Open Data Mit alten Daten neues Wissen schaffen

Staatliche Daten und Statistiken zugänglich zu machen, kann der Gemeinschaft nutzen, glaubt die Open-Data-Bewegung. Auf der re:publica diskutierte sie viele Beispiele.

Börsendaten

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Es braucht keine Finanzkrise, um das Problem von Ratingagenturen zu begreifen: Wenn sie die Kreditwürdigkeit von Firmen bewerten sollen, werden sie von den Firmen dafür bezahlt. Die wiederum haben Interesse an einem guten Rating, senkt das doch ihre Kreditkosten. Weshalb es wohl besser wäre, wenn unabhängigere Institutionen diese Bewertung machen. Die Gemeinschaft zum Beispiel.

Das ist die Idee von freerisk.org, einer Webseite von Jesper Andersen und Toby Segaran. Doch braucht es für gute Finanzanalysen auch zuverlässige Daten. Und damit ist die Seite nur eines von vielen Beispielen, warum Regierungs- und Unternehmens-Daten frei zugänglich sein sollten.

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Eine ganze Bewegung ist um diese Forderung nach Open Data gewachsen. Denn die Gesellschaft könnte davon profitieren, sind sich die Beteiligten sicher. So kann man in Großbritannien im Netz sehen, wie der eigene Abgeordnete zum Irakkrieg oder zum Klimawechsel abgestimmt hat (theyworkforyou.com). Oder den Werdegang einer Gesetzgebung nachverfolgen (Govtrack). Auf fixmystreet.org werden die Bürger selbst zu Datenlieferanten, indem sie Probleme direkt an ihren lokalen Abgeordneten übermitteln.

Ein Weg ist es, die Regierung um die Freigabe von Daten zu bitten. Ein anderer, die Daten selbst zu sammeln. So geschehen etwa bei Openstreetmap, dem seit 2004 laufenden Versuch von Steve Coast, alle Straßen der Welt zu kartografieren.

Inzwischen scheint sich noch ein dritter Weg zu etablieren: Man eignet sich die Daten an. Zum Beispiel die britischen Postleitzahlen. Eine Gruppe, die sich nach Ernest Maples, dem Erfinder der britischen Codes benannte, hatte diese zum Herunterladen angeboten, um viele andere Datenauswertungsprojekte zu verbessern. Die britische Post fand das nicht witzig und wollte es verbieten, doch nach Protesten und Medienberichten ist es nun erlaubt.

Rob McKinnon, der auf der re:publica einen Vortrag über Open Data and Open Government hielt, ist der festen Überzeugung, dass der Verlust des Datenprivilegs zu neuen Machtstrukturen innerhalb einer Gesellschaft führen kann. "Wir fangen gerade erst an, das ganze System zu verstehen", sagt er.

Dass Firmen wie Politiker oft kein Interesse an der Veröffentlichung haben, zeigen die Beispiele von farmsubsidy.org, die Jack Thursten auf der re:publica vorstellte. Die Seite listet auf, wohin die Agrarsubventionen der EU gehen, die immerhin knapp die Hälfte des Gesamtbudgets ausmachen. Gefördert wird damit alles andere als ein nachhaltiges Kleinbauerntum. Nicht nur Fluglinien bekommen viel Geld aus Brüssel, sondern auch prominente britische Politiker, nicht zuletzt Prince Charles.

"Wir brauchen vor allen Dingen Leute, die tatsächlich etwas mit den Daten anstellen", sagt Thurston. "Wir sind eigentlich schon über das Stadium hinaus, wo wir es einfach nur zugänglich machen." Und da die krisengeschüttelten Medien damit offensichtlich überfordert seien und zudem immer Exklusivität für die Daten verlangten, seien stärker Blogger und lokale Kräfte gefragt. 

Die würden jedenfalls auch in Deutschland gerne endlich zuschlagen. Doch während in den USA und in Großbritannien Open Data in letzter Zeit von den Regierungen massiv vorangetrieben wurde, steht Deutschland in Sachen Transparenz schlechter da als so manches Entwicklungsland. Hier hat man sich gar vehement dagegen verwahrt, die Empfänger der Agrarfördermittel zu outen.

An diesem Wochenende soll sich das ändern. Das Open Data Network ruft zum Government Hack Day auf und will den Katalog offenedaten.de endlich mit Material bestücken.

Immerhin aber bemühen sich Bundestag und Bundesregierung um entsprechende Pläne. Open Data sei auch Gegenstand der Internet-Enquete, sagt Uta Dauke, die beim Innenministerium über die Verwaltungsmodernisierung wacht. Und bis zur Sommerpause wolle man darüber beraten, ob es einen Regierungsauftrag zu mehr Datenoffenheit geben soll. "Dennoch müssen sie davon ausgehen, dass selbst wenn wir Montag beschließen würden, die Daten freizugeben, wir sie nicht einfach Dienstag schon ins Netz stellen könnten", sagt Dauke.

Und sie verweist auf rechtliche Probleme. Vor allem strenge Gesetze beispielsweise zum Urheberrecht, zum Wettbewerbsrecht oder zum Datenschutz seien dafür verantwortlich, dass man in Deutschland hinterherhinke.

Lorenz Matzat, Gründungsmitglied vom Open Data Network, sieht noch andere Gründe. Er erzählt, dass er im Finanzministerium Auskunft erbat und dabei an einen Informatiker gelangte, der das Wort "Missdeutungsgefahr" fallen ließ. Was nach seiner Meinung bedeutet, dass die Daten nicht freigegeben werden sollen, weil sich dahinter intransparente Interessen verbergen.

Vielleicht handelt es sich auch nur um Kommunikationsprobleme. Maika Jachmann, die den Webauftritt des Bundestags betreut, sagt, ihre Redaktion bereite die Reden extra als PDF auf, weil die Mehrzahl der Leser das wünsche. Für die Tekkies indes sind PDFs ein Graus, lassen diese sich doch nicht automatisch auslesen. "Kein Problem", sagt Jachmann. "Wir werden die Texte wieder als Word-Dokumente einstellen."

Das war offensichtlich leicht. Matzat ist daher überzeugt: "Wenn der politische Wille da wäre und sie würden tatsächlich endlich beschließen, die Daten freizugeben, dann könnten wir die auch von Montag auf Dienstag haben."

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 16.04.2010 um 18:08 Uhr

    "Und sie verweist auf rechtliche Probleme. Vor allem strenge Gesetze beispielsweise zum Urheberrecht, zum Wettbewerbsrecht oder zum Datenschutz seien dafür verantwortlich, dass man in Deutschland hinterherhinke."

    Es gibt immer eine Ausrede.

  1. Für Open Government Data ist eines entscheidend: Politischer Wille. So sind die erfolgreichen Initativen in den Staaten und in UK zwar auch auf fundierte Basisarbeit zurückzuführen, doch den wirklichen Boost haben die Kabinette von Brown und Obama selbst gegeben.

    Dem dagegen ist der Weg als Basisbewegung ein sehr mühsamer und mindestens genauso kompliziert, wie die Entscheidungstukturen der DatenhalterInnen in Bund, Stadt, Land und Gemmeinden.

    Vielleicht sollten die aufgezeigten Beispiele für Open Government Data mehr beschreiben, welche positive Beschäftigungswirkung das neue Netz der Daten im ICT-Bereich haben könnte, anstatt permanent zu wiederholen, wie widerwillig Regierungen ihre Daten herausgeben.

    Ich bin gespannt, welchen Wege hier in Österreich gegangen werden. Basis-Bewegung oder Regierungsinitiaitive, oder gar beides gemeinsam? Ein erstes Meetup hat es schon gegeben, weitere folgen: http://www.zukunftsweb.at...

    • manu26
    • 06.04.2011 um 10:08 Uhr

    Kann mir irgendjemand ein paar Beispiele für "open data" nennen, also was für Daten man veröffentlichen könnte?

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