwas zu essen haben und wenig zu trinken, sei die Hilfsbereitschaft untereinander sehr groß. Man helfe sich, wo man könne, schreibt Belle und schließt: "Haiti kann auf seine Überlebenden stolz sein. Ihre Würde und ihr Anstand angesichts dieser Tragödie ist selbst erschütternd."

Nach Katastrophen rücken Menschen zusammen. Dank des Internets aber wirkt der Effekt dieses Mal weltweit. Millionen wurden inzwischen an Spenden überwiesen, von unzähligen Menschen in aller Welt, die berührt von solchen Nachrichten kleine Beträge von ihrer Mobiltelefonrechnung abbuchen ließen.

Oder die ihre Kommunikationsmöglichkeiten nutzen, um zu helfen. So beschreibt ein Blogger namens "Cajun", wie viele Menschen versuchten, Treibstoff für einen Generator zu besorgen, um das Internet in Haiti am Laufen zu halten und wie sie halfen, Waisenkinder auszufliegen.

Gleichzeitig nutzen auch Hilfsorganisationen das Netz, um nicht nur nach innen zu ordnen, sondern auch nach außen: Fireside International beispielsweise twittert: "Coming to Haiti to serve without your own infrastructure will remove capable aid workers from serving Haitians in order to serve you." Was so viel heißt, wie: Wer helfen will, muss das auch können, sonst nimmt seine Betreuung anderen die Hilfe weg.

Und möglicherweise können die neuen Kommunikationswege auch dafür sorgen, dass ein anderes Problem solcher Krisen zumindest gemildert wird. "Mission Manna" beschreibt es auf Twitter: "Pretty soon the news outlets will stop reporting on Haiti. Encourage your friends to follow us for ongoing coverage." Sinngemäß: Mobilisiert Eure Freunde, damit sie uns folgen und unsere Berichte verbreiten, auch wenn die internationalen Medien sich längst dem nächsten Thema zugewandt haben.

 
Leser-Kommentare
    • rik84
    • 20.01.2010 um 14:23 Uhr

    Ja, das Netzt hilft - auch hier in Deutschland. Z.B. mit RUN4HAITI, dem dezentralen, weltweiten Spendenlauf am 31.01. zugunsten der Aktion Deutschland Hilft e.V., dem Bündnis deutscher Hilfsorganisationen. http://run4haiti.de

    Wäre toll, wenn die ZEIT auch über solche Aktionen hier vor Ort berichten würde!

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