Dieses Internet, von dem man so viel hört, soll ja ziemlich schlimm sein. Und in der Tat gibt es einiges was am Internet nervt. Auch wenn Peter Glaser behauptet, dass dank des WWW und moderner Webbrowser auch ältere Damen das Internet bedienen können, ist es immer noch furchtbar kompliziert.

Teilnehmer am Internet werden mit Spam, mit unerwünschter Werbung oder PR- und Marketing-Gedöns belästigt, Diskussionen und Kommentarspalten von Blogs oder anderen Onlinemedien lassen einen am Guten im Menschen zweifeln, die Ureinwohner des Internets, die Nerds, gehen ruppig mit Fremden um, bestehen darauf, dass man sich an ihre Regeln hält und ihre Lebensweise toleriert, verbitten sich aber gleichzeitig jede Kritik an ihrem Lebensstil und ihrer "Netiquette". Fremden und Neuzugezogenen macht das Internet oft Angst. Jeder Schritt kann im Fettnäpfchen enden, alles ist verwirrend und wirkt anders als in der alten Welt. Institutionen, Urheberrechte und Gesetze scheinen nicht mehr zu gelten, vieles scheint kostenlos zu sein und von allem gibt es so viel, dass man es, selbst wenn man es verstünde, kaum einordnen könnte.

Einige Furchtlose oder die, die von anderen an die Hand genommen werden, leben sich im Internet ein. Sie besiedeln ruhige Orte und merken, dass vieles besser oder einfacher geht als in der alten Welt. Auch die Jungen, die mit dem Internet aufwachsen, gehen pragmatisch und ohne Schwellenangst mit dem Internet um, sehen YouTube statt Fernsehen, organisieren ihre Bekanntschaften und Aktivitäten, daddeln oder flanieren. Das Internet scheint für jeden Geschmack und jedes Bedürfnis einen geeigneten Platz zu bieten.

Das Internet ist wie ein riesiger, unkartografierter Kontinent ("der achte Kontinent" metaphert Peter Glaser), der erst spärlich besiedelt ist. Selbst die Eingeborenen kennen nur ihre eigenen Dörfer, ein paar Städte, die Gegenden eben, die sie besucht haben oder wo ihre Freunde sind. Obwohl Fortbewegung und Orientierung unendlich viel einfacher sind als auf dem Land, kennt diesen achten Kontinent niemand im Ganzen. Von seinen Potenzialen, Bodenschätzen und unentdeckten Landstrichen, ganz zu schweigen.

Sascha Lobo hat kürzlich einmal gesagt, dass Metaphern, die das Internet beschreiben, nie passen und stets weiteste Teile ausblenden. Das gleiche Problem wie mit Metaphern gibt es übrigens mit den sogenannten Internet-Kritikern. Ihre Kritik blendet meist auch weiteste Teile des Internets aus und konzentriert sich auf Einzelaspekte, persönliche Erlebnisse oder Augenzeugenberichte.

An einem Aspekt scheinen die Internet-Kritiker besonderen Gefallen gefunden zu haben. Nämlich dass das Internet dumm mache, Doofe fördere, uns für blöd verkaufe, von Dummheit regiert werde, ja überhaupt unsere gesamte Kultur zerstöre.

Doch gibt es auch die, die behaupten, dass es ganz andere sind, die uns verdummen. Wer sich durch Amazon buddelt, findet beispielsweise diese Titel: Die verblödete Republik: Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen (Thomas Wieczorek), Der Ehrliche ist der Dumme: über den Verlust der Werte (Ulrich Wickert), Seichtgebiete: Warum wir hemmungslos verblöden (Michael Jürgs), Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen (Dan Ariely).

Ist Netzkritik nicht eigentlich Gesellschaftskritik?

Wenn man das liest, scheint das mit der Verblödung vielleicht gar nicht so sehr ein Internetproblem zu sein, sondern ein gesellschaftlicher Trend. Oder spitzer formuliert: Kann es sein, dass Internetkritik eigentlich Gesellschaftskritik ist? Oder noch mal anders: Hat nicht alles, was am Internet kritisiert wird, eine Entsprechung in der alten Welt? Sind die Probleme, die dem Internet zugeschrieben werden, nicht die gleichen, mit denen wir uns seit Jahrtausenden rumplagen? Kritisiert, wer das Internet kritisiert, nicht eigentlich die Welt?

Vergangenes Jahr auf der Next-Konferenz habe ich einen grandiosen Vortrag von Andrew Keen gesehen. Der Titel lautete: Digital Vertigo: Inequality, Anxiety and Isolation in the Social Media Age und schien in die alten Kerben der Internet-Kritiker zu schlagen: Internet macht doof, einsam und nur der Lauteste findet Gehör.

Keen verglich das aufziehende digitale Zeitalter mit dem industriellen und zog frappierende Parallelen. Auch während der industriellen Revolution standen am Anfang große Hoffnungen: dass die Industrialisierung die Welt verbessere, dass Technologie die Menschen befreien werde, sie reicher machen und für mehr Gerechtigkeit sorgen könne. Das Gegenteil war der Fall. Die Industrialisierung führte zu, wie Keen das nennt, "Sozial-Darwinismus", zu Ungerechtigkeit und Ungleichverteilung. Reformiert wurde der Kapitalismus dann durch den Staat, sagte Keen. Regulierung und Kontrolle hätten ihn gerechter gestaltet.

Und jetzt, am Anfang der digitalen Revolution? Auch ich glaube, dass durch Netzwerkeffekte, durch die Nutzung kollektiver Intelligenz oder durch soziale Netze die Welt eher besser als schlechter wird, und die Menschen eher klüger als dümmer. Doch ich kann verstehen, warum Keen uns gleichsam in der Mitte des 19. Jahrhunderts sieht.

Eigenartigerweise lehnen sogar politisch eher links stehende Menschen, die das Internet als ihren "Lebensraum" betrachten, jede Regulierung, jeden staatlichen Eingriff, ja sogar jede Debatte um den Sinn oder Unsinn dessen aggressiv ab. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Bewohner des "achten Kontinents" neoliberale Positionen zu Eigen machen: der Markt, das Internet, regulieren sich schon selbst. Jene, die das anders sehen, werden als "Internetausdrucker", "Ahnungslose" oder "Miesmacher" beschimpft. (Oft allerdings auch zu Recht.)

Keen sprach noch ein paar weitere Probleme an, beispielsweise die oft fehlende Distanz bei der Abschätzung von Folgen oder Gefahren des Internets. Können wir gleichzeitig Teilhaber und Analysten sein, fragt er? Können diejenigen, die das Internet weiter entwickeln und mitgestalten gleichzeitig Gefahren erkennen oder durchdenken?

Die Fragen sind nicht neu. Aber bei der Auseinandersetzung mit ihnen machen wir es uns vielleicht manchmal zu leicht. Keen fordert eine echte Debatte, er fordert Opposition und Widerspruch und dass wir aus der Geschichte lernen sollten.

When all you read is Jarvis and Andersen, when all you read is Wired, when all you read is the blogs, as all these former institutions wither away, there isn’t a debate. […] We need a debate. […] I’m not saying that we need to hold up technology. It’s OK to have idealists, but there is a need for scepticism as well. A need for balance. A need for people to serously think through this stuff.
Andrew Keen

Und ist sie nicht vor allem eine Aufforderung zum Nachdenken?

Hat Keen recht? Mit einigen Thesen die er in seinem Buch vertritt habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich sehe ebenfalls einen Wandel, der aber nicht per se schlecht sein muss. Mir fehlt vielleicht die Distanz, um das objektiv beurteilen zu können, sicher ist aber, dass es nicht schadet, darüber zu streiten. Debatten stärken uns. Die Diskussion um das von Ursula von der Leyen initiierte Zugangserschwerungsgesetz hat das exemplarisch gezeigt. Die Netzmenschen haben ihre Argumente gestärkt. Ja, überhaupt erstmals allgemeinverständlich formuliert und artikuliert. Erst durch die Reibung an Ursula von der Leyen wurden Positionen ausgearbeitet und vermittelt. Ansatzweise wurde die Mühe sogar mit Erfolg – zumindest aber mit einem Zuwachs an Verständnis – gekrönt.

Diese Debatten sind für alle Beteiligten mühsam und anstrengend, nervenaufreibend und frustrierend. In einem völlig anderen Zusammenhang, hat Antje Schrupp auf die Notwendigkeit dieser Vermittlungsarbeit hingewiesen:

Solche Vermittlungsarbeit funktioniert aber – wie jede andere politische Vermittlungsarbeit auch – nicht über das Ausformulieren von Standpunkten und Positionen und Analysen, sondern nur, indem man hingeht und mit den anderen redet. Nicht besserwisserisch, sondern mit wirklichem Interesse für ihre Ansichten und Meinungen, auch wenn man sie erst einmal falsch findet. Nur in dieser Begegnung selbst kann dann nach Anknüpfungspunkten dafür gesucht werden, anderen die eigenen Erfahrungen, die eigene Begeisterung zu vermitteln.
Antje Schrupp

Wer die Opposition bilden oder die Kritik formulieren soll weiß ich auch nicht. Was ich aber durchaus und durchaus auch als an mich selbst gerichtete Aufforderung in den Raum stellen möchte ist, dass wir neben aufrichtiger Selbstkritik mehr Skepsis zeigen gegenüber den Dingen, die wir täglich im Netz tun. Und dass wir lernen, anders mit Kritik umzugehen. Wir sollten sie nicht sofort als Angriff auf unsere Freiheiten auffassen, sondern als Aufforderung zum Nachdenken, zum Erklären und zum Gespräch. Das hört sich pathetisch und appellativ an, aber mit Johnny Haeuslers Hilfe kann ich noch einen drauflegen. Haeusler schrieb in der Wochenzeitung Der Freitag anlässlich der re:publica:

[Der Staat] nämlich kommt derweil seinen Aufgaben als Vermittler zwischen den Interessen der Menschen und der Wirtschaft einerseits, und als Förderer von Innovation und sozialem Fortschritt andererseits, kaum noch nach.
Johnny Haeusler, Spreeblick

Da stellt sich nur noch die Frage, wer denn der Staat ist. Wenn es doch wir selbst sind, dann liegt es an uns, diese Vermittlungsarbeit zu vollziehen. Oder wie Götz Werner, der Gründer der Drogeriekette DM es auf der re:publica ausdrückte: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?

Auch wenn an dieser Stelle alle möglichen Fragen offen bleiben, lässt sich zumindest eine beantworten: Warum das Internet scheiße ist? Weil die Welt scheiße ist.

Felix Schwenzel bloggt seit vielen Jahren unter wirres.net. Der Text basiert auf einem Vortrag, den er bei der re:publica gehalten hat.