Die Musikindustrie glaubt, dass Filesharer ihre Erlöse vernichten. Das stimmt nicht ganz © Christopher Furlong/Getty Images

Die Klagen der Musik-, Software- und Filmindustrie sind allgegenwärtig: Die Erfindung des Internets, genauer gesagt die Praxis der Online-Tauschbörsen, habe ihr Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe beschert, beschwert sich die Branche in regelmäßigen Abständen. Viele Menschen habe das bereits ihre attraktiven Medienjobs gekostet. Untermauert wurden diese Angaben stets auch mit Zahlen. Eine davon, vielfach zitiert und weit verbreitet: Allein in den USA verursache Filesharing einen Schaden von 750.000 verlorenen Jobs und 250 Milliarden Dollar Miese im Jahr. 750.000 Beschäftige, das entspräche der Zahl der Menschen, die in Deutschland insgesamt in der IT-Branche beschäftigt sind. Der Sinn solcher Klagen war immer offensichtlich: Die Politik sollte bewegt werden, strenge Maßnahmen gegen den massenhafte Tausch von Dateien zu ergreifen und drakonische Strafen gegen Jugendliche zu verhängen. Nun hat sich eine offizielle Stelle einmal die Mühe gemacht, die Plausibilität der Zahlen zu überprüfen.

Zweifel gab es schon länger. Zum einen rechnet die Industrie in der Regel jedes heruntergeladene File mit einem vereitelten Kauf gegen. Dabei ist alles andere als sicher, ob die Menschen die Filme und CDs auch dann noch haben wollten, wenn sie dafür bezahlen müssten. Zudem ermöglichen auch legale Downloadportale den Kauf von einzelnen Titeln, für die einst der Kauf des kompletten Albums nötig war. Fehlkäufe fallen weg, seitdem man die Musik bequem vorhören kann und zahlreiche Demos von Spielen kursieren. Die Konkurrenz durch freie Netzmusiker, Indie-Games und Gratis-Label hat massiv zugenommen. Und insbesondere die Musikindustrie vergleicht ihre aktuelle Situation gerne mit der Boom-Phase zu Zeiten der CD-Einführung: Damals kauften sich viele Menschen ihren Lieblingsplatten noch einmal als Compact Disc, um sie rauschfrei auf ihren neuen Playern zu genießen.

Den Einwänden der Kritiker schließt sich nun auch der amerikanische Rechnungshof an. Er könne keine solide Basis für die Zahlen der Branche finden, heißt es in einem aktuellen Bericht der US-Regierung. Im Übrigen müssten die Versuche, die weiteren wirtschaftlichen Auswirkungen zu bemessen, als "schwierig, wenn nicht gar unmöglich" bezeichnet werden. Aber auch das Vorhaben, die Folgen nur für einzelne Industriezweige zu konkretisieren, erscheint dem Rechnungshof dem Report zufolge als "extrem heikel". Wenn es darum ginge, die "Substitutionsrate" zu ermessen, also den Anteil der tatsächlich eingebüßten Verkäufe, wäre man einzig auf "Annahmen" angewiesen, die einen "enormen Einfluss" auf die daraus folgenden "Schätzungen" hätten. Kurz: Die Angaben der Branche entbehren jeglicher Grundlage.

Der Rechnungshof weist auch die bisher häufig verwendeten Zahlen zurück. Die Studie, die Verluste von 200 bis 250 Milliarden Dollar jährlich veranschlagt, dürfe aufgrund fehlender Datenlage und Methodologie in offiziellen Regierungsberichten nicht mehr verwendet werden. Auch die Quelle der Zahl der 750.000 verlorenen Jobs sei unsicher. Diese Angabe werde daher nicht weiter genutzt.

Dass sich die Regierung die Daten überhaupt einmal genauer angeschaut hat, liegt indirekt am PRO-IP Act, einer Initiative zum Schutz Geistigen Eigentums, die noch auf die Vorgängerregierung zurückgeht und dazu geführt hat, dass die jetzige Exekutive eigens einen Experten für diesen Bereich im Weißen Haus installiert hat. Zu seinen Aufgaben gehört auch, Studien und Zahlen zu den Folgen von Filesharing und Produktpiraterie zusammen zu tragen.

Auch wenn der Rechnungshof mit dem jetzigen Bericht nicht sagt, dass Filesharing gar keinen Einfluss auf die Verluste der Branche hat, dürfte die Industrie über den Verlauf der Dinge alles andere als begeistert sein. Zumal die Regierung in dem Bericht auch darauf hinweist, dass einige Experten der Überzeugung seien, dass Filesahring "auch positive Effekte haben könnte, die man ebenfalls berücksichtigen müsse".