NetzkulturFlächenbrand in der Community

Wie soll man mit fiesen Leser-Kommentaren umgehen? Das Technikblog Engadget hat sie eine Zeit lang abgeschaltet, damit sich alle beruhigen. Helfen wird das wohl nicht. von 

Communitiy Engadget
Kein Kommentar gestattet

Kein Kommentar gestattet  |  © Roodini/www.photocase.de

Schon früher stritt man sich gern um Dinge: Goldene Vliese, heilige Grale und Nibelungenschätze zum Beispiel. Heute schlagen sich Menschen wegen anderer Schätze die Köpfe ein: Wer zum Beispiel einem Apple-Jünger sagt, sein iPhone sei "überbewerteter Nippes", oder einem Windows-Fan mit Absturzhäufigkeit daherkommt, darf sich auf was gefasst machen. Verbal, zumindest.

Das erlebten jüngst die Betreiber des amerikanischen Technikblogs Engadget. Nach dessen Berichterstattung über Apples neues iPad kochten im Forum der Seite die Emotionen, und es kam zu einigen verbalen Entgleisungen. Die Redaktion griff jetzt zu einem radikalen Schritt: Man sähe sich gezwungen, die Kommentarfunktion für eine Weile abzuschalten, verkündete Joshua Topolsky, der Chefredakteur, auf der Startseite.

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Engadget schreibt über allerhand digitale Spielzeuge von unterschiedlichen Marken, einige darunter auch solche von Apple. Oder auch ein bisschen mehr als einige, wie Kommentatoren finden. Immer wieder schlagen sie dem Blog vor, sich doch in "Applegadget" umzubenennen, weil man eh nur eine verlängerte PR-Abteilung des Unternehmens sei. Eigentlich gehört Engadget aber zum AOL-Konzern.

An Spitzentagen erreicht die Seite Millionen von Lesern. Jetzt hat man Gelegenheit herauszufinden, ob diese Millionen tatsächlich wegen der – manchmal etwas arrogäntlichen, aber dafür oft umso exklusiveren – Einschätzungen kommen. Oder ob viele vor allem von den Kommentaren der anderen Leser gelockt werden. Das nämlich war der Tenor einiger hämischer Reaktionen auf die Türzu-Politik. Denn beendet ist die Debatte damit nicht, sie findet nun nur auf anderen Seiten statt.

"Hallo Leute, klar, ihr habt gerne Spaß, verschafft euch Gehör und streitet euch über eure Lieblingsmarken, aber in den letzten Tagen ist der Ton in den Kommentaren ein bisschen abgeglitten", rechtfertigt Engadget-Chef Topolsky seine Maßnahme. Der Ton der vergangenen Tage sei nicht mehr akzeptabel. Zum Glück mache der Teil der Community, der am Kommentarknopf hänge wie der Junkie an der Nadel, nur einen kleinen Anteil der Engadget-Leserschaft aus, schreibt er. Man würde die Funktion jetzt eine Zeit lang ausschalten, um die Gemüter wieder ein wenig herabzukühlen. Wenn die Spammer und Trolle das Interesse an der Debatte verloren hätten, dürfe auch wieder kommentiert werden.

Topolsky stört sich vor allem an persönlichen Angriffen auf die Autoren. Eine weibliche Redakteurin sei seitenweise mit Beleidigungen verfolgt worden. Die Redakteure löschen solche Einträge normalerweise. Jetzt kamen sie wohl nicht mehr nach mit dem Drücken der Delete-Taste. Dazu muss man wissen: Die Betreuung einer so großen Community ist eine zeitraubende und kostspielige Angelegenheit. Selbst eine vergleichsweise kleinere Leserschaft wie die von ZEIT ONLINE bedarf dafür eines mehrköpfigen Teams.

Leserkommentare
    • adiummy
    • 03. Februar 2010 18:09 Uhr

    Ich denke für viele, die nicht mit anonymer Kommunikation aufgewachsen sind, ist die Lektüre von Internetkommentaren wirklich ein Schock. Aber wenn man weiß, damit umzugehen, sind Kommentare wirklich eine große Bereicherung. Ich finde die Bewertungssysteme funktionieren relativ gut, auch und gerade bei engadget. "This comment has been downranked to oblivion" ist da relativ häufig zu lesen und blendet dann auch tatsächlich die zu derben Kommentare aus. Das insgesamt häufig ein rauer Ton herrscht, finde ich nicht sonderlich schlimm, gerade bei Engadget finde ich viele Kommentare recht witzig, gerade zum iPad. Kleine Kostprobe:

    ""It's aimed at suckers. It should come with a nigerian bank account number."

    "One is for idiots, the other is for people who like to read books." (iPad vs. Kindle)

    "It is like Steve Jobs is trying to see just how much he can get away with before people call bulsh1t."

    Die allzu plumpen Beleidigungen kann man doch einfach überlesen, gerade wenn Sie durch die übrige Leserschaft als solche "markiert" werden.

    Nebenbei zur Info: Seit die Kommentarbewertung ausgeschaltet wurde, bin ich fast komplett weg von Zeit.de und lese und kommentiere meist bei faz.net. Vielleicht bin ich da nicht repräsentativ, aber wenn meine Kommentare nicht bewertet werden, habe ich zu oft das Gefühl, dass sich meine mühevoll geschriebenen Kommentare "versenden". ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zitat von adiummy: <>

    das geht mir genauso. als es die kommentarbewertung noch gab, habe ich oft vermittelnde kommentare geschrieben oder einseitige, beleidigende etc. beitrage angegriffen. die durchweg sehr guten bewertungen, die ich dafuer eingeheimst habe, waren sehr motivierend. inzwischen habe ich keine ahnung mehr, ob ueberhaupt jemand meine beitraege liest, und das ist frustrierend.

    • Hokan
    • 04. Februar 2010 1:29 Uhr

    Ich kann mich meinen beiden Mitkommentatoren nur anschließen. Mit der Aufgabe dieser Funktion fehlt es nun an vielem. Als Leser scheinen mir die Kommentare nun in Mehrheit zusammenhangloser nebeneinander zu stehen. Es ist deutlich schwerer trotz aller Lektüre, ein Gefühl für community zu bekommen. Qualität – ganz unabhängig von Richtung und konkretem Inhalt – ist so gut wie kein Thema mehr. Es ist nicht schwer, voraus zu sagen, dass das auf's Niveau drückt. Und der eigene Kommentar? Fällt in der Regel in ein schwarzes Loch. Es sei denn, Sie provozieren Antworten. Ausgleich und Überlegtheit sind eh nicht allzu häufig und laufen nun Gefahr, noch rarer zu werden. Und so liest sich's dann auch.

    Manchmal hilft schon ein erneutes Nachdenken bei der Korrektur eines Fehlers.

  1. zitat von adiummy: <>

    das geht mir genauso. als es die kommentarbewertung noch gab, habe ich oft vermittelnde kommentare geschrieben oder einseitige, beleidigende etc. beitrage angegriffen. die durchweg sehr guten bewertungen, die ich dafuer eingeheimst habe, waren sehr motivierend. inzwischen habe ich keine ahnung mehr, ob ueberhaupt jemand meine beitraege liest, und das ist frustrierend.

  2. ist das Internet-Äquivalent zur Presse-Freiheit im Iran. Dort findet die Diskussion ja in einem "Forum" statt, dass alles ist nur kein Forum.
    Ich sage, das was dort unter "Diskussion" verkauft wird, ist ein Skandal. Beiträge werden so massiv wegzensiert, dass schließlich in manchen Threads nur noch "regimetreue" Foristen zu finden sind.
    Mein Appell an den Spiegel: "Schließt euer Forum, denn sie sind eine Schande für die deutsche Internetpresselandschaft!"
    Für mich war SpOn ein Eye-Opener. Spiegel-Journalisten, die sonst den Mund nicht voll genug bekommen können, wenn es darum geht, andere zu kritisieren, sind selbst nicht in der Lage, einfachste demokratische Spielregeln einzuhalten. Der ganze Spiegel-Redaktion hat für mich mittlerweile eine Glaubwürdigkeit, die bei nine below zero liegt. Ich war so maßlos enttäuscht von diesem Forum, dass ich mich manchmal fragte, ob es in Teheran oder in Hamburg angesiedelt ist.

    Wie dankbar bin ich doch der ZEIT. Sie hat meinen Glauben an das Gute im deutschen Journalisten wieder aufleben lassen. Sobald mein Spiegel-Abonnement ausläuft, nur noch die ZEIT. Wenn ich hier zensiert werde, dann mit offenem Visier, d.h. jeder kann sehen, dass etwas weggenommen wurde. In Foren muss Zensur stattfinden und die ZEIT macht es auf eine für jeden durchschaubare und damit legitime Art.

  3. Im Spiegel läuft es z.B. so ab: In einem Strang über Obama werden nur die Beiträge durchgelassen, die Obama loben. Jeder kritische Beitrag wird weggedrückt, allerdings ohne dass es den Lesern angezeigt wird. So entsteht schließlich eine einzige Jubelarie auf Obama. Ist so ein Verhalten eines deutschen Journalisten im Jahre 2010 würdig?

  4. Eigentliches Thema des Artikels ist doch die Frage des Umgangs mit Leserkommentaren.

    Lassen wir einmal alle Höflichkeit beiseite - meist sind die Leserkommentare informativer und weitreichender als die Zeitungsartikel des Journalisten. Die Zeitungen sind oft das Recht des Verlegers seine Meinung zu veröffentlichen - darunter leidet die Qualität der Artikel. Adiert man hierzu noch Kampagnenjournalismus und Co. wird offensichtlich worin das wirkliche Problem von ungefilterten Kommentaren besteht:

    Diese Einwegkommunikation wird zerstört. Der Leser macht sich in Kommentaren oftmals lustig über plumpe Versuche des Journalisten wichtie Details zu verfälschen (oder nicht zu benennen.) Die Kommentare laufen gegen den Tenor des redaktionell bearbeitenden Artikels und sind meist informativer und mit Quellen belegt.

    Gerade auch das alte Bewertungssystem zeigte schnell und deutlich wie massiv die Leser die oftmals kritischen Analysen an Artikeln teilten. 5 Sterne gegen den Artikel - mal 40 User - keine Seltenheit.

    Daher wurden diese Änderungen auch eingeführt - man wollte vor allem kritische und gute Analysen unterbinden. Medienkommunikation soll eben nur in eine Richtung funktionieren - wir sagen euch - der Masse - was Sache ist - das ist unser Business.

    Und das führt eben dazu, dass die Kommentarfunktion oftmals dann - bei zu massivem Widerspruch - eben ganz abgeschaltet werden muss. Dafür braucht man dann eine Rechtfertigung - Beleidigungen und Co..... wer es glaubt.

    • Atan
    • 03. Februar 2010 18:36 Uhr

    fehlt, ist mir noch gar nicht aufgefallen. Ich finde es nützlicher, wenn jemand anderes auf eigene Argumentation eingeht. Ansonsten sind hier viele Kommentare oftmals wertvolle Ergänzungen zu den Artikeln, manchmal sogar durchdachter als die Artikel selbst.
    Auf dieses ganze Dissen und Bashen, insbesondere bei blossen Geschmacksfragen, ob Apple, Blackberry, Strawberry oder sonstiges Obst kann ich echt verzichten.

    • Klaue
    • 03. Februar 2010 18:39 Uhr

    Ich muss zugeben, dass ich auf vielen Internetseiten die Kommentare lesenswerte finde als den dazugehörigen Artikel. Gründe wurden bereits von anderen Kommentatoren aufgezeigt.

  5. und sie sammeln sich alle im Netz. Hut ab vor allen Leuten, insbesondere Autoren, die nicht aggressiv werden und die trotzdem alle Kommentare lesen. Bei Telepolis z. B. ist die Autorenbeschimpfung Standard. Man kann natürlich unterschiedlicher Meinung sein, aber so übel, wie Autoren dort schon angegangen wurden, das habe ich selten erlebt. Das Schlimme ist, dass die meisten Leute die Artikel entweder gar nicht oder nicht zu Ende gelsen haben und trotzdem herumsabbeln.

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