Auf den ersten Blick möchte man sagen: Endlich hat es den Chinesen mal jemand gezeigt. Und dass es eine mutige Entscheidung von Google war, den chinesischen Zumutungen die Stirn zu bieten. Denn die Zensoren agierten überheblich. Und sie wurden denn auch offensichtlich von dem Umzug nach Hongkong überrascht: Noch in der Nacht, als gegen drei Uhr Pekinger Ortszeit der Abzug Googles verkündet wurde, sprachen Behördenvertreter von einer "völlig falschen Entscheidung". Google habe sein "schriftliches Versprechen gebrochen".

Worin dieses Versprechen bestand, wollten sie allerdings nicht erklären. Schlechte Taktik. Auch ihr  Hauptargument, das sie in den vergangenen Tagen immer wieder benutzten, trug nicht wirklich: In keinem Land sei das Internet völlig frei.

Dass es in China besonders wenig frei ist, wollen die Zensoren nicht zur Kenntnis nehmen. Trotzdem haben sie wohl Sorge um ihr Image und versuchten es mit einer ungeschickten Vorsorgeverteidigung. Manche kämen jetzt zu der "übereilten Schlussfolgerung", hieß es in einer offiziellen Stellungnahme, dass "Investitionsklima für ausländische Unternehmen hätte sich verschlechtert". Das sei falsch. "Google ist eine Ausnahme."

Viele Manager und Unternehmen sehen das anders. Und viele haben heute heimlich Google applaudiert, da die Suchmaschine das tat, was ihre Kollegen sich nicht trauen, da sie trotz der harten Spielregeln auf dem chinesischen Markt ganz gut an ihm verdienen.

Doch auch Google muss sich kritische Fragen stellen lassen. Sind sie wirklich die Helden, als die sie sich jetzt ausgeben? War es am Ende nicht eher eine nüchterne, unternehmerische Entscheidung als eine moralische? Haben vielleicht gar wirtschaftliche Interessen über moralische gesiegt?

Offensichtlich ist jedenfalls: Das China-Engagement hat sich für Google wirtschaftlich nicht gelohnt. Mehr als zwei bis vier Prozent des Gesamtumsatzes des Konzerns hat das Riesenreich mit 390 Millionen Usern nicht erwirtschaftet. Und es war klar, dass es in absehbarer Zeit auch nicht steil bergauf gehen würde.

Hinzu kommt, dass den Google-Managern der PR-Effekt des Ausstiegs sehr gelegen kommen muss. Lenkt er doch von den Problemen im Westen ab, wo Google immer häufiger mit einem Big-Brother-Image zu kämpfen hat.