Neumann: Im Moment nicht. Auch das ist eine juristische Grauzone, da man als Privatperson nicht einfach Kommunikationsdaten protokollieren darf, das verstößt gegen das Telekommunikations- und gegen das Datenschutzgesetz. Es ist einfach nicht geklärt, welche Anforderungen Freifunker erfüllen müssten, wenn sie ihr Netz weiter betreiben wollen.

ZEIT ONLINE: Was wird die Freifunk-Bewegung nun tun, eine Musterklage anstrengen?

Neumann: Das versuchen wir schon länger, um eine Klärung herbeizuführen. Leider ist das nicht so einfach, kostet viel Zeit und Geld. Und es erfordert viel Aufklärung. Nämlich auch, dass es darum geht, ob es einen anonymen Internetzugang geben darf.

ZEIT ONLINE: Es ging bei der Klage vor dem BGH nicht um ein völlig offenes WLAN, der Beklagte hatte sein Netz gesichert , nur nicht nach dem neuesten Standard. Hat das Urteil überhaupt Bedeutung für Freifunker?

Neumann: Es hat in jedem Fall eine Bedeutung – denn diese rechtliche Konstruktion der Störerhaftung hat damit einen Etappensieg erreicht. Ein Vergleich aus dem Straßenverkehr: Es gibt eine Halterhaftung für Autobesitzer*, da Handlungen im Verkehr schnell tödliche Auswirkungen haben können. Hier passiert das gleiche: Der Inhaber eines WLAN wird in Mithaftung genommen für das, was andere damit machen. Das einzige, was er tut, ist bildlich gesprochen, sein Auto nicht abzuschließen. Doch die Schwere der Tat rechtfertigt das nicht, finde ich. Da wird blind der Musikindustrie gefolgt. Das ist unerhört. Es wird die Freiheit der Vielen eingeschränkt für ein Geschäftsmodell einiger weniger.

ZEIT ONLINE: Wie nun weiter?

Neumann: Wir werden versuchen, der Öffentlichkeit deutlicher zu machen, um welche Errungenschaften es hier geht. Viele denken bei Störern und anonymem Internet gleich an Terrorismus. Aber dass es darum geht, die Freiheit, die uns mobile Geräte bieten, auch zu nutzen, ist vielen nicht bewusst. Letztlich geht es um die Frage, ob ein anonymer Internetzugang überhaupt noch gestattet ist oder ob stets nachvollziehbar protokolliert werden muss, was jeder im Netz treibt.

Jürgen Neumann ist Mitinitiator von Freifunk.net .

*Update vom 14. Mai 2010:

Leider ist uns in dem Interview ein Fehler unterlaufen: Wir ließen Jürgen Neumann irrtümlich sagen, es gäbe "keine Halterhaftung für Autobesitzer", es muss jedoch heißen: "Es gibt eine Halterhaftung für Autobesitzer."