Chatroulette : "Zeig mir deine Brüste, Baby"

Fast neunzig Prozent Männer und haufenweise Perverse sollen sich bei Chatroulette rumtreiben. Gibt es dort auch Schönes? Ein Selbstversuch von Nicole Franziska Kögler
Die Seite Chatroulette nutzt die Webcam des Rechners und verbindet den Nutzer mit einem zufällig ausgesuchten Kontakt irgendwo auf der Welt © Francois Guillot/AFP/Getty Images

Mit Kaffee und im Schlafanzug, mit Brille und ungekämmten Haaren setze ich mich an den Computer, tippe Chatroulette in den Browser.

Dass es verrückt sein soll hatte ich gelesen, dass es Menschen gibt, die süchtig danach werden. Und dass Männer dort vor ihren Webcams masturbieren. Auf YouTube gibt es Videos mit den peinlichsten Chatroulette-Usern. Jedes Gespräch kann sofort mit einem Screenshot veröffentlicht werden. Meine Freunde hatten mich gewarnt und gemeint, sie würden ihr Gesicht nie Fremden live im Internet zeigen, nie ihre Privatsphäre für diesen kleinen Kick aufgeben.

Ich bin neugierig, will es ausprobieren, herausfinden, was Nutzer mit dem Programm machen – und genehmige den Zugriff auf meine Webcam. Noch weiß ich nicht, dass ich sie aus Panik, dass jemand unbemerkt auf sie zugreifen könnte, die nächsten Tage abdecken werde. Noch weiß ich nicht, dass ich Menschen von Hamburg bis Kalifornien kennenlernen werde und eine Strichlisten führen werde, wie viele Penisse ich gesehen und wie viele außergewöhnliche Gespräche erlebt habe.

Acht Stunden Chatroulette habe ich mir vorgenommen, einen Arbeitstag. Ein Klick auf New Game und ich befinde mich, zumindest virtuell, in einem Zimmer irgendwo anders auf dieser Welt.

Gleich die ersten drei Chatpartner entblößen ohne Vorwarnung ihr Geschlechtsteil, alles Männer. Erst mit dem vierten beginne ich ein Gespräch. Es startet damit, wie viele Penisse wir schon gesehen haben. Wir plaudern, er findet meine Kaffeetasse toll, ein unglaublich hässliches Exemplar mit Schafsmotiv. Endlich kann ich mal wieder ihre Geschichte erzählen: Ein Freund schenkte sie mir vor Jahren – mittlerweile mein Exfreund – nicht nur deswegen wollte ich sie schon oft "aus Versehen" fallen lassen. Es folgen drei Männer, mit denen ich über sie rede. Wir kommen alle zum gleichen Urteil – grausliche Tasse, aber praktisch, weil sie so groß ist. Banalitäten, doch viel Aufmerksamkeit für mich und mein Leben am frühen Morgen.

Ein Klick und mir sagt ein bekiffter Junge, angeblich Informatikstudent aus Los Angeles , unzählige Male wie süß ich mit meiner Brille aussehe. Dass ich so nicht in die Öffentlichkeit gehen würde, weiß er nicht. Ich fühle mich geschmeichelt. Doch keine zwei Minuten später will er meine Brüste sehen. Das frustriert. Wenigstens ein Grund, zum Nächsten zu klicken.

Mir fällt das schwer, auch wenn ich mich bei den Chats oft wirklich langweile. Es ist doch gemein, jemanden wegzudrücken, der sich mit mir unterhalten möchte. Ich erfinde Ausreden, dass ich neuen Kaffee holen will oder zur Arbeit muss. Und klicke weiter.

Wieder kurzer Smalltalk, wieder Schmeichelhaftes über mein Lächeln – und wieder werde ich gefragt, ob ich meine Brüste zeige. Eine Zeit lang versuche ich nun steinern in die Kamera zu schauen, kein Grinsen, kein Lächeln. Ich will jegliches Kompliment verhindern, die Vorstufe zu "Zeig mir deine Brüste, Baby".

Ich brauche eine Pause und mehr Kaffee. Vielleicht hatten meine Freunde Recht und die Seite ist wirklich nur ein Spielplatz für Perverse.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

ein tolles neues Partyspiel:

man nehme eine halbwegs attraktive Frau, setze sie vor einen Laptop und lasse Chatroulette laufen. Dazu betrinkt man sich und lacht die ganzen Deppen aus. Wenn sie anfangen mit ihren Schwänzen rumzuspielen springen dann Minimum 5 Männer ins Bild und sofort klicken sie auf weiter.
Allerdings nicht nüchtern machen, sonst schlägt das ganz mieß auf den Magen.

Fazit, bei Chatroulette sind fast nur Perverse...