Wie privat ist eine Prostata? Wie privat ist ein Penis? Nicht zu privat, um darüber zu schreiben, findet der amerikanische Internet-Vordenker und Journalismusprofessor Jeff Jarvis. Auf seinem Blog Buzzmachine.com schilderte er seine Inkontinenz- und Impotenzprobleme nach einer Krebsoperation in aller Ausführlichkeit.

Auf der Blogger-Konferenz re:publica in Berlin nutzt er diese Geschichte, um seine Thesen zur Privatheit und Öffentlichkeit im Internet zu illustrieren. Bei Jarvis’ Vortrag ist der Friedrichstadtpalast bis auf den letzten Platz gefüllt. Kein Wunder bei diesem Titel: „The German Paradox: Publicness, Privacy and Penises“. Was er mit dem deutschen Paradoxon meint, erläutert er am Beispiel des deutschen Großvaters seiner Ehefrau. Dieser hätte gern den Satz gesagt: Das geht niemanden etwas an. Diese Einstellung sei aber nicht mit der Nazi- und Stasi-Vergangenheit der Deutschen zu erklären, sagt Jarvis, denn sein Verwandter habe Deutschland lange vor der Nazizeit verlassen. Umso erstaunter sei Jarvis gewesen, als er eine deutsche Sauna besuchte. Eine gemischte Sauna! Und Frauen wie Männer waren komplett nackt! Wie könne es sein, dass die Deutschen so sehr über ihre Privatsphäre besorgt seien und so wenig über ihren Intimbereich?



Es ist offensichtlich kulturell sehr unterschiedlich, was als privat und was als öffentlich angesehen wird. Bei den Niederländern kann man in die gardinenlosen Fenster schauen, die Skandinavier machen kein Geheimnis aus ihrem Einkommen. In den USA können sich Privatleute die Namen, Fotos und Taten von Kriminellen besorgen und diese im Netz veröffentlichen. In Deutschland wäre das unvorstellbar.

Bei der Sorge um die Privatsphäre geht es vor allem um Kontrolle, sagt Jarvis. Kontrolle über die eigene Identität, die eigenen Daten. „Doch was ist so schlimm daran, wenn man peinliche Fotos von sich im Internet findet?“ Von jedem gäbe es peinliche Fotos, jeder habe schon einmal etwas Peinliches getan. Doch je mehr man sich traut, zu seinen Peinlichkeiten zu stehen, desto weniger peinlich werden sie – weil alle ähnliche Erfahrungen haben, zeigt sich dieser Prophet der Öffentlichkeit überzeugt.

Eine Frage stellt sich Jarvis nicht, will er sich vielleicht auch nicht stellen: Wenn nichts mehr geheim ist, geht dann nicht ein Reiz, ein Mysterium verloren? Der Zwang zur Öffentlichkeit kann schnell zur Penetranz werden.

Jeff Jarvis gibt sich sorglos. In ein paar Jahren werden Personalchefs Bewerber nicht mehr ablehnen, weil sie auf Facebook ein unpassendes Foto gefunden haben. Journalisten würden nur noch eingestellt, wenn sie selbst bloggen. Sonst läge die Vermutung nahe, dass der Journalist nicht mutig genug sei oder etwas zu verbergen hätte. „Wir müssen die Öffentlichkeit verteidigen, nicht die Privatsphäre“, das ist Jarvis’ zentrale These. Wer die Öffentlichkeit beschneidet, bestiehlt jeden, denn „wir alle sind die Öffentlichkeit“.

Das Internet ist kein Medium, so Jarvis, es ist ein Treffpunkt, an dem sich Menschen verbinden können. Doch um sich zu vernetzen, muss man sich erst hineinwagen in die Öffentlichkeit. Man muss sich selbst ein Stück weit öffentlich machen, um ein Teil davon zu werden. Transparenz sollte der Normalfall werden und kann Horizonte erweitern.

Nachdem er über seine Krebserkrankung geschrieben hatte, erhielt er eine Menge Zuspruch und Hilfe. Viel besser als jeder Mediziner schilderten ihm Betroffene, was auf ihn zukommen könnte. Und durch sein Vorbild ermutigte Jarvis andere, über ihre Erkrankung zu schreiben. Es gebe eine Weisheit der Masse.

Seine eigene Krankheit scheint er überwunden zu haben. Jarvis präsentiert sich als Performer und darin als unkonventioneller Hochschullehrer, dass er ständig Kontakt mit seinen Hörern sucht. Bei der Fragerunde saust er durch den Saal. Er geht zu jedem hin, nimmt ihn ernst.

Und weil längst nicht für alle Fragen Zeit ist, verspricht er, am Nachmittag in der Sauna seines Hotels für weitere Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Selbstverständlich nackt.

Das könnte eng werden. Für die mehr als 120 Veranstaltungen bei der Republica 2010 haben sich 2500 Besucher angemeldet. Zeit ist bis Freitag.

(Der Artikel erschien zuerst im gedruckten Tagesspiegel vom 15.04.2010)