Online-Journalismus Verlinken ist kein Diebstahl
Der Verleger Rupert Murdoch will seine Angebote für Google sperren. Doch ist das verrückt und auch gefährlich, schreibt der Publizist und Blogger Jeff Jarvis.
© Peter Macdiarmid/Getty Images

Zeitungen des Konzerns von Rupert Murdoch sollen nicht mehr kostenlos im Netz stehen und nicht bei Google indiziert werden
Links setzen zu können, ist sehr viel mehr als nur eine technische Fähigkeit des Internets. Verlinken ist ein Recht. Ein Link macht gleichberechtigte Anmerkungen möglich. Er ist Motor der Link-Wirtschaft, die Medien am Leben erhält. Er ist ein Werkzeug, um Verantwortung zu übernehmen. Er ist der Kern der Idee der freien Rede im Netz.
Trotzdem hat die News Corporation einen Nutzen von ihrer Drohung, Links zu bekämpfen und ihrem Versuch, den britischen Nachrichtenaggregator NewsNow davon abzuhalten, auf die Zeitungsseiten von Murdochs Konzern zu verlinken.
Es stimmt, das Internetprotokoll macht es leicht, Crawler von Suchmaschinen oder Aggregatoren zu blockieren; es genügt, auf dem Server in den Abschnitt "robots.txt" eine Zeile Code zu schreiben. Und das Argument von News Corp hinsichtlich NewsNow macht vor diesem Hintergrund Sinn: dass nämlich NewsNow für sein Angebot Geld verlangt und nicht kostenlos ist wie ähnliche Dienste von Google News oder Daylife (wo ich – Offenlegung – Partner bin).
Aber NewsNow hat nicht ohne Berechtigung zurückgeschlagen und eine Kampagne namens right2link.org gestartet, um Links zu verteidigen: "Verlinken ist keine Form des digitalen Diebstahls", sagt NewsNow-Gründer Struan Bartlett in einem Videokommentar auf der Seite. Mittels Schlagzeilen zu verlinken, ergänzt er dort, "ist keine wesentliche Wiedergabe des geistigen Eigentums einer Zeitung, es ist also eine vollkommen legale Nutzung".
Völlig richtig. Verlinkung ist kein Privileg, das derjenige auf den verlinkt wird, kontrollieren können sollte – genau wie Politiker nicht entscheiden sollten, wer oder wer nicht ihre Aussagen zitieren darf. Die Bewährungsprobe ist auch nicht, ob der, der den Link setzt, Gebühren verlangt (Murdochs Zeitungen werden Gebühren erheben und sie verlinken). Die Bewährung ist, ob das, was verlinkt wird, öffentlich ist.
Wir in den Medien tendieren dazu, das Internet mit unseren Augen zu betrachten. Aber das Internet ist keine Zeitung und kein Fernsehsender. Es ist vielmehr, wie Doc Searls, der Autor des Cluetrain Manifests argumentiert, ein Ort. Stellen Sie es sich als einen öffentlichen Park vor. Bei dem niemand aufgrund einer Verbindung zu einer Religion, einer Rasse ... oder eben zu einem Aggregator ausgeschlossen werden kann. "Linken", sagt NewsNow-Gründer Bartlett, "ist eine allgemein übliche Annehmlichkeit."
Ich fürchte, was hier wirklich in Gefahr ist, ist die Doktrin der Offenheit, von der Journalismus und eine informierte Öffentlichkeit abhängig sind. (Anmerkung: In meinem Entwurf für diesen Text hatte ich "publicness" geschrieben. Da das Wort in keinem Wörterbuch vorkommt, wurde es redigiert und zu "openness" geändert, Offenheit. Ich hätte es vielleicht besser als "the public", die Öffentlichkeit", bezeichnen sollen.)
Sichtbar ist das beispielsweise in der Debatte um Googles Dienst "Streetview", der Bilder von Gebäuden macht und dabei auch von Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt vor ihnen aufhielten. Einige argumentieren, diese Bilder verletzten ihr Recht auf Privatsphäre. Aber sie befinden sich dabei in der Öffentlichkeit. Was sie dort tun, ist somit ebenfalls öffentlich.
Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen, die von "Streetview" dabei erwischt wurden, wie sie Drogen kaufen oder in ein Bordell gehen, nicht wollen, dass wir das sehen können. Aber wenn wir irgendwem das Recht einräumen, die Verwendung dieser Bilder zu beschränken, dann geben wir auch dem Bürgermeister das Recht, uns mundtot zu machen, wenn wir ein Bild von ihm veröffentlichen wollen, wie er in eine Opiumhöhle schleicht.
Was öffentlich ist, ist öffentlich – das bedeutet, wir als die Öffentlichkeit haben das Recht zu beobachten, auf etwas zu zeigen, es mit anderen zu teilen und es zu kommentieren. Und das Internet ist öffentlich.
Damit kein Missverständnis entsteht, weder NewsNow noch ich argumentiere, dass jemand das Recht hat, Inhalte zu kopieren oder zu stehlen, nur weil sie öffentlich sind. Wir beide sind der Ansicht, dass Urheberrechte und geistiges Eigentum respektiert werden müssen. Aber dorthin zu linken ist kein Diebstahl.
Im Gegenteil, in der Link-Wirtschaft ist es ein Gewinn. Genau deswegen finde ich, News Corp ist verrückt, Links zu seinen Inhalten nicht willkommen zu heißen, zu unterstützen und zu nutzen. Links sorgen nicht dafür, dass Menschen aufhören, die Inhalte zu lesen; Links bringen sie erst dazu.
Wie Google-CEO Eric Schmidt in einem Kommentar über den Wert von Suchmaschinen und Aggregatoren im Wall Street Journal auf Rupert Murdoch antwortete: Es liegt doch an dem, auf den verlinkt wird, die Verbindung, die durch den Link entsteht, für seinen Vorteil zu nutzen – und Google erzeugt für Verleger jedes Jahr vier Milliarden solcher Chancen.
Und in dem Versuch, Links zu verhindern, gefährdet News Corp auch den Journalismus. Der Link ist der Weg, wie unsere Arbeit ökonomisch relevante Aufmerksamkeit erlangt.
Umgekehrt hängen wir Journalisten bei unserer Arbeit von der Möglichkeit ab, öffentliche Dokumente und Aussagen analysieren zu können – sei es von Regierungen, Unternehmen oder Nachrichtenquellen – und es sollte keinen Unterschied machen, ob diese Dokumente von einem Menschen gelesen werden oder von seinem Agenten, in diesem Fall einem Algorithmus. Wir sind abhängig von dem Recht, zitieren zu dürfen, was wir gefunden haben – und im Netz ist der Link unsere Möglichkeit, dies zu tun. Ja, zur Originalquelle zu verlinken – unser Material also mit Fußnoten zu versehen und die Herkunft unserer Informationen zu belegen – wird inzwischen im digitalen Journalismus als ethische Notwendigkeit betrachtet.
Letztlich geht es bei diesem Kampf um Kontrolle. News Corp versucht verzweifelt, Preise zu bestimmen und Zugänge zu behalten für Informationen, die nun aus vielen Quellen frei im Netz kursieren. Dank des Internets verliert News Corp diese Kontrolle – in mehr als einem Sinn.
Jeff Jarvis ist Journalist, Blogger und Autor des Buches "What would Google do". Sein Kommentar erschien zuerst in der britischen Zeitung The Guardian.
- Datum 19.01.2010 - 15:55 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Ich halte den Vergleich mit Google Streetview für äusserst fehlerhaft. Zunächst einmal gibt es einen Unterschied zwischen einem Bürgermeister, also einer Person des öffentlichen Lebens, und einer Privatperson. Und darüber hinaus sollte zudem zwischen privaten und berufsrelevanten Informationen über Personen des öffentlichen Lebens unterschieden werden.
Was mich jedoch besonders stört ist die Tatsache dass ich bisher sichergehen konnte dass Missgeschicke, Fauxpas oder andere unangenehme Situationen oder Verhaltensweisen im öffentlichen Raum nur von meinem unmittelbaren und meist anonyme Umfeld zur Kenntnis genommen und in der Regel auch schnell wieder vergessen wurden. Es war also auch in der Öffentlichkeit stest ein anonymer Freiraum gegegben.
Heute leben wir in Zeiten von Fotohandys, zunehmend flächendeckender Videoüberwachung, unbeschränkter Datenspeicherung und automatisierter Gesichtserkennung. Wer sich heute zur Seite dreht um in der Nase zu bohren oder ein Bordell betritt muss damit rechnen dass dies für den Rest seines Lebens dokumentiert und weltweit von jedem abrufbar sein kann.
Wie man mit dem öffentlichen Raum umgeht, was man darunter versteht, wie man ihn schützt und sich darin bewegen möchte, all das kann aber von einer Gesellschaft bewusst gestaltet werden. Wir sollten uns daher schon fragen wie wir in Zukunft mit unserem öffentlichen Raum umgehen möchten und ob wir Diskretion auch ausserhalb unserer vier Wände als Wert schätzen.
Der Vergleich mit Google Streetview ruiniert leider die ganze Argumentation. Durch die Gleichmacherei völlig ungleicher Dinge kann man nichts belegen.
In der Sache der Link-Ökonomie hat Jarvis ja völlig recht, nur bräuchte man dafür eine wesentlich differenzierte und tiefere Argumentation.
"Streetview": <>
Wie schon von anderen Lesern festgestellt: Diese Argumentation ist Quatsch.
Gründe:
1.
Wenn ich eine Straße entlang gehe, tue ich das im Bewusstsein, dass nur die paar Anwesenden die "Öffentlichkeit" darstellen - und nicht etwa 10 Mio Zuschauer, welche per Internet die Video-Bilder der Überwachungskameras in Echtzeit anschauen.
2.
Wenn der Satz gelten sollte, dass alles weltweit uneingeschränkt öffentlich zu sein habe, was mit unserem Auftritt in der Öffentlichkeit verbunden ist,
->
dann könnten = müssten unsere Bewegungsprofile im Internet veröffentlicht werden, wie sie sich aus dem Anmelden/Abmelden unserer Mobil-Telefone gegenüber den Funkmasten ergeben (wir bewegen uns ja öffentlich, laut Jeff Jarvis),
->
dann könnten = müssten die Buchungsdaten zur Autobahn-Maut im Internet und in Echtzeit veröffentlicht werden, denn die Brummi-Fahrer bewegen sich ja "öffentlich",
->
dann könnte jedermann Automaten aufstellen, die per GOGGLE (von Google) die Gesichter von Jedermann erkennen, um dann im Web darzustellen, wer sich gerade wo aufhält.
Eine solche Vision von "Öffentlichkeit" hat mit dem Schutz von Persönlichkeitsrechten *nichts* mehr zu tun.
Sollen wir die Burkha tragen, um uns zu verschleiern und wieder "privat" zu machen ?
Die ZEIT sollte bessere Autoren suchen!
Jarvis und die Kommentierer hier sind im Irrtum, rein juristisch gesehen. Man kann sich in diesem Fall eben nicht auf die Privatsphäre beziehen, wenn man sich in der Öffentlichkeit aufhält. Etwas anderes wäre es, wenn man in einem geschützten Raum durch das Fenster fotografiert wird. Wann hat denn das letzte Mal jemand von euch die Touris vor dem Eifelturm gebeten, sich von dort zu entfernen, damit ihr ein Foto machen könnt. Und warum habt ihr dieses Foto online gestellt, oder habt ihr die Leute etwa gefragt, ob sie damit einverstanden sind? Die Personen sind nach deutschem Recht Beiwerk. Einzelne Personen können sich auf das Recht auf das eigene Bild beziehen, nicht auf eine verletzte Privatsphäre. Zum Anderen ging es bei Streetview um etwas ganz anderes, was aber vollkommen legitim ist: der Mißbrauch von Streetview-Fotos für Scoring oder Einbrecher... Das alles ist kein Grund, den ansonsten guten Artikel von Jarvis zu verreißen, einer der wenigen, der die Folgen von Paid Content auf das Verlinken aufmerksam macht.
sollte man den Punkt der Egozentrik hier mit einfügen. Wen INTERESSIERT es denn, ob man irgendwo einen Weg entlang läuft?! Es wird immer so getan als ob tatsächlich 10 Mio Menschen einem dabei zuschauen. Wenn 6,5 Mrd Menschen irgendwann im Netz zu sehen sind, ists doch wieder gerecht, oder?
Nein, gerecht wäre wenn bei allen 6,5 Milliarden Menschen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewehrt und respektiert wird.
Du fragst wen es interessiert wenn man irgendwo einen Weg entlang läuft?
Nun, es kommt ganz darauf an welchen Weg ich entlang laufe. Meine Frau interessiert es zum Beispiel ob ich ein Bordell betrete, meinen Arbeitgeber interessiert es ob ich auf einer Gewerkschaftsdemo teilnehme, meinen Stalker interessiert es sowieso wo ich mich überall aufhalte, meine Freundin interessiert es welche Boutique ich kurz vor ihrem Geburtstag betrete, die Schufa und potentielle Kreditgeber interessiert es ob ich mich häufig in Bezirken mit sogenannten sozialen Brennpunkten aufhalte oder gar dort lebe, Diebe und Einbrecher interessiert es wann ich in Urlaub fahre, meine katholische Großmutter wird mich vielleicht enterben wenn sie sieht dass ich öfters die evangelische Kirche besuche, meine Geschäftspartner interessiert es wo ich sonst noch zu welchen Konditionen einkaufe und meine Krankenversicherung interessiert es ob ich öfters zu Fast-Food-Restaurant oder ins Fittnesstudio gehe.
Nein, gerecht wäre wenn bei allen 6,5 Milliarden Menschen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewehrt und respektiert wird.
Du fragst wen es interessiert wenn man irgendwo einen Weg entlang läuft?
Nun, es kommt ganz darauf an welchen Weg ich entlang laufe. Meine Frau interessiert es zum Beispiel ob ich ein Bordell betrete, meinen Arbeitgeber interessiert es ob ich auf einer Gewerkschaftsdemo teilnehme, meinen Stalker interessiert es sowieso wo ich mich überall aufhalte, meine Freundin interessiert es welche Boutique ich kurz vor ihrem Geburtstag betrete, die Schufa und potentielle Kreditgeber interessiert es ob ich mich häufig in Bezirken mit sogenannten sozialen Brennpunkten aufhalte oder gar dort lebe, Diebe und Einbrecher interessiert es wann ich in Urlaub fahre, meine katholische Großmutter wird mich vielleicht enterben wenn sie sieht dass ich öfters die evangelische Kirche besuche, meine Geschäftspartner interessiert es wo ich sonst noch zu welchen Konditionen einkaufe und meine Krankenversicherung interessiert es ob ich öfters zu Fast-Food-Restaurant oder ins Fittnesstudio gehe.
kann es aber sein.
Ein Link schafft einen einfach händelbaren Verbreitungshinweis. Der auf-etwas-hingewiesene muß nicht suchen, sondern geführt. Daraus ein "Recht auf Verlinkung" abzuleiten ist bedenklich, denn es gibt kein Grundrecht auf Bequemlichkeit.
Wenn ich eine Theateraufführung empfehle, generiert sich nicht automatisch eine Freikarte, auch wenn die Truppe vielleicht dankbar für meine Werbung ist.
Das ist die positive Empfehlung. Was aber, wenn ein Mangel kritisiert wird? Vielleicht berechtigt sogar, aber eben den Augenblick zur Ewigkeit gefrierend. Unwandelbar?
Da gilt es eine Interessenabwägung zu beachten.
Jede gewonnene Freiheit schafft eben auch zeitgleich eine abhängige Unfreiheit.
... ist sicher kein Wort was Rupert Murdoch überhaupt in de Mund nehmen sollte.
Wir alle sollten Google im Auge behalten und auch bei "Machtmissbrauch" scharf kritisieren. Das ist sicher wichtig!
Aber wie steht es um den Machtmissbrauch solcher Medienkonzerne wie der von Rupert Murdoch? Hier werden Meinungen manipuliert und Monopole angestrebt.
Ich finde das Geschäftsgebahren von Murdoch aktuell und in der Vergangenheit deutlich bedenklicher als das von Google.
Und ich glaube dass viele Verleger gegen Google sind, weil Google wahrscheinlich NICHT bestechlich ist ... So werte ich auch den Versuch von Murdoch mit Microsoft / Bing zu kooperieren.
In welchem Medium sonst haben Alle die Möglichkeit Inhalte zu veröffentlichen bzw. zu verbreiten, und zwar ohne Bezahlung. Die Vielfalt kann man hier sehen: http://www.cloudmarketing....
Sich vor Google auszusperren wird sicher nicht unbedingt zum Interneterfolg von Murdoch beitragen, Gott sei Dank! Ok, in den USA hat Google nicht den gleichen, hohen Marktanteil wie in Deutschland.
"Ich will nicht verlinkt werden" ist so ziemlich das dämlichste was ich je aus Internetkreisen gehört habe.
Murdoch will Kontrolle über das Internet, und bin froh wenn er sie nicht bekommt.
"Es stimmt, das Internetprotokoll macht es leicht, Crawler von Suchmaschinen oder Aggregatoren zu blockieren; es genügt, auf dem Server in den Abschnitt "robots.txt" eine Zeile Code zu schreiben"
Im Original steht was deutlich sinnvolleres, nämlich:
"It's true that internet protocols make it easy to block crawlers from search engines or aggregators; one simply adds a line to the robots.txt file on the web server."
file != Abschnitt
file = Datei
Ansonsten ein ganz guter Artikel, wenn auch das Street View Beispiel ziemlich hinkt wie hier schon in den Kommentaren angesprochen wurde.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren