Rechtsfreier Raum Freier Markt soll für freies Netz sorgen

Sebastian Blumenthal ist neuer Vorsitzender des Bundestagsausschusses Neue Medien. Er glaubt, dass der Wettbewerb die meisten Probleme im Netz lösen kann.

Die neuen Mitglieder des Unterausschusses Neue Medien. Der Vorsitzende ist Sebastian Blumenthal (5. von li.), neben ihm Brigitte Zypries

Die neuen Mitglieder des Unterausschusses Neue Medien. Der Vorsitzende ist Sebastian Blumenthal (5. von li.), neben ihm Brigitte Zypries

ZEIT ONLINE: Herr Blumenthal, mit welchen Inhalten soll sich der Unterausschuss Neue Medien in dieser Legislatur vor allem beschäftigen?

Blumenthal: Wir werden uns voraussichtlich mit Themen wie Netzneutralität, Urheberrecht, Vorratsdatenspeicherung oder auch Medienkompetenz beschäftigen.

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ZEIT ONLINE: Da haben Sie gleich einige Stichworte gesagt. Wenn ich die Meinung der FDP richtig verstehe, ist die Haltung zur Netzneutralität, dass das der Markt sie schon regeln wird, oder?

Blumenthal: Das ist richtig, das war auch Inhalt des Koalitionsvertrages: Wir werden Netzneutralität auf jeden Fall unterstützen, aber wir werden nicht anfangen zu regulieren, wenn kein Bedarf dazu besteht. Und den Bedarf sehen wir derzeit nicht.

ZEIT ONLINE: Aber wenn Sie sagen, der Unterausschuss solle sich mit Netzneutralität befassen, was heißt das dann?

Blumenthal: Dass wir uns beispielsweise mit Experten im Rahmen einer öffentlichen Anhörung austauschen, ob es Fälle gibt, bei denen die Netzneutralität nicht gewährleistet ist. Und dass wir endlich eine einheitliche Definition des Begriffes schaffen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern? 

Blumenthal: Einige fordern, Netzneutralität solle als Grundrecht ins Grundgesetz geschrieben werden, andere sehen darin den überall gleichberechtigt verfügbaren Zugang zum Internet, dritte betrachten es technisch als einen gleichberechtigten Transport aller Datenpakete.

ZEIT ONLINE: Was verstehen Sie denn unter Netzneutralität?

Blumenthal: Für mich ist der Transport von Daten im Internet der eigentliche Punkt. Und ich denke, dass wir das differenziert betrachten sollten. Denn Provider müssen in der Lage sein, die Sicherheit und Integrität ihrer Netze zu gewährleisten. Doch darf es nicht dazu kommen, dass Provider die freie Meinungsäußerung einschränken, wie es in den USA teilweise geschehen ist.

ZEIT ONLINE: Aber was ist, wenn die Diskriminierung aufgrund der Inhalte stattfindet, indem beispielsweise Videostreams "besteuert" werden und E-Mails nicht?

Blumenthal: Ich sehe dabei durchaus die Möglichkeit, erfolgreich mit dem Wettbewerb zu argumentieren. Wichtig ist, dass die Provider in den Nutzungsbedingungen klar sagen, ob es in ihrem Netz zu Trafficshaping (also der Verlangsamung bestimmter Inhalte zugunsten anderer, Anm. d. Red.) kommt. Sollte es diese Transparenz nicht geben, sind wir als Politik gefordert. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass das im Moment passiert.

ZEIT ONLINE: Herr Obermann, der Chef der Telekom, fordert in öffentlichen Diskussionen durchaus, solche Gebühren einzuführen, oder?

Blumenthal: Die Diskussion darf er gerne führen. Nach meinem Wissen aber ist das bislang nicht umgesetzt worden. Wenn es eintritt, werden wir uns damit auseinandersetzen.

ZEIT ONLINE: Wenn es um staatliche Instrumente geht, Netzsperren beispielsweise, hat die FDP eine klare Haltung: dagegen. Wenn es aber um solche der Wirtschaft geht, ist diese Haltung nicht so klar und räumt der Wirtschaft Möglichkeiten ein, die sie dem Staat nicht zubilligen will. Ist das so?

Blumenthal: Das sehe ich nicht. Wir haben den Grundsatz, dass die Freiheit im Netz gewährleistet sein soll, dass niemand dort verdachtsunabhängig überwacht werden darf. Aber wir müssen berücksichtigen, dass die Nutzung von Diensten wie Google in der Hand der Nutzer liegt. Wer dem Unternehmen misstraut, kann ihm aus dem Weg gehen. Der Vorratsdatenspeicherung dagegen kann ich mich nicht entziehen.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch das Urheberrecht erwähnt. Ihr Parteikollege Hans-Joachim Otto ist der Meinung, dass man, um Urheberrechte zu schützen, auch Deep Packet Inspection einsetzen können sollte, eine Art Netzsperre also. Was ist Ihre Haltung?

Blumenthal: Das Urheberrecht ist ein Handlungsfeld, bei dem wir den Gegebenheiten der neuen Medien Rechnung tragen werden.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Blumenthal: Zum Beispiel, indem die Verwendung von urheberrechtsgeschützten Inhaltselementen mit Rechtssicherheit verbunden sein muss. Der Vorwurf des Internets als rechtsfreien Raumes darf keinen Bestand haben.

ZEIT ONLINE: Aber er hat doch gar keinen Bestand...

Blumenthal: Nein, aber es gibt Vorwürfe, dass die Rechte von Urhebern in den neuen Medien nicht ausgeübt werden können.

ZEIT ONLINE: Ich kann meine Urheberrechte wahrnehmen. Wenn jemand einen Text von mir klaut, kann ich denjenigen abmahnen und bekomme Geld dafür ...

Blumenthal: Es geht darum, dass einzelne Applikationen das geistige Eigentum anderer nutzen, um ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen. Wenn die Applikation nur darauf basiert, ist das ein Grenzfall, über den man diskutieren muss.

ZEIT ONLINE: Google?

Blumenthal: Google ist für mich ein Suchdienst, den ich nicht pauschal diskriminieren möchte.

ZEIT ONLINE: Google News?

Blumenthal: Das ist ein Fall, wo Diskussionsbedarf besteht.

ZEIT ONLINE: Und bei diesem sehen Sie Regulierungsbedarf?

Blumenthal: Derzeit nicht. Doch wenn der begründete Verdacht geäußert wird, dass eine Urheberrechtsverletzung stattfindet, müssen wir uns sachlich damit beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Ist das Internet also ein rechtsfreier Raum?

Blumenthal: Nein, das Internet ist zunächst einmal ein Medium, ein Zusammenschluss von Rechnern. Wenn es zu Rechtsverstößen kommt, dann nicht, weil es das Internet gibt, sondern weil einzelne Nutzer rechtswidrig handeln.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist?

Blumenthal: Richtig.

Sebastian Blumenthal ist der neue Vorsitzende des Unterausschusses Neue Medien des Bundestages, der sich vorrangig mit dem Netz befasst. Blumenthal ist gleichzeitig für die FDP Mitglied in der neu geschaffenen Internet-Enquète-Kommission.

Die Fragen stellte Kai Biermann

 
Leser-Kommentare
    • Ranjit
    • 22.04.2010 um 13:48 Uhr

    Ich finde es ermüdend, wie der Markt als magisches Allheimittel dargestellt wird. Es benötigt keinen Herrn Marx um dies als plumpe Lüge zu entlarven, sondern nur ein bisschen BWL.

    Die unsichtbare Hand des Marktes funktioniert nur unter gewissen Vorraussetzungen. Wettbewerb, Transparenz, freier Marktzugang, um ein paar zu nennen. Der Markt auf dem sich die Internetanbieter tummeln ist jedoch hochgradig fehlerhaft.

    1. Es gibt wenige Anbieter und noch weniger Netzbetreiber. So nutzen z.B. viele Anbieter dass Netz der Telekom. Das resultierende Oligopol schwächt die ausgleichenden Marktmechanismen enorm.

    2. Der Martzutritt ist keine leichte Angelegenheit. Nicht viele haben das Kapital und die Risikobereitschaft sich mit den Riesen auf diesem Markt anzulegen.

    3. Der Markt ist nicht transparent. Wer weiß denn schon, wer gerade welche Seiten oder Dienste filtert, bremst oder sperrt? Dann noch der der Tarifdschungel und das Vertragsminenfeld.

    4. Der Markt kann auch nur dann eingreifen, wenn der Wechsel zwischen Anbietern einfach ist. Doch zum einen sind Internetverträge häufig langfristig, mit der frühesten Kündigungsmöglichkeit nach zwei Jahren. Zum anderen ist der Wechsel selbst unsicher. Manchmal bedeutet wechseln Monate ohne Netz und Telefon darzustehen.

    Der Markt wird Netzneutralität also sicher nicht bewahren. Das Traurige hierbei: Die FDP weiß dass ganz genau.

  1. Blumenthal: "Einige fordern, Netzneutralität solle als Grundrecht ins Grundgesetz geschrieben werden, andere sehen darin den überall gleichberechtigt verfügbaren Zugang zum Internet, dritte betrachten es technisch als einen gleichberechtigten Transport aller Datenpakete."

    Blumenthal konstruiert hier ein Prolbem das garnicht existiert. Der Begriff ist längst als neutrale Datenübermittlung definiert. Wer anderes behauptet liegt falsch und wer eine Aufnahe ins Grundgesetz fordert stellt keine Definitionsfrage.

  2. Wo bitte erklärt Herr Blumenthal denn, wie der Wettbewerb die Probleme lösen kann?

  3. sollte die FDP ihre Finger von so wichtigen Angelegenheiten lassen. Ich hab genug von den liberaliserungs Fanatikern die eh nur die Investoren und Bilanzen im Hinterkopf haben sich aber für den Rest der Gesellschaft nicht sonderlich abmühen. Freiheit bei der FDP bedeutet Freiheit für alle die schon mehr als genug haben und noch mehr daraus machen wollen wärend alle anderen Gesellschaftsteilnehmer lediglich Zubringer sind... Das ist bei den Steuern so, bei den Arbeitsgesetzen, beim Konsumentenschutz, generell beim Vertragsrecht (Trafficshaping wird bereits von einigen Providern Missbraucht)... und die Vertragsfreiheit wird ja auch sehr hoch gehalten. Das heisst mit anderen Worten, das einmal mehr so manches Unternehmen/ Marketing/ Rechtsabteilung alles mögliche versuchen wird die Kunden mit Undurchsichtigen, dümmlichen und auch illegalen Verträgen über einen bis mehrere Tische zu ziehen. Es gilt auch hier wieder das die Freiheit der Unternehmen und Kapitalbesitzer selten in Freiheit für den Rest der Gesellschaftlichen Teilnehmer mündet. Liberalisierte Märkte sind komplett ungeeigent und auch unfähig zur Steuerung moderner und fortschrittlicher Gesellschaftsformen da schlussendlich nur eine Handvoll Teilnehmer ihre Strategien and Demokratischen Strukturen vorbei durchsetzen können.

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