Kein Kommentar gestattet

Schon früher stritt man sich gern um Dinge: Goldene Vliese, heilige Grale und Nibelungenschätze zum Beispiel. Heute schlagen sich Menschen wegen anderer Schätze die Köpfe ein: Wer zum Beispiel einem Apple-Jünger sagt, sein iPhone sei "überbewerteter Nippes", oder einem Windows-Fan mit Absturzhäufigkeit daherkommt, darf sich auf was gefasst machen. Verbal, zumindest.

Das erlebten jüngst die Betreiber des amerikanischen Technikblogs Engadget. Nach dessen Berichterstattung über Apples neues iPad kochten im Forum der Seite die Emotionen, und es kam zu einigen verbalen Entgleisungen. Die Redaktion griff jetzt zu einem radikalen Schritt: Man sähe sich gezwungen, die Kommentarfunktion für eine Weile abzuschalten, verkündete Joshua Topolsky, der Chefredakteur, auf der Startseite.

Engadget schreibt über allerhand digitale Spielzeuge von unterschiedlichen Marken, einige darunter auch solche von Apple. Oder auch ein bisschen mehr als einige, wie Kommentatoren finden. Immer wieder schlagen sie dem Blog vor, sich doch in "Applegadget" umzubenennen, weil man eh nur eine verlängerte PR-Abteilung des Unternehmens sei. Eigentlich gehört Engadget aber zum AOL-Konzern.

An Spitzentagen erreicht die Seite Millionen von Lesern. Jetzt hat man Gelegenheit herauszufinden, ob diese Millionen tatsächlich wegen der – manchmal etwas arrogäntlichen, aber dafür oft umso exklusiveren – Einschätzungen kommen. Oder ob viele vor allem von den Kommentaren der anderen Leser gelockt werden. Das nämlich war der Tenor einiger hämischer Reaktionen auf die Türzu-Politik. Denn beendet ist die Debatte damit nicht, sie findet nun nur auf anderen Seiten statt.

"Hallo Leute, klar, ihr habt gerne Spaß, verschafft euch Gehör und streitet euch über eure Lieblingsmarken, aber in den letzten Tagen ist der Ton in den Kommentaren ein bisschen abgeglitten", rechtfertigt Engadget-Chef Topolsky seine Maßnahme. Der Ton der vergangenen Tage sei nicht mehr akzeptabel. Zum Glück mache der Teil der Community, der am Kommentarknopf hänge wie der Junkie an der Nadel, nur einen kleinen Anteil der Engadget-Leserschaft aus, schreibt er. Man würde die Funktion jetzt eine Zeit lang ausschalten, um die Gemüter wieder ein wenig herabzukühlen. Wenn die Spammer und Trolle das Interesse an der Debatte verloren hätten, dürfe auch wieder kommentiert werden.

Topolsky stört sich vor allem an persönlichen Angriffen auf die Autoren. Eine weibliche Redakteurin sei seitenweise mit Beleidigungen verfolgt worden. Die Redakteure löschen solche Einträge normalerweise. Jetzt kamen sie wohl nicht mehr nach mit dem Drücken der Delete-Taste. Dazu muss man wissen: Die Betreuung einer so großen Community ist eine zeitraubende und kostspielige Angelegenheit. Selbst eine vergleichsweise kleinere Leserschaft wie die von ZEIT ONLINE bedarf dafür eines mehrköpfigen Teams.