Geistiges Eigentum Ein Trauerspiel namens Acta
Das Schutzabkommen ist ein Fehler. Nicht nur, weil es intransparent ist. Sondern auch, weil es in Europa dringend nötige Innovation verhindert, schreibt Erika Mann.
© Saeed Khan/AFP/Getty Images

In Thailand zerstörte, gefälschte Rolex-Uhren
Die EU hat immer wieder den Fehler gemacht, sich als ein zweites Amerika zu verstehen und dabei zu übersehen, wie stark die Unterschiede im verfassungsrechtlichen Rahmen sind. Die USA verfügen über einen Vorteil: Geschäftsmodelle werden unter dem Prinzip der Checks and Balances entwickelt – einer bewussten Gewaltenteilung zwischen den beteiligten Interessen, die einzelne Übergewichte verhindert. Exportiert werden sie aber ohne dieses Prinzip.
Die Folge: Andere Staaten erhalten durch Abkommen mit den USA ein System, das Normen und Regeln zum Schutz geistiger Eigentumsrechte aufstellt, ohne gleichzeitig die Freiheiten zu gewähren, die die amerikanische Verfassung ihren Bürgern einräumt.
Die Auswirkung dieses Problems zeigt sich gerade beim Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz Acta. Die EU ist kurz davor, damit einen schweren Fehler zu machen. Die Folgen könnten dieses Mal besonders dramatisch sein, weil das Abkommen tief in die Regulierung des Internets eingreift. Und weil die Verhandlungen zu Acta nicht transparent geführt werden. Geheimverhandlungen aber können nicht die Interessen aller Betroffenen erfassen, die Checks and Balances werden somit verhindert.
Wenn Rechte ausschließlich bestehende Geschäftsmodelle schützen sollen, kann Neues nur begrenzt entstehen. Wie der Erfolg amerikanischer Internetkonzerne wie Google aber zeigt, sind Kreativität und Innovation auf Flexibilität zwischen Schutzrechten und Innovationspotenzialen angewiesen.
Für Europa wäre eine bessere Balance dabei besonders wichtig. Denn Europa stagniert in vielfacher Hinsicht. Besonders augenfällig wird das bei der sogenannten digitalen Revolution. Sie ist an dem Kontinent vorbeigezogen und hat nur wenige wirtschaftliche Spuren hinterlassen.
Acta nun will Normen schaffen, um den Schutz von geistigen Eigentumsrechten im Rahmen von internationalen Handelsabkommen durchzusetzen. So soll eine "Koalition der Willigen" als Lockmittel für Staaten wie China, Indien oder Brasilien herhalten, in denen geistige Eigentumsrechte vergleichsweise weniger geschützt werden. Kann ein solches Kalkül funktionieren?
Zweifel sind angebracht: War es nicht gerade China, das in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen hat, dass es seinen Kurs einer kontrollierten Halb-Demokratie nicht abbrechen will? Die aktuellen Auseinandersetzungen mit China um das Satellitennavigationsnetz Galileo oder der Streit zwischen Google und China zeigen, dass China, China bleiben will.
Mit Acta will die EU noch hinausgehen über ihre Zugeständnisse, die sie der Welthandelsorganisation im Rahmen des Übereinkommens über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum (TRIPS) gemacht hat: Acta soll die Rechte von Markeninhabern wie auch von Produkten schützen. Gleichzeitig sollen Internet-Service-Provider und Suchmaschinenbetreiber die Kontrolle und Haftung für Verletzungen des geistigen Eigentums übernehmen. Hinter dieser Agenda steht eine Koalition multinationaler Unternehmen aus der Unterhaltungsindustrie, der Pharmaziebranche und der Luxusgüterindustrie. Sie sind an internationalen Regeln interessiert, weil ihre Geschäftsmodelle maßgeblich auf dem Schutz geistiger Eigentumsrechte basieren. Und sie konnten in den letzten zwanzig Jahren die Politik erfolgreich davon überzeugen, dass der Schutz ihrer Rechte notwendig ist, damit sie ihre wirtschaftliche Dominanz bewahren können.
Wenn wir also über Acta reden, reden wir nicht nur über den Schutz geistigen Eigentums, sondern auch über Freiräume für Innovation. Und damit auch über Chancengleichheiten, Bildungschancen, Forschung, Rechte von allen Unternehmen – über gelebte demokratische Werte.
Seit Patentrechte und geistige Eigentumsrechte geschaffen wurden, gibt es diese Spannung zwischen dem, was zu schützen ist, dem Zeitraum des Schutzes sowie den Ausnahmen, die gelten müssen, um individuelle Kopien und gesellschaftliche Spielräume zu bewahren. Diese kritische Balance gilt es zu wahren. Und mit jeder neuen technischen Erfindung, wie beispielsweise nun den Suchmaschinen, muss diese Balance neu definiert werden.
Umso erstaunlicher ist es, dass die EU genau das nicht tut. Acta kennt keinen Schutzmechanismus für Freiheitsrechte, wie es ihn etwa in den USA mit dem First Amendment der amerikanischen Verfassung gibt. Dieser Verfassungszusatz nämlich schafft Freiräume. Jeder kann sich damit auf die Verfassung berufen und seine Rechte einklagen. Das sorgt dafür, dass die Freiheitsrechte auf neue Bereiche ausgedehnt werden können. Dieser verfassungsbasierte Dialog fungiert so als Schutz für die Freiheit. Und der gilt auch für die Freiheit in der Forschung und in der Wirtschaft.
Vor einigen Jahren träumte die Europäische Union, wettbewerbsstärkste Region der Welt zu werden. Dieser Traum der sogenannten Lissabon-Strategie-Agenda, die Europa bis 2010 zum Erfolg führen sollte, ist ausgeträumt. Nichts davon trat ein. Aber die EU pflegt längst neue Träume, sie heißen Innovationsstrategie, "digitale Agenda" und 2020-Strategie.
Die Agenda 2020 wäre nun eine ideale Gelegenheit, diese für Innovationen so notwendige Balance zu definieren. Die EU hingegen klammert sich daran, dass der Schutz von geistigen Eigentumsrechten das einzige Mittel sei, um Innovation zu ermöglichen und so einen Spitzenplatz in Wirtschaft und Forschung einzunehmen. Wenn Europa aber nur auf dem Schutz des Bestehenden beharrt, werden neue Geschäftsmethoden nur begrenzt entstehen. Man muss nur versuchen die Frage zu beantworten, warum Google nicht in Europa entstand.
Wenn Europa die Freiheitsrechte nicht achtet, ist es dazu verdammt, ewig dem Trend hinterherzulaufen und zu träumen – anstatt Trends zu setzen.
Erika Mann war von 1994 bis 2009 Mitglied des Europäischen Parlamentes. Seit Anfang 2010 ist sie Executive Vice President der CCIA, der Computer&Communications Industry Association.
- Datum 31.03.2010 - 10:28 Uhr
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Vielen dank für diesen Artikel Es ist beruhigend über ACTA auch ausserhalb von Blogs zu lesen.
Was häufig übersehen wird ist, dass der Schutz geistigen Eigentums nicht nach dem Motto "Viel hilft viel" funktioniert.
Der hier angsprochene Innovationsverlust lässt sich erklären, in dem man sich vor Augen führt, dass Information Rohstoff und Erzeugnis zu gleich ist. Das erschaffen von Information benötigt zwingend andere Information. Ohne Schulunterricht könnte ich hier nicht schreiben. Ohne Quellen funktioniert Wissenschaft nicht. Ohne Zitate funktioniert Journalismus nicht. Ohne andere Werke zu lesen funktioniert Schrifstellerei nicht. Eine tolle Verbesserung für Autos (z.B. Katalysatoren) ist nutzlos ohne das Recht andere benötigte Technologien anwenden zu dürfen.
(Clay Shirky und Yochai Benkler erklären das famos)
Stärkerer Schutz geistigen Eigentums bedeutet nun zugunsten des Einkommen der heutigen Rechteinhaber (häufig nicht die Kreativen selbst!) auf zukünftige Innovationen zu verzichten.
Hierbei (und darauf zielt ACTA unter anderem) werden große Konzerne bevorzugt. Wer viele Rechte hat, hat auch viel Rohmaterial um neues zu erschaffen. Alle anderen beleiben aussen vor. Ein staatlich gefördertes Oligopol zu Ungunsten Aller (ausser den Konzernen selbst). Die Künstler sind noch abhängiger von großen Konzernen (und müssen noch häufiger ihre Rechte abtreten). Die Kunden bekommen weniger Qualität zu höheren Preisen. Die Volkswirtschaft krankt am Oligopol.
ACTA wird ein stark erweiterter DMCA werden, kein wirkliches Abkommen gegen Uhren- oder Medizin Fälschungen, auch wenn es oben so nett aussieht und Teile davon als Vehikel im Gesetz stecken.
CCIA klingt nach Bitkom in groß. Das ist nicht immer nur im Interesse der Nutzer, aber es ist besser als nichts.
http://www.ccianet.org/in...
Galileo und China
Wie geht das denn jetzt zusammen ?
Da hat sich offensichtlich Bill Clinton ins Boxhorn jagen lassen. Ich glaube die Ankündigung des "europäischen GPS" ist so ziemlich alles was es dazu überhaupt geben kann. Also Fähigkeitsbedingt. Nicht mal die zusätzlichen Satelliten für das echte GPS wären wohl nötig gewesen um sich vor europäischer Konkurrenz zu schützen.
Was man so alles ließt, was eigentlich an Wissen dazu unerläßlich ist, und das wohl ganz offensichtlich nicht vorhanden ist um sowas wie Galileo zu realisieren, fragt man sich was das jetzt für extra Oberblödsinn mit chinesischen Atenne sein soll ?
Liebes Amerika, Wir (Europa) können kein GPS, die Steigerung der Genauigkeit von eurem ist aber sehr erfreulich, war aber eigentlich umsont, wir sind wirklich so dumm.
Wir können es uns wohl nur nicht eingestehen, das ist alles.
Vielen Dank Frau Mann für diesen Artikel!
Der deutsche Qualitätsjournalismus ist ja mehr damit beschäftigt die neueste Errungenschaft aus Cupertino zu bejubeln oder in der Berliner Seifenoper mitzuspielen als seinen "Pflichten" nachzukommen (siehe auch das jüngst erschienene Buch "Am besten nichts Neues" von Tom Schimmeck) und der Politik auf die Finger zu schauen. Umso erfrischender, wenn man doch auch mal was dazu liest.
Ich bin heute leider noch nicht dazugekommen die gedruckte ZEIT zu kaufen, ich hoffe der Artikel hat seinen Weg auch dahin gefunden.
ihre Macht zu erhalten und weiter auszubauen.
Ich bin mir ziemlich sicher, das weder Frau Mann noch der Rest des EU-Parlamentes in keiner Weise verstanden hat, worum es wirklich geht - oder man verkneift sich das lieber.
So wie es keinen Grund für das neuerliche SWIFT-Abkommen gab oder gibt, wo wir den USA-Geheimdiensten freiwillig die wichtigsten Daten für ihre Wirtschaftsspionage liefern - statt schlicht NEIN zu sagen (der Terroraspekt ist nur vorgeschoben), so gibt es auch keinen Grund jahrelang Geheimkonferenzen zu Sauereien wie MAI (teilweise im EU-Vertrag eingebaut, daher jetzt als ACTA ergänzend aufgelebt) und jetzt eben ACTA überhaupt durchzuführen, wenn man auch nur ein wenig überlegt, was diese Abkommen in Wahrheit in der letzten Konsequenz bedeuten.
Nämlich die Selbstentmachtung von Nationen, deren Regierungen, Parlamenten und Völkern zugunsten wenigen großen Konzernen.
Denn das ist gemeinschaftlich betriebener multinationaler Landesverrat was unsere Regierungen da betreiben, wenn man sich alleine das anschaut, was bei Wikipedia an Infos dazu verfügbar ist.
Firmen wie Monsanto & Co. und div. andere Konzerne können sich ungehindert ausbreiten, jegliches Leben patentieren lassen und die Rechte daraus durchsetzen, ohne das irgend jemand etwas gegen sie tun kann, selbst wenn er es wollte.
Da nicht davon auszugehen ist, das es Dummheit ist, muss es andere Gründe geben, daß EU und Regierungen da so einfach mitmachen.
Erpressung und schwarze Köfferchen?
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