RE:PUBLICA 2010Macht euch nackig!

Jeff Jarvis will den Deutschen die Angst vor Öffentlichkeit im Netz nehmen. Auf der Bloggerkonferenz re:publica spricht er über die nationalen Unterschiede in Fragen der Privatsphäre. von Sylvia Vogt

Jeff Jarvis hat sein Privatleben auf Buzzmachine.com veröffentlicht und animiert die Zuhörer, es ihm gleich zu tun

Jeff Jarvis hat sein Privatleben auf Buzzmachine.com veröffentlicht und animiert die Zuhörer, es ihm gleich zu tun  |  © Johannes Simon/Getty Images

Wie privat ist eine Prostata? Wie privat ist ein Penis? Nicht zu privat, um darüber zu schreiben, findet der amerikanische Internet-Vordenker und Journalismusprofessor Jeff Jarvis. Auf seinem Blog Buzzmachine.com schilderte er seine Inkontinenz- und Impotenzprobleme nach einer Krebsoperation in aller Ausführlichkeit.

Auf der Blogger-Konferenz re:publica in Berlin nutzt er diese Geschichte, um seine Thesen zur Privatheit und Öffentlichkeit im Internet zu illustrieren. Bei Jarvis’ Vortrag ist der Friedrichstadtpalast bis auf den letzten Platz gefüllt. Kein Wunder bei diesem Titel: „The German Paradox: Publicness, Privacy and Penises“. Was er mit dem deutschen Paradoxon meint, erläutert er am Beispiel des deutschen Großvaters seiner Ehefrau. Dieser hätte gern den Satz gesagt: Das geht niemanden etwas an. Diese Einstellung sei aber nicht mit der Nazi- und Stasi-Vergangenheit der Deutschen zu erklären, sagt Jarvis, denn sein Verwandter habe Deutschland lange vor der Nazizeit verlassen. Umso erstaunter sei Jarvis gewesen, als er eine deutsche Sauna besuchte. Eine gemischte Sauna! Und Frauen wie Männer waren komplett nackt! Wie könne es sein, dass die Deutschen so sehr über ihre Privatsphäre besorgt seien und so wenig über ihren Intimbereich?



Es ist offensichtlich kulturell sehr unterschiedlich, was als privat und was als öffentlich angesehen wird. Bei den Niederländern kann man in die gardinenlosen Fenster schauen, die Skandinavier machen kein Geheimnis aus ihrem Einkommen. In den USA können sich Privatleute die Namen, Fotos und Taten von Kriminellen besorgen und diese im Netz veröffentlichen. In Deutschland wäre das unvorstellbar.

Bei der Sorge um die Privatsphäre geht es vor allem um Kontrolle, sagt Jarvis. Kontrolle über die eigene Identität, die eigenen Daten. „Doch was ist so schlimm daran, wenn man peinliche Fotos von sich im Internet findet?“ Von jedem gäbe es peinliche Fotos, jeder habe schon einmal etwas Peinliches getan. Doch je mehr man sich traut, zu seinen Peinlichkeiten zu stehen, desto weniger peinlich werden sie – weil alle ähnliche Erfahrungen haben, zeigt sich dieser Prophet der Öffentlichkeit überzeugt.

Eine Frage stellt sich Jarvis nicht, will er sich vielleicht auch nicht stellen: Wenn nichts mehr geheim ist, geht dann nicht ein Reiz, ein Mysterium verloren? Der Zwang zur Öffentlichkeit kann schnell zur Penetranz werden.

Jeff Jarvis gibt sich sorglos. In ein paar Jahren werden Personalchefs Bewerber nicht mehr ablehnen, weil sie auf Facebook ein unpassendes Foto gefunden haben. Journalisten würden nur noch eingestellt, wenn sie selbst bloggen. Sonst läge die Vermutung nahe, dass der Journalist nicht mutig genug sei oder etwas zu verbergen hätte. „Wir müssen die Öffentlichkeit verteidigen, nicht die Privatsphäre“, das ist Jarvis’ zentrale These. Wer die Öffentlichkeit beschneidet, bestiehlt jeden, denn „wir alle sind die Öffentlichkeit“.

Das Internet ist kein Medium, so Jarvis, es ist ein Treffpunkt, an dem sich Menschen verbinden können. Doch um sich zu vernetzen, muss man sich erst hineinwagen in die Öffentlichkeit. Man muss sich selbst ein Stück weit öffentlich machen, um ein Teil davon zu werden. Transparenz sollte der Normalfall werden und kann Horizonte erweitern.

Nachdem er über seine Krebserkrankung geschrieben hatte, erhielt er eine Menge Zuspruch und Hilfe. Viel besser als jeder Mediziner schilderten ihm Betroffene, was auf ihn zukommen könnte. Und durch sein Vorbild ermutigte Jarvis andere, über ihre Erkrankung zu schreiben. Es gebe eine Weisheit der Masse.

Seine eigene Krankheit scheint er überwunden zu haben. Jarvis präsentiert sich als Performer und darin als unkonventioneller Hochschullehrer, dass er ständig Kontakt mit seinen Hörern sucht. Bei der Fragerunde saust er durch den Saal. Er geht zu jedem hin, nimmt ihn ernst.

Und weil längst nicht für alle Fragen Zeit ist, verspricht er, am Nachmittag in der Sauna seines Hotels für weitere Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Selbstverständlich nackt.

Das könnte eng werden. Für die mehr als 120 Veranstaltungen bei der Republica 2010 haben sich 2500 Besucher angemeldet. Zeit ist bis Freitag.

(Der Artikel erschien zuerst im gedruckten Tagesspiegel vom 15.04.2010)

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Leserkommentare
  1. [...]
    Denn ein geschütztes Privatleben macht ein Leben erst lebenswert. Ich treffe Entscheidungen, jedoch diskutiere ich diese nicht. Schon überhaupt nicht in der Öffentlichkeit. Ich habe nicht die Absicht, mich zum ferngesteuerten Trendidioten machen zu lassen. Der leichter für Politik und Konsum zu manipulieren ist.

    Bitte verzichten Sie auf pietätlose Vergleiche. Die Redaktion/km

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Moin,
    mag er doch im Netz über sich ausbreiten was und wie es ihm gefällt, wenn es schief geht, dann fällt es einzig auf ihn zurück. Und vielleicht möchte er darüber auch bloggen, wenn es ihm denn Freude bereitet.
    Er ruft allerdings auch dazu auf, es ihm unkritisch gleichzutun. Wenn er glaubt, die Folgen für sich abschätzen zu können, so ist es aber anmaßend, sich herauszunehmen, es auch für andere zu tun, die die Folgen vielleicht nicht so bedacht haben. Er hat eine gesicherte Position in gesetzem Alter. Ein Jung-Netzplauderer, dessen Freizügigkeit dann schon vor einem Bewerbungsgespräch für ein Scheitern der Bewerbung sorgt, hat diese Position sicher nicht.
    Und dann möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es im Netz hauptsächlich Fremde gibt, nur wenige Freunde. Und nicht jeder Fremde führt Gutes im Schilde.
    Ein gerne in den USA geübter Sport ist der Identitätsklau, Lebensgeschichten "Jarvia-Nackter" erleichtert die Legendenbildung ungemein, oder warum sonst werden inzwischen Facebook-Konten (et al.) geklaut und geklont?
    Heißt das Motte der diesjährigen Veranstaltung nicht "Calm down and think it over", singemäß: "Zurücklehnen und überdenken"?
    Nun, da ist wohl noch viel Denkleistung zu vollbringen, auch wenn inzwischen weiter gedampfplaudert wird, auch über Dinge, bei denen man besser mal die buchstäbliche Klappe hält; gerade im Netz, das so schnell nichts vergisst, nichts verzeiht.
    Beste Grüße
    Grabert

  2. Man kann sehr viel Kritisches zu diesen Positionen von Herrn Jarvis anmerken. Mir fällt sofort Folgendes ein: alles, was öffentlich ist, ist potenziell auch für die Überwachung bereit. Die Privatsphäre ist ein kostbarer Besitz und Freiraum des Menschen, Sphäre seiner Individualität, der Raum, wo auch das deutsche Bundesverfassungsgericht immer wieder staatliche Begehrlichkeiten nach Überwachung in die Schranken gewiesen hat. Wenn Jarvis sagt: "Wir müssen die Öffentlichkeit verteidigen, nicht die Privatsphäre", dann verdreht er meiner Ansicht nach etwas. Der öffentliche Raum ist schon heute von Überwachungskameras durchsetzt. Im virtuellen öffentlichen Raum wird alles gespeichert, was man jemals dort hineingetragen hat.

    Und, es geht doch auch darum: wie und wo ist man denn Teil der Öffentlichkeit? Äußere ich mich in Chatrooms oder in Blogs, gehe ich damit virtuelle "Beziehungen" ein und lebe eine virtuelle Existenz und kann mein Gegenüber nur anhand seiner Äußerungen wahrnehmen und erkennen. Pflege ich reale Kontakte, so steht mir jemand gegenüber, den ich mit allen Sinnen erfassen und auch berühren kann. Das ist natürlich riskanter als eine virtuelle Begegnung.

    Es ist sicher eine Abwägung heute: wieviel will ich real, wieviel virtuell? Wo ist das eine, wo das andere für mich reizvoll? Das lotet Jarvis Vortrag offensichtlich nicht aus.

  3. Und ich wüsste gerne, warum die von Herrn Jarvis geforderte Transparenz, die für mich im schlimmsten Fall Entblößung ist, im lustvollen Sinne für andere vielleicht Selbstdarstellung, Exhibitionismus, Illusion von Bekannt- oder Berühmtheit ist, der Normalfall werden solle. Ich wehre mich einfach gegen das Dogmatische und Imperative darin und in anderen derartigen Forderungen. Ich bestimme selbst, wieviel ich wo und wem gegenüber von mir preisgebe! Das ist meine subjektive Freiheit.

  4. 4. O Gott

    Deutscher gehts gar nicht mehr, zumindest was die ersten 3 Kommentare unter diesem Artikel angeht. Ein Nazi-Vergleich, ein Hinweis auf den Überwachungsstaat und ein zwanghaftes Bestreben, nicht zum Mainstream gehören zu wollen

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • edgar
    • 15. April 2010 13:12 Uhr

    Haben Sie auch irgendetwas zur Sache zu sagen, als sich - typisch deutsch - vom Deutschen zu distanzieren?

    den Deutschen der sich über die typischen Deutschen aufregt und den Deutschen der das witzig findet (me).

    Ansonsten mag jeder frei sein sich selbstbestimmt im Internet und auf der Strasse zu entblössen, solange nicht irgend ein @$%&//$$#@ Politiker dies zum Anlass nimmt, mir meine Privatsphäre mit dem Kindergartenargument "das machen doch alle freiwillig" zu entziehen.

    ...und damit #6 (der Verschwörungstheoretiker) und die Frage: "Bezahlt am Ende Facebook Herrn Jarvis ?"

    • edgar
    • 15. April 2010 13:12 Uhr

    Haben Sie auch irgendetwas zur Sache zu sagen, als sich - typisch deutsch - vom Deutschen zu distanzieren?

    Antwort auf "O Gott"
  5. Wenn man hier so manche Kommentare liest, könnte man denken, der Deutsche an sich ist paranoid und denkt jeder will ihn ausspionieren und durch das so gewonnene Wissen knechten. Ins Netz stellt man im übrigen nur das, was man für andere preisgeben will, sei es zur Kontaktaufnahme bei gleichen Hobbies, gemeinsamen Geschäftsinteressen, Forschungsdiskussionen und manchmal sogar Partnerwahl :-)
    Im Endeffekt entsteht durch das Netz ein in die positive Richtung verzerrter Eindruck, der den anderen Menschen eher suggeriert es handle sich um eine tolle Person - ganz einfach weil man sich im Netz sein Zeugnis mehr oder weniger selbst ausstellt, mißliebige Fotos löscht und jede Formulierung mit Bedacht wählen kann... Das Soziale im echten Leben wird dadurch ja nicht beeinträchtigt, es wird nur ergänzt

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    ... Sie wissen nicht mal, worum es geht, fürchte ich! Beschäftigen Sie sich mal mit Philosophie und politischer Theorie, anstatt über Hobbies etc. im Internet zu parlieren. Dann können wir die Diskussion fortsetzen, Herr Quantenphysiker.

  6. den Deutschen der sich über die typischen Deutschen aufregt und den Deutschen der das witzig findet (me).

    Ansonsten mag jeder frei sein sich selbstbestimmt im Internet und auf der Strasse zu entblössen, solange nicht irgend ein @$%&//$$#@ Politiker dies zum Anlass nimmt, mir meine Privatsphäre mit dem Kindergartenargument "das machen doch alle freiwillig" zu entziehen.

    ...und damit #6 (der Verschwörungstheoretiker) und die Frage: "Bezahlt am Ende Facebook Herrn Jarvis ?"

    Antwort auf "O Gott"
  7. dass die ZEIT sich als Sprachrohr für US-Amerikaner zur Verfügung stellt, damit die uns belehren können, wie wir uns gefälligst zu verhalten haben?
    Wenn ich dann was von Chauvinismus schreibe, wird das zensiert.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte Blog | Facebook | Hochschullehrer | Internet | Privatsphäre | Öffentlichkeit
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