MySpace "Die Musikbranche steckt noch mitten in der Krise"
MySpace Music gibt es in Amerika, Australien und Großbritannien; hierzulande will man im Sommer starten. Frank Magdans hat MySpace-Chef Joel Berger auf der Cebit interviewt.
©MySpace

Joel Berger
ZEIT ONLINE: Herr Berger, Amazon und Apple sind gut im Geschäft mit dem digitalen Verkauf von Musiksongs und Dienste wie Last.fm haben längst viele Anhänger. Auf MySpace Music dagegen wartet man schon eine Weile. Weshalb kommt der neue Kanal so viel später?
Joel Berger: Das liegt zum einen an technischen Dingen. Es dauert dann doch eine Weile, bis man eine Plattform angepasst hat. Zum anderen ist es eine Rechtefrage. Wir müssen mit den Copyright-Gesellschaften sprechen. Konkurrent Spotify aus Schweden hat gemeldet, dass sie in Deutschland erst einmal nicht an den Start gehen, wegen Unstimmigkeiten mit der GEMA. Insofern werden wir immer noch der Erste sein, auch wenn es mir sicher lieber gewesen wäre, wenn es schneller gegangen wäre. Wir sind dennoch nicht der Meinung, zu spät zu kommen, oder denken, dass uns jetzt irgendwas wegläuft.
ZEIT ONLINE: Wie sieht das Geschäftsmodell aus?
Joel Berger: Im Mittelpunkt steht das Free-Streaming von Songs, das durch Werbung finanziert wird. Eine Album-Premiere wird also gesponsert oder nach einer bestimmten Anzahl von Tracks folgt ein Werbespot. Für den Konsumenten bleibt alles kostenlos. Darüber hinaus hat jeder User die Möglichkeit, sich bestimmte Dinge über einen Button direkt auf der MySpace-Seite des Künstlers zu kaufen, also die Single, das komplette Album, einen Klingelton oder andere Produkte. Wie die Balance zwischen Streaming und E-Commerce aussieht, das wissen wir momentan selbst noch nicht, aber der Künstler erhält selbstverständlich seinen Teil vom Kuchen. Ich bin überzeugt, dass es für die Labels wie auch für die Künstler eine lohnende Geschichte wird.
ZEIT ONLINE: Vergrault man sich mit Werbung nicht die User? Man denke nur mal ans Fernsehen …
Joel Berger: Das glaube ich nicht – wenn sie gut gemacht ist. Die Werbung muss natürlich in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen. Sie darf nicht stören, nicht belästigen. Und ich finde, wir haben gute Werbeformate entwickelt, die dies nicht tun und trotzdem einen nachhaltigen Effekt der Marke hinterlassen.
ZEIT ONLINE: Anfangs hatte MySpace ja eigentlich einen eher alternativen Touch, davon scheint jetzt immer weniger übrig zu bleiben.
Joel Berger: Na ja, wir müssen ja auch von etwas leben. Im Moment sind wir zu einhundert Prozent von Werbung finanziert und wollen vom User kein Geld, es sei denn für Downloads. Wir müssen uns einfach überlegen, wie wir uns refinanzieren können, ohne dabei alle zu verschrecken. Und ich glaube, da haben wir einen ganz guten Mittelweg gefunden.
ZEIT ONLINE: Trotzdem werden einige ganz schön meckern, oder?
Joel Berger: Mit Sicherheit. Das ist so, damit müssen wir leben.
ZEIT ONLINE: Mit MySpace Music können die User eigene Playlists erstellen und diese an Freunde weitergeben. Zudem rücken Künstler und Fans näher zusammen. Inwiefern ist da noch der Job eines Musikkritikers von Bedeutung?
Joel Berger: Das ist schwer zu beantworten. Auf jeden Fall ist es von der Zielgruppe abhängig. Die Frage "Hören Sie gern Musik?" würden wahrscheinlich 95 Prozent der Bevölkerung bejahen. Doch wie viele davon lesen die Spex? Nur wenige. Also das heißt, für den Spex-Leser werden Kritiken und Meinungen immer wichtig sein. Anderen ist es wahrscheinlich nur wichtig zu sehen, welchen Track der Kumpel gut findet. Von dem weiß ich, dass er die Spex liest. Im Grunde werden sich dadurch Spezialisten herausbilden, sozusagen Musikredakteure light – so ähnlich wie im Fall der MTV-Playlist früher, die ja auch ein Indikator war dafür, was gerade angesagt ist.
ZEIT ONLINE: Und wie wird die Zukunft der sozialen Netzwerke aussehen, wenn jeder erst einmal mobil online ist? Gibt es dann überhaupt noch unterschiedliche Profile für diverse Communitys, oder nimmt man sein Profil und seine Liste überall hin mit?
Joel Berger: In dem Moment, in dem ich auf eine Site gehe, werde ich mich wahrscheinlich schon allein dadurch registrieren, dass ich meine digitale Identität mit mir herumtrage – im Grunde so wie beim iTunes Store. Das ist zwar jetzt ein alter Hut, doch Apple hat das Ganze revolutioniert. Es gab etliche MP3-Läden, die allesamt nicht funktionierten. Dann kam iTunes: Was willste haben? Klick, da hast du’s. Aber Apple ist nicht das einzige Unternehmen, das gute Ideen hat.
ZEIT ONLINE: Eine Frage zum Webdesign von MySpace: Oftmals macht es den Eindruck, als erblicke man eine wahllos zusammengekleisterte Teppichwand. Wird am Erscheinungsbild gefeilt?
Joel Berger: Wir sind dran, das Design ein bisschen zu standardisieren. Das ist eben der schmale Grat zwischen gestalterische Freiheit lassen und trotzdem noch ästhetischen Mindeststandards genügen wollen. Aber es wird bald ein Profil 2.0 geben, damit die User dann auch die Buttons besser finden. Es geht ja nicht, dass man stundenlang nach irgendeinem Player suchen muss.
ZEIT ONLINE: Allein in Deutschland gibt es über 450.000 Bandprofile auf MySpace. Wie leicht oder schwer ist es für Musiker, wahrgenommen zu werden?
Joel Berger: Künstler brauchen ein Profil auf MySpace, um aktives Community-Management zu betreiben. Eine Band muss ihren Fans einen Mehrwert bieten, auf sie eingehen. Die Fanbase ist das wichtigste Tool, das die Künstler haben.
ZEIT ONLINE: Und hat die Musikbranche ihre Krise überwunden oder steckt sie noch mittendrin?
Joel Berger: Ich glaube, die Branche steckt noch mittendrin. Der Markt bricht ja immer noch um. Es ist ja nicht so, dass ein anderes Gleichgewicht erreicht worden ist. Dieser Digitalisierungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Jetzt sind wir bei 27 Prozent Anteil weltweit. Irgendwann werden es 100 sein, die Frage ist nur wann. Nur ein kleiner Teil davon wird der Downloadmarkt sein. Der Rest basiert auf werbebasierten oder Abonnementmodellen.
Die Fragen stellte Frank Magdans.
- Datum 05.03.2010 - 16:56 Uhr
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Gibt es eigentlich eine Studie darüber, welche Musik eher heruntergeladen und welche physisch gekauft wird?
Ich fände es sehr interessant, zu sehen, ob sich mein Vorurteil bestätigt, dass sich eher kurzlebige Hintergrundmusik im Internet verkaufen lässt, während "echte" Musikliebhaber sich auf Platten und CDs konzentrieren.
Da brauchen Sie doch keine Studie für.
Es ist klar, dass Musikliebhaber mehr Geld für ihre Musik ausgeben und sie auch auf CD haben wollen. Außerdem wollen sicher fast alle mit guter Anlage CD´s statt MP3, nicht unbedingt wegen hörbaren Unterschieden, sonderen wegen dem bewussten "auflegen". Und sie wollen ganze Alben und keine Singles, Downloads dagegen sind doch eher bei einzelnen Liedern attraktiv.
Ich denke ein Markt für CD´s und Schallplatten wird Bestand haben, aber in anderer Größe. Vielleicht wird er sogar zum Direktvertrieb der Künstler, möglich ist das ja mittlerweile.
Hoffentlich schrumpft der Gesamtmarkt bald wieder auf ein normales Maß und finanziert keine aufgeblähten Großkonzerne mehr. Dagegen kämpfen Universal und co, mit allen Mitteln.
...wird wohl gar nichts mehr daraus.
Gerade in der Musikbranche sind "I leave Myspace, find me at Facebook" Aktionen derzeit besonders im Trend.
Myspace wurde bereits vor Jahren von Facebook, Last.fm und Diensten wie Soundcloud überholt. Myspace hat einfach kein Konzept. Eine Internetfirma, die Jahre (!) braucht um selbst einfachste Änderungen umzusetzen - und das auch noch mit kaum zu übertreffender Geschmacklosigkeit - ist eine Blase die bald platzt.
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