Online-Journalismus Verlinken ist kein DiebstahlSeite 2/2

Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen, die von "Streetview" dabei erwischt wurden, wie sie Drogen kaufen oder in ein Bordell gehen, nicht wollen, dass wir das sehen können. Aber wenn wir irgendwem das Recht einräumen, die Verwendung dieser Bilder zu beschränken, dann geben wir auch dem Bürgermeister das Recht, uns mundtot zu machen, wenn wir ein Bild von ihm veröffentlichen wollen, wie er in eine Opiumhöhle schleicht.

Was öffentlich ist, ist öffentlich – das bedeutet, wir als die Öffentlichkeit haben das Recht zu beobachten, auf etwas zu zeigen, es mit anderen zu teilen und es zu kommentieren. Und das Internet ist öffentlich.

Damit kein Missverständnis entsteht, weder NewsNow noch ich argumentiere, dass jemand das Recht hat, Inhalte zu kopieren oder zu stehlen, nur weil sie öffentlich sind. Wir beide sind der Ansicht, dass Urheberrechte und geistiges Eigentum respektiert werden müssen. Aber dorthin zu linken ist kein Diebstahl.

Im Gegenteil, in der Link-Wirtschaft ist es ein Gewinn. Genau deswegen finde ich, News Corp ist verrückt, Links zu seinen Inhalten nicht willkommen zu heißen, zu unterstützen und zu nutzen. Links sorgen nicht dafür, dass Menschen aufhören, die Inhalte zu lesen; Links bringen sie erst dazu.

Wie Google-CEO Eric Schmidt in einem Kommentar über den Wert von Suchmaschinen und Aggregatoren im Wall Street Journal auf Rupert Murdoch antwortete: Es liegt doch an dem, auf den verlinkt wird, die Verbindung, die durch den Link entsteht, für seinen Vorteil zu nutzen – und Google erzeugt für Verleger jedes Jahr vier Milliarden solcher Chancen.

Und in dem Versuch, Links zu verhindern, gefährdet News Corp auch den Journalismus. Der Link ist der Weg, wie unsere Arbeit ökonomisch relevante Aufmerksamkeit erlangt.

Umgekehrt hängen wir Journalisten bei unserer Arbeit von der Möglichkeit ab, öffentliche Dokumente und Aussagen analysieren zu können – sei es von Regierungen, Unternehmen oder Nachrichtenquellen – und es sollte keinen Unterschied machen, ob diese Dokumente von einem Menschen gelesen werden oder von seinem Agenten, in diesem Fall einem Algorithmus. Wir sind abhängig von dem Recht, zitieren zu dürfen, was wir gefunden haben – und im Netz ist der Link unsere Möglichkeit, dies zu tun. Ja, zur Originalquelle zu verlinken – unser Material also mit Fußnoten zu versehen und die Herkunft unserer Informationen zu belegen – wird inzwischen im digitalen Journalismus als ethische Notwendigkeit betrachtet.

Letztlich geht es bei diesem Kampf um Kontrolle. News Corp versucht verzweifelt, Preise zu bestimmen und Zugänge zu behalten für Informationen, die nun aus vielen Quellen frei im Netz kursieren. Dank des Internets verliert News Corp diese Kontrolle – in mehr als einem Sinn.

Jeff Jarvis ist Journalist, Blogger und Autor des Buches "What would Google do". Sein Kommentar erschien zuerst in der britischen Zeitung The Guardian.

 
Leser-Kommentare
    • LH
    • 19.01.2010 um 16:01 Uhr

    Der Vergleich mit Google Streetview ruiniert leider die ganze Argumentation. Durch die Gleichmacherei völlig ungleicher Dinge kann man nichts belegen.
    In der Sache der Link-Ökonomie hat Jarvis ja völlig recht, nur bräuchte man dafür eine wesentlich differenzierte und tiefere Argumentation.

  1. "Streetview": <>

    Wie schon von anderen Lesern festgestellt: Diese Argumentation ist Quatsch.

    Gründe:

    1.
    Wenn ich eine Straße entlang gehe, tue ich das im Bewusstsein, dass nur die paar Anwesenden die "Öffentlichkeit" darstellen - und nicht etwa 10 Mio Zuschauer, welche per Internet die Video-Bilder der Überwachungskameras in Echtzeit anschauen.

    2.
    Wenn der Satz gelten sollte, dass alles weltweit uneingeschränkt öffentlich zu sein habe, was mit unserem Auftritt in der Öffentlichkeit verbunden ist,

    ->
    dann könnten = müssten unsere Bewegungsprofile im Internet veröffentlicht werden, wie sie sich aus dem Anmelden/Abmelden unserer Mobil-Telefone gegenüber den Funkmasten ergeben (wir bewegen uns ja öffentlich, laut Jeff Jarvis),

    ->
    dann könnten = müssten die Buchungsdaten zur Autobahn-Maut im Internet und in Echtzeit veröffentlicht werden, denn die Brummi-Fahrer bewegen sich ja "öffentlich",

    ->
    dann könnte jedermann Automaten aufstellen, die per GOGGLE (von Google) die Gesichter von Jedermann erkennen, um dann im Web darzustellen, wer sich gerade wo aufhält.

    Eine solche Vision von "Öffentlichkeit" hat mit dem Schutz von Persönlichkeitsrechten *nichts* mehr zu tun.

    Sollen wir die Burkha tragen, um uns zu verschleiern und wieder "privat" zu machen ?

    Die ZEIT sollte bessere Autoren suchen!

  2. Jarvis und die Kommentierer hier sind im Irrtum, rein juristisch gesehen. Man kann sich in diesem Fall eben nicht auf die Privatsphäre beziehen, wenn man sich in der Öffentlichkeit aufhält. Etwas anderes wäre es, wenn man in einem geschützten Raum durch das Fenster fotografiert wird. Wann hat denn das letzte Mal jemand von euch die Touris vor dem Eifelturm gebeten, sich von dort zu entfernen, damit ihr ein Foto machen könnt. Und warum habt ihr dieses Foto online gestellt, oder habt ihr die Leute etwa gefragt, ob sie damit einverstanden sind? Die Personen sind nach deutschem Recht Beiwerk. Einzelne Personen können sich auf das Recht auf das eigene Bild beziehen, nicht auf eine verletzte Privatsphäre. Zum Anderen ging es bei Streetview um etwas ganz anderes, was aber vollkommen legitim ist: der Mißbrauch von Streetview-Fotos für Scoring oder Einbrecher... Das alles ist kein Grund, den ansonsten guten Artikel von Jarvis zu verreißen, einer der wenigen, der die Folgen von Paid Content auf das Verlinken aufmerksam macht.

  3. sollte man den Punkt der Egozentrik hier mit einfügen. Wen INTERESSIERT es denn, ob man irgendwo einen Weg entlang läuft?! Es wird immer so getan als ob tatsächlich 10 Mio Menschen einem dabei zuschauen. Wenn 6,5 Mrd Menschen irgendwann im Netz zu sehen sind, ists doch wieder gerecht, oder?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, gerecht wäre wenn bei allen 6,5 Milliarden Menschen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewehrt und respektiert wird.

    Du fragst wen es interessiert wenn man irgendwo einen Weg entlang läuft?
    Nun, es kommt ganz darauf an welchen Weg ich entlang laufe. Meine Frau interessiert es zum Beispiel ob ich ein Bordell betrete, meinen Arbeitgeber interessiert es ob ich auf einer Gewerkschaftsdemo teilnehme, meinen Stalker interessiert es sowieso wo ich mich überall aufhalte, meine Freundin interessiert es welche Boutique ich kurz vor ihrem Geburtstag betrete, die Schufa und potentielle Kreditgeber interessiert es ob ich mich häufig in Bezirken mit sogenannten sozialen Brennpunkten aufhalte oder gar dort lebe, Diebe und Einbrecher interessiert es wann ich in Urlaub fahre, meine katholische Großmutter wird mich vielleicht enterben wenn sie sieht dass ich öfters die evangelische Kirche besuche, meine Geschäftspartner interessiert es wo ich sonst noch zu welchen Konditionen einkaufe und meine Krankenversicherung interessiert es ob ich öfters zu Fast-Food-Restaurant oder ins Fittnesstudio gehe.

    Nein, gerecht wäre wenn bei allen 6,5 Milliarden Menschen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung gewehrt und respektiert wird.

    Du fragst wen es interessiert wenn man irgendwo einen Weg entlang läuft?
    Nun, es kommt ganz darauf an welchen Weg ich entlang laufe. Meine Frau interessiert es zum Beispiel ob ich ein Bordell betrete, meinen Arbeitgeber interessiert es ob ich auf einer Gewerkschaftsdemo teilnehme, meinen Stalker interessiert es sowieso wo ich mich überall aufhalte, meine Freundin interessiert es welche Boutique ich kurz vor ihrem Geburtstag betrete, die Schufa und potentielle Kreditgeber interessiert es ob ich mich häufig in Bezirken mit sogenannten sozialen Brennpunkten aufhalte oder gar dort lebe, Diebe und Einbrecher interessiert es wann ich in Urlaub fahre, meine katholische Großmutter wird mich vielleicht enterben wenn sie sieht dass ich öfters die evangelische Kirche besuche, meine Geschäftspartner interessiert es wo ich sonst noch zu welchen Konditionen einkaufe und meine Krankenversicherung interessiert es ob ich öfters zu Fast-Food-Restaurant oder ins Fittnesstudio gehe.

  4. ... ist sicher kein Wort was Rupert Murdoch überhaupt in de Mund nehmen sollte.

    Wir alle sollten Google im Auge behalten und auch bei "Machtmissbrauch" scharf kritisieren. Das ist sicher wichtig!

    Aber wie steht es um den Machtmissbrauch solcher Medienkonzerne wie der von Rupert Murdoch? Hier werden Meinungen manipuliert und Monopole angestrebt.

    Ich finde das Geschäftsgebahren von Murdoch aktuell und in der Vergangenheit deutlich bedenklicher als das von Google.
    Und ich glaube dass viele Verleger gegen Google sind, weil Google wahrscheinlich NICHT bestechlich ist ... So werte ich auch den Versuch von Murdoch mit Microsoft / Bing zu kooperieren.

    In welchem Medium sonst haben Alle die Möglichkeit Inhalte zu veröffentlichen bzw. zu verbreiten, und zwar ohne Bezahlung. Die Vielfalt kann man hier sehen: http://www.cloudmarketing....

    Sich vor Google auszusperren wird sicher nicht unbedingt zum Interneterfolg von Murdoch beitragen, Gott sei Dank! Ok, in den USA hat Google nicht den gleichen, hohen Marktanteil wie in Deutschland.

    "Ich will nicht verlinkt werden" ist so ziemlich das dämlichste was ich je aus Internetkreisen gehört habe.

    Murdoch will Kontrolle über das Internet, und bin froh wenn er sie nicht bekommt.

    • gwarth
    • 20.01.2010 um 15:37 Uhr

    "Es stimmt, das Internetprotokoll macht es leicht, Crawler von Suchmaschinen oder Aggregatoren zu blockieren; es genügt, auf dem Server in den Abschnitt "robots.txt" eine Zeile Code zu schreiben"

    Im Original steht was deutlich sinnvolleres, nämlich:
    "It's true that internet protocols make it easy to block crawlers from search engines or aggregators; one simply adds a line to the robots.txt file on the web server."

    file != Abschnitt
    file = Datei

    Ansonsten ein ganz guter Artikel, wenn auch das Street View Beispiel ziemlich hinkt wie hier schon in den Kommentaren angesprochen wurde.

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