Privacy Zu viel Offenheit ist ein schlechtes Geschäft

Viel von sich preiszugeben kann allen nützen, wenn es alle tun. Doch Wissen ist genau wie Macht asymmetrisch verteilt. Eine Antwort auf Jeff Jarvis' Privacy-These

Wenn alle nackt sind, ist nackt sein nicht schlimm. Doch leider sind manche nackter als andere - wenn auch nicht bei dieser "Körperskulptur" von Spencer Tunick

Wenn alle nackt sind, ist nackt sein nicht schlimm. Doch leider sind manche nackter als andere - wenn auch nicht bei dieser "Körperskulptur" von Spencer Tunick

Es gibt Menschen, die halten es für eine Errungenschaft den Müll zu trennen, weil sich mit einem beiläufigen Blick auf die durchsichtigen gelben Säcke, die auf die Müllabfuhr warten, die Einkäufe des Nachbarn und sein Lebensstandard erahnen lassen.

Jeff Jarvis findet, die Deutschen haben ein bigottes Verhältnis zu solchen Blicken. Einerseits würden sie hemmungslos nackt miteinander in die Sauna gehen – in den USA ein absolutes Tabu. Andererseits aber wollten sie Google verbieten, ihre Straßen zu fotografieren. Was sie wiederum Journalisten sehr wohl gestatteten, und zwar mit der Begründung, das liege schließlich "im öffentlichen Interesse". Jarvis hat wahrscheinlich kein Problem damit, anderen seinen Müll zu zeigen.

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Das kann man gedankenlos finden, doch ganz so leicht ist das nicht. In vielen Lebensbereichen ist das Interesse, Informationen über das Verhalten unserer Mitmenschen einzusammeln, legitim. Es gibt Kulturwissenschaftler, die sehen genau darin das wichtigste Motiv für das Lesen von Romanen: wir wollen mehr über andere und damit über uns selbst erfahren. Das lässt sich problemlos fortschreiben für Filme oder Doku-Soaps.

Dem liegt eine anthropologische Konstante zugrunde: Weil der Mensch nie mit Sicherheit wissen kann, was im Kopf des anderen vorgeht, ist er auf Vermutungen angewiesen. Wir tappen eigentlich permanent im Dunkeln und sind gezwungen, den Aussagen des Gegenübers zu vertrauen, oder unsere eigenen Motive und Probleme auf sie zu projizieren.

Das führt zu Missverständnissen. Und oft genug behindert dieses Nicht-Wissen auch die eigene Problemlösung. Könnte man hinter die Fassade der Kollegen und der Hochglanzmagazine blicken, würde man auch dort Hühneraugen, kleinliche Ängste und stapelweise Niederlagen entdecken.

Jeff Jarvis glaubt daher, dass es Verschwendung ist, sein Wissen nicht zu teilen. Täten wir es, würde es allen besser gehen. Fütterte man ein Software-Unternehmen mit den ganzen Mikroproblemen, so die Hoffnung vieler Algorithmus-Apologeten, spuckte es vielleicht die eine große, das Gemeinwohl fördernde Lösung aus. So wie viele kleine Schweinegrippe-Anfragen Google zu einem verlässlichen Frühwarn-System machen.

Genau diesen Aspekt des Teilens privater Informationen findet Jarvis derart wichtig, dass er ihn höher bewertet als die möglichen Gefahren, die mit weniger schamhaft gezogenen privaten Grenzen einhergehen.

Auf der anderen Seite der Neugier steht nämlich der fehlende Respekt für die Intimsphäre anderer. Kaum jemand, der ihr einmal entkam, möchte in die soziale Enge einer Dorfgemeinschaft zurück. Und wenn es Unternehmen oder gar Regierungen sind, die den Bürger durchleuchten, dann klingeln die Alarmglocken und noch viel lauter tun sie es in Deutschland angesichts der historischen Erfahrungen hierzulande. Wissen ist Macht und kann im Zweifel immer gegen den Ausgekundschafteten verwendet werden. Das sieht auch Jarvis so, der keinesfalls über alles Private öffentlich sprechen will.

Doch dadurch schmeißt Jarvis ziemlich viele Datenmüllhaufen durcheinander, die dringend getrennt gehören, wenn man die Debatte um seine durchaus interessanten Anregungen weiterführen will.

Dabei ist die Grundthese gut: Das Teilen von Wissen lässt sich wie ein Geschäft betrachten. Wer Freunde ausfragen möchte, muss auch erst einmal etwas von sich erzählen. Wer den anderen fragt, was er eigentlich verdient, kann auf die Rückfrage schlecht mit "sag ich nicht" antworten. Und in der Tat sind die eigenen Nacktbilder im Netz weniger schlimm, wenn von jedem ein Nacktbild im Netz kursierte.

In der Realität des Internets sieht das aber anders aus. Selten sind es da amerikanische Professoren, die wie Jarvis ganz bewusst von den Folgen einer Krebsoperation erzählen. In der Regel sind es junge Leute, die gedankenlos Einblicke gestatten.

Dass man profitiert vom Wissen anderer, steht außer Frage. Doch der Einzelne profitiert langfristig nicht unbedingt im gleichen Maße wie seine Zielgruppe. Wer bereit ist, Wissen zu teilen, geht immer ein Risiko ein. Und muss im Zweifel vor sich selbst geschützt werden. Denn Wissen und Macht sind immer asymmetrisch verteilt. So weiß der Chef in der Regel mehr über seinen Angestellten als umgekehrt. Die bloße Schaffung von Transparenz kehrt diese Verhältnisse nicht um, genauso wenig wie ein gemeinsamer Saunabesuch. So weiß das Soziale Netzwerk vermutlich mehr über die Absichten seiner Mitglieder als umgekehrt.

Noch viel brisanter wird das, wenn Unternehmen oder Staaten hinter den Rufen nach mehr Bürgerdaten stecken. Die Bürger müssen überlegen, ob sie das vermeintliche Versprechen von mehr Sicherheit gegen Nacktscanner und Vorratsdatenspeicherung eintauschen wollen. Wenn sie das Gefühl haben, dabei ein schlechtes Geschäft zu machen, ist es legitim, den Handel auszuschlagen. Gleiches gilt für Googles Street View: Tauscht man das Risiko, für immer im Netz beim Urinieren an Nachbars Hecke im Netz verewigt zu sein, gegen die kaum zu leugnenden Vorzüge einer virtuellen Karte?

Wie auch immer die individuelle Antwort lautet, gefragt werden sollten die, die an dem Geschäft beteiligt sind. Und genau das macht beispielsweise Google leider viel zu selten. Stattdessen werden viel zu oft selbstverständlich Tatsachen geschaffen. So aber macht man keine fairen Geschäfte.

Die Debatte zu dem Thema steht hier, daher sind in diesem Text Kommentare nicht möglich.

 
Leser-Kommentare
    • etiam
    • 22.04.2010 um 13:20 Uhr

    man kann kaum leugnen, was Frau Klopp hier anführt - Völlige Informationsfreieheit birgt auch Gefahren. Aber ist das ein stichhaltiges Argument gegen die Ausführungen Jarvis'? Nein, meine ich, denn Jarvis trifft den Nagel auf den Kopf - die Deutschen gehen nicht den Weg der Mitte, sie stellen das eine Extrem, während vielleicht die skandinavischen Gesellschaften das andere Extrem stellen. Die Verteidigung der eigenen Freiheit auf Geheimhaltung stammt meist von denen, die selbst eine paranoide Wahrnehmung gegenüber ihrem Nächsten haben.
    Nun leben wir aber einmal in einer Gesellschaft, und Zusammenleben ist, insbesondere wenn es um staatliche Elemente geht, nur mit einem gewissen Maß an Offenheit zu erreichen. In Schweden darf man daher die Tagespost jedes Ministers lesen - In Deutschland geht jeder Wähler davon aus, dass die Ministerpost zu 95% bei ihrer Aufdeckung Skandalöses beinhaltet. Offenheit schafft Vertrauen! In Deutschland ist jeder Steuerzahler potentieller Betrüger, jeder Leistungsempfänger ebenso - in Schweden ist das Bankgeheimnis ein Fremdwort, das Steuergeheimnis auch, und man hat dadurch ein ganz anderes Verhältnis zu seinem Näächsten.
    Google Street View hat nirgends auf der Welt solche Probleme, wie in Deutschland - und bei staatlichen Löschanfragen ist Deutschland international auf Rang 2!
    Ein Zeugnis der deutschen Paranoia!
    Der Weg der Mitte ist weit entfernt vom deutschen Weg!

    • joG
    • 22.04.2010 um 16:35 Uhr
    2. @Autor

    "Andererseits aber wollten sie Google verbieten, ihre Straßen zu fotografieren. Was sie wiederum Journalisten sehr wohl gestatteten, und zwar mit der Begründung, das liege schließlich "im öffentlichen Interesse". Jarvis hat wahrscheinlich kein Problem damit, anderen seinen Müll zu zeigen.

    Das kann man absurd finden, doch ganz so leicht ist das nicht."

    Im Ernst. Empfinden Sie das wirklich so? Können Sie erklären, wieso es schlimm ist das Abbild einer Strasse im Internet sehen zu können? Oder erklären Sie mir bitte, warum es schlimm sein sollte im Internet Ihren Müll zu sehen aber egal ist, wenn es auf dem Titelblatt Ihrer Ortszeitung erscheint. Ich verstehe das nicht. Das finde ich wiederum absurd und nicht die Meinung von Jarvis.

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