Die Gewinner der diesjährigen Oscars stehen fest: Tödliches Kommando von Kathryn Bigelow gewann den Preis für den besten Film und auch für die beste Regie.

Allerdings: Who cares? Auch wenn dieser Preis noch immer ein guter Hinweis ist für die Beliebtheit und auch den weiteren Markterfolg eines Films. Es lässt sich nicht bestreiten, dass sich die Marketingmaschinerie der Unterhaltungsbranche immer weiter von dem entfernt, was die meisten Menschen wirklich anschauen. Zumindest im Internet. Noch vor der Oscar-Vergabe veröffentlichte die Seite Torrentfreak "ihre" Oscar-Gewinner, in Form von Download-Statistiken nämlich. Der am meisten heruntergeladene Film war demnach District 9, ein Science-Fiction-Thriller, der fast doppelt so häufig heruntergeladen wurde wie Tödliches Kommando. Und immer noch deutlich häufiger als James Camerons Avatar: Nämlich 12,6 Millionen mal im Vergleich zu 11,3 Millionen Downloads.

Für die Musikindustrie gilt das schon lange: Weder die Leitmedien noch die großen Plattenlabels entscheiden mehr darüber, was die Menschen hören. Chartlisten haben keine Bedeutung mehr. Bands wie die Arctic Monkeys machen vor, wie man eine Karriere ohne fremde Hilfe im Netz beginnt und dort vom Mainstream entdeckt wird.

Ähnliche Entwicklungen sind jetzt auch in der Filmindustrie zu beobachten. Einer der beliebtesten Filme auf dem amerikanischen Filmportal Hulu etwa ist nicht eine große Fernsehproduktion oder ein Blockbuster aus Hollywood, sondern Strictly Sexual, ein Film über zwei erfolgreiche, sexhungrige Frauen, die es leid sind, sich von anstrengenden Männer frustrieren zu lassen. Sie mieten stattdessen lieber zwei Callboys. Der Titel führt übrigens in die Irre, es handelt sich bei Strictly Sexual keineswegs um einen Porno-Streifen, sondern vielmehr um eine harmlos erzählte Liebesgeschichte.

Kevin Carr, der für die Seite Film School Rejects schreibt, sagte auf CNN, dass gute Indie-Filme auch ohne Budget im Netz eine reale Chance hätten, sich zu refinanzieren. Sie könnten auf diese Weise sogar doch noch den Weg in die Kinos finden, wie jüngst passiert mit dem Grusel-Film Paranormal Activity. "Ich könnte mir vorstellen, dass sich Streaming und Downloads in den nächsten zehn Jahren zu dem Weg für Indie-Filme entwickeln werden." Laut Stevie Long, dem Filmemacher von Strictly Sexual, hat der Film das Budget von 100.000 Dollar inzwischen zehnfach hereingespielt. Und Long den Start seines nächsten Projektes ermöglicht: Porn Star. Auch diesen Film will er im Netz veröffentlichen.

 

Und Seiten wie Hulu würden von dem Mehr an Inhalt und Vielfalt ebenfalls profitieren, glaubt Kevin Carr. Hulu hat monatlich eine Million Zuschauer und finanziert sich aus Werbeerlösen. Für die Nutzer ist der Zugriff ist kostenlos, die Filmemacher werden an den Umsätzen beteiligt.

Hulu kann in Europa allerdings nur anschauen, wer mithilfe eines Proxy-Servers verschleiert, hier zu wohnen. Angekündigt ist eine Version für Europa zwar schon länger, allerdings leidet wohl auch dieser Dienst unter dem Einbruch der Werbeanzeigen, die Betreiber denken schon länger über Bezahl-Modelle nach. Gesichert ist das Geschäftsmodell für unabhängiges Filmemachen also noch lange nicht. Aber immerhin: Auch YouTube plant eine Rubrik namens "Filmmakers Wanted", das Videos von Nachwuchstalenten versammeln soll. Diese können dann selbst bestimmen, wie viel ein Zuschauer für ihren Film bezahlen soll.

Einen noch etwas anderen Weg gehen Projekte www.wreckamovie.com des Finnen Samuli Torsonnen, der Ideenfindung und Produzentensuche gleich ans Netzkollektiv übergeben will. Sein Selfmade-Film Star Wreck war beim Publikum so beliebt, dass er heute als einer der erfolgreichsten finnischen Filme gilt. Mehr oder weniger professionelle Crowdsourcing-Projekte finden sich auch in Deutschland. Derzeit bastelt etwa das KEIN NICHTS-Filmkollektiv am zweiten Kapitel ihres Drehbuchs.

Der Unterhaltungsbranche kann das alles nicht gefallen. In Großbritannien wird daher bereits an einem strengeren Urheberrechtsschutz gearbeitet, der für Portale wie YouTube viel Ärger bedeuten könnte: Die Politik strickt derzeit an einer derart strikten Gesetzesnovelle, dass Seiten, die eine "substanzielle" Anzahl von Copyright-verletzendem Material beheimaten, mit starken Restriktionen oder gar mit Einstellung rechnen müssen.