Was viele Fernseher nie könnten: Erst das Internet ist in der Lage, ein mehrstimmiges Feedback zu geben und den Menschen ein breites Diskussionsforum zu bieten © Mark Dadswell/Getty Images

Der Saal war voll, die Erwartungen hoch, als Martin Häcker und Daniel Reichert von Liquid Democracy e.V. auf dem 26. Chaos Computer Kongress ihre Ideen vortrugen. Nichts Geringeres als "eine Revolution ohne Blutvergießen" versprachen die beiden, als sie im Dezember ihren Vortrag über Liquid Democracy hielten. Durch die digitale Vernetzung sei doch so vieles möglich geworden, warum nicht auch eine Verbesserung der Demokratie – dieser Gedanke lockte viele. So wie sich virale Ideen im Netz verbreiten, so wie man mit der Free Software-Bewegung den Programmcode befreit hatte, so ließe sich auch das erstarrte, "Jahrhunderte alte" demokratische System "hacken", glauben die beiden. "Es sollte doch möglich sein, dass wir unser politisches System wieder für uns zurückkriegen", appellierte Häcker. Das Publikum klatschte.

Die Piratenpartei experimentiert seit Kurzem mit einem solchen basisdemokratischen System. Anfang Januar hat der Berliner Landesverband Liquid Feedback eingeführt. Wer sich im System registriert hat, kann nun vom heimischen Sofa über die Parteilinie mitbestimmen. "Wenn ich Lust habe, mich nach der Arbeit zwischen zehn und zwölf noch zwei Stunden mit Sozialpolitik zu befassen, klinke ich mich einfach im Netz in das entsprechende Thema ein. Und muss dafür nicht extra zu einem speziellen Treffen des zuständigen Gremiums anreisen", sagt Daniel Reichert.

Mit der Diagnose, dass sich junge Menschen vom politischen Establishment abgestoßen fühlen, weiß er die Zuhörer auf seiner Seite. Liquid also Flüssige Demokratie heißt das Konzept, weil es die Trennung zwischen rein repräsentativen und direkteren Formen von Demokratie verwischen möchte. "Die ursprüngliche Idee der Demokratie ist, dass Entscheidungen aus einem Diskurs der beteiligten Menschen hervorgehen. In unseren heutigen Massendemokratien war das bisher nicht möglich, da die technischen Voraussetzungen dafür fehlten." Anstatt Entscheidungen mit allen gemeinsam auf dem Dorfplatz zu diskutieren, müssen die Bürger ihre Mitsprache an Repräsentanten, an Abgeordnete, delegieren. Zudem können sie bloß alle vier Jahre, und nur über das komplette Bündel eines politischen Parteiprogramms, entscheiden. Inhaltlich haben die manchmal wenig miteinander zu tun: Der Atomausstieg ist lediglich im Paket mit dem Mindestlohn zu haben, oder der Stopp des BKA-Gesetzes in Kopplung mit Steuergeschenken an Besserverdienende.

Die Beteiligung am Piraten-Experiment ist groß. Seit Januar gründeten sich bereits Initiativen in 17 unterschiedlichen Themenbereichen. Ein Beispiel: Ein Mitglied verfasste Anfang Januar einen Vorschlag für einen sogenannten "Datenbrief". Alle Unternehmen, die persönliche Daten speichern, sollen dazu verpflichtet werden, ihren Kunden einmal im Jahr ausgiebig Auskunft zu geben, was mit den Daten passiert. Der Vorschlag überwand die erste Hürde, das Mindestquorum: Finden sich nicht genug Mitdiskutanten, wird ein Vorschlag verworfen. So erging es etwa dem Versuch eines anderen Mitglieds, ein Burka-Verbot ins Parteiprogramm zu hieven.

Daraufhin war nun also die Debatte um den "Datenbrief" eröffnet, es ging etwa um die Frage, ob auch Ärzte die komplette Krankenakte per Post verschicken sollten, oder ob das nicht zu gefährlich wäre. Nachdem jede Menge Bedenken formuliert und am Text gefeilt worden war, verabschiedete die Mehrheit der Piraten einen mehrseitigen Entwurf. Auf ähnlich Weise beschlossen sie beispielsweise die Rücknahme des sogenannten Hackerparagrafens, ein Wahlrecht für Ausländer auf Landesebene oder die Senkung des Wahlalters auf 14 Jahre. Derweil läuft noch die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen.

"Das kann nützlich sein, wenn man Diskussionsprozesse breiter öffnen und schneller anstoßen möchte", sagt Friedbert Rüb, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Parteien hätten einen Hang zur Bürokratisierung. "Insofern ein interessantes Experiment", sagt er. Allerdings fragt er sich, ob technisch gestützte Diskurse tatsächlich eine Chance hätten, ähnlich gute Ergebnisse zu liefern wie in einer Gesprächssituation von Angesicht zu Angesicht.

"Die inhaltlichen Ergebnisse sind erstaunlich gut", sagt Christoph Lauer, der sich am Berliner Piraten-Experiment beteiligt. Er hat mit einem Kollegen die Satzung überarbeitet und zur Diskussion ins System gestellt. "Was durch die Debatte dann daraus geworden ist, war noch mal um ein Vielfaches besser als unser Entwurf", erzählt er. Rechtschreibfehler würden genauso ausgebügelt wie organisatorische Fehlkonstruktionen. Die viel beschworene Klugheit der Massen?