Calm down and think it over, war vor einigen Jahren der Werbespruch einer Alkoholfirma. "Lehn Dich zurück", sollte das bedeuten, "und denk noch mal in Ruhe nach." Der Satz würde auch gut zur diesjährigen re:publica passen. Die Konferenz zum Thema Blogs, Internet und digitale Beteiligung scheint dieses Mal wie der Versuch, in dem endlosen Strom aus Informationen, Moden, Ideen einen kurzen Moment inne zu halten und darüber zu sinnen, was mit diesem Werkzeug möglich ist. Und was nicht.

Das Berliner Treffen geht nun ins vierte Jahr. Anfangs eher der Versuch, die einsam in ihrem Zimmern und Büros sitzenden Blogger des Landes auch mal im echten Leben zusammenzubringen, ist es in dieser kurzen Zeit zu einer ernsthaften Plattform für Debatten geworden. Um Privatsphäre geht es in den Vorträgen, um Beteiligung an demokratischen Prozessen, um die Zukunft der Medien, die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, um Spaß und ein wenig auch um Technik.

265 Sprecher und 2500 Zuhörer aus aller Welt sind in diesem Jahr dabei. Nowhere ist das Motto. Nirgendwo könne das heißen, aber auch jetzt und hier, sagt Markus Beckedahl, der die Konferenz gemeinsam mit Spreeblick-Blogger Johnny Häusler organisiert. Nicht unbedingt im Sinne von verloren ist das gemeint, sondern eher als Bekenntnis, dass noch alles möglich ist. "Wir stehen eben erst ganz am Anfang", sagt Beckedahl.

Das klingt wie der Optimismus früher Jahre. Dabei aber ist es viel eher ein Neuaufbruch. Während der schwarz-roten Bundesregierung waren die netzpolitischen Themen bestimmt von dem Begriff Überwachung und der Angst vor einem panoptischen Staat. Doch das hat sich mit dem Wechsel zu schwarz-gelb geändert. Inzwischen gibt es Bundestagsabgeordnete und gar Bundesminister, die nicht nur selbst twittern, sondern das auch in der Sprache ihrer Follower tun. Es gibt eine Art Runden Tisch des Innenministeriums, der versucht, die Zivilgesellschaft an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Es gibt immerhin eine Internet-Enquete-Kommission des Bundestages, in der Netzaktivisten wie Beckedahl als Experten sitzen.

Ein guter Zeitpunkt also, um noch einmal gründlich nachzudenken. Woher kommt überhaupt die Faszination an dieser Technik, fragt im Auftaktvortrag Peter Glaser. "Weil Menschen sich für Menschen interessieren. Und es noch nie ein Instrument gab, das sie so gut vernetzt", ist die Antwort des Schriftstellers und Journalisten.

Glaser sagt auch Nachdenkliches über das Internet. Hier gebe es nur Veränderung und keine Konstanz, und "das Manchmal wird vom dem Immer verschluckt". Dennoch ist er nicht pessimistisch. Dieser "achte Kontinent" sei auch ein Ansporn, weil Defizite der Gesellschaft hier nur umso deutlicher zum tragen kommen: Sei es Bequemlichkeit, Geiz oder Unfreundlichkeit zum Beispiel.

Doch Glaser folgt gleich der nächste Zweifler: Evgeni Morozov, ein in Weißrussland geborener und in den USA lebender Wissenschaftler. Er glaubt, dass die elektronische Partizipation namens eDemokratie Gesellschaften nicht wirklich demokratischer machen kann. Er warnt Oppositionsbewegungen dringend davor, Twitter oder Facebook zu nutzen, um ein restriktives Regime zu bekämpfen. "Früher musste der KGB Leute foltern, wenn er die Informationen haben wollte, die er jetzt durch Facebook und Twitter bekommt." Das Internet, sagt Morozov, sei eben nicht nur für Oppositionelle ein billiger und schneller Weg, sich zu vernetzen und Informationen zu verbreiten. Es können genauso gut auch von Diktatoren dazu verwendet werden.

Veranstalter Beckedahl ist hierzulande der Verfechter von digitaler Partizipation, "Speerspitze" nannte ihn die Süddeutsche Zeitung dafür. Er ist Aktivist, Lobbyist, Netzpolitiker – wie immer man es nennen mag, und er will vor allem eines: Ein möglichst offenes und möglichst plurales Netz, das möglichst großen Teilen der Gesellschaft Zugang zu politischer Teilhabe verschafft.

Es ist spannend, aufrichtig und verdienstvoll, dass sich die diesjährige re:publica – der Name kommt vom lateinischen res publica, Öffentlichkeit oder Gemeinwesen – auch den Zweifeln an diesen Modellen widmet.

ZEIT ONLINE ist Medienpartner der re:publica.