Privacy Zu viel Offenheit ist ein schlechtes GeschäftSeite 2/2
Auf der anderen Seite der Neugier steht nämlich der fehlende Respekt für die Intimsphäre anderer. Kaum jemand, der ihr einmal entkam, möchte in die soziale Enge einer Dorfgemeinschaft zurück. Und wenn es Unternehmen oder gar Regierungen sind, die den Bürger durchleuchten, dann klingeln die Alarmglocken und noch viel lauter tun sie es in Deutschland angesichts der historischen Erfahrungen hierzulande. Wissen ist Macht und kann im Zweifel immer gegen den Ausgekundschafteten verwendet werden. Das sieht auch Jarvis so, der keinesfalls über alles Private öffentlich sprechen will.
Doch dadurch schmeißt Jarvis ziemlich viele Datenmüllhaufen durcheinander, die dringend getrennt gehören, wenn man die Debatte um seine durchaus interessanten Anregungen weiterführen will.
Dabei ist die Grundthese gut: Das Teilen von Wissen lässt sich wie ein Geschäft betrachten. Wer Freunde ausfragen möchte, muss auch erst einmal etwas von sich erzählen. Wer den anderen fragt, was er eigentlich verdient, kann auf die Rückfrage schlecht mit "sag ich nicht" antworten. Und in der Tat sind die eigenen Nacktbilder im Netz weniger schlimm, wenn von jedem ein Nacktbild im Netz kursierte.
In der Realität des Internets sieht das aber anders aus. Selten sind es da amerikanische Professoren, die wie Jarvis ganz bewusst von den Folgen einer Krebsoperation erzählen. In der Regel sind es junge Leute, die gedankenlos Einblicke gestatten.
Dass man profitiert vom Wissen anderer, steht außer Frage. Doch der Einzelne profitiert langfristig nicht unbedingt im gleichen Maße wie seine Zielgruppe. Wer bereit ist, Wissen zu teilen, geht immer ein Risiko ein. Und muss im Zweifel vor sich selbst geschützt werden. Denn Wissen und Macht sind immer asymmetrisch verteilt. So weiß der Chef in der Regel mehr über seinen Angestellten als umgekehrt. Die bloße Schaffung von Transparenz kehrt diese Verhältnisse nicht um, genauso wenig wie ein gemeinsamer Saunabesuch. So weiß das Soziale Netzwerk vermutlich mehr über die Absichten seiner Mitglieder als umgekehrt.
Noch viel brisanter wird das, wenn Unternehmen oder Staaten hinter den Rufen nach mehr Bürgerdaten stecken. Die Bürger müssen überlegen, ob sie das vermeintliche Versprechen von mehr Sicherheit gegen Nacktscanner und Vorratsdatenspeicherung eintauschen wollen. Wenn sie das Gefühl haben, dabei ein schlechtes Geschäft zu machen, ist es legitim, den Handel auszuschlagen. Gleiches gilt für Googles Street View: Tauscht man das Risiko, für immer im Netz beim Urinieren an Nachbars Hecke im Netz verewigt zu sein, gegen die kaum zu leugnenden Vorzüge einer virtuellen Karte?
Wie auch immer die individuelle Antwort lautet, gefragt werden sollten die, die an dem Geschäft beteiligt sind. Und genau das macht beispielsweise Google leider viel zu selten. Stattdessen werden viel zu oft selbstverständlich Tatsachen geschaffen. So aber macht man keine fairen Geschäfte.
Die Debatte zu dem Thema steht hier, daher sind in diesem Text Kommentare nicht möglich.
- Datum 22.04.2010 - 11:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







man kann kaum leugnen, was Frau Klopp hier anführt - Völlige Informationsfreieheit birgt auch Gefahren. Aber ist das ein stichhaltiges Argument gegen die Ausführungen Jarvis'? Nein, meine ich, denn Jarvis trifft den Nagel auf den Kopf - die Deutschen gehen nicht den Weg der Mitte, sie stellen das eine Extrem, während vielleicht die skandinavischen Gesellschaften das andere Extrem stellen. Die Verteidigung der eigenen Freiheit auf Geheimhaltung stammt meist von denen, die selbst eine paranoide Wahrnehmung gegenüber ihrem Nächsten haben.
Nun leben wir aber einmal in einer Gesellschaft, und Zusammenleben ist, insbesondere wenn es um staatliche Elemente geht, nur mit einem gewissen Maß an Offenheit zu erreichen. In Schweden darf man daher die Tagespost jedes Ministers lesen - In Deutschland geht jeder Wähler davon aus, dass die Ministerpost zu 95% bei ihrer Aufdeckung Skandalöses beinhaltet. Offenheit schafft Vertrauen! In Deutschland ist jeder Steuerzahler potentieller Betrüger, jeder Leistungsempfänger ebenso - in Schweden ist das Bankgeheimnis ein Fremdwort, das Steuergeheimnis auch, und man hat dadurch ein ganz anderes Verhältnis zu seinem Näächsten.
Google Street View hat nirgends auf der Welt solche Probleme, wie in Deutschland - und bei staatlichen Löschanfragen ist Deutschland international auf Rang 2!
Ein Zeugnis der deutschen Paranoia!
Der Weg der Mitte ist weit entfernt vom deutschen Weg!
"Andererseits aber wollten sie Google verbieten, ihre Straßen zu fotografieren. Was sie wiederum Journalisten sehr wohl gestatteten, und zwar mit der Begründung, das liege schließlich "im öffentlichen Interesse". Jarvis hat wahrscheinlich kein Problem damit, anderen seinen Müll zu zeigen.
Das kann man absurd finden, doch ganz so leicht ist das nicht."
Im Ernst. Empfinden Sie das wirklich so? Können Sie erklären, wieso es schlimm ist das Abbild einer Strasse im Internet sehen zu können? Oder erklären Sie mir bitte, warum es schlimm sein sollte im Internet Ihren Müll zu sehen aber egal ist, wenn es auf dem Titelblatt Ihrer Ortszeitung erscheint. Ich verstehe das nicht. Das finde ich wiederum absurd und nicht die Meinung von Jarvis.