Internet-Fernsehen Gemeinsam einsam im digitalen Fernsehsessel

Seit Jahren sollen Internet und Fernsehen verschmelzen. Mit Google und Apple könnte das endlich gelingen. Vorbild ist ausgerechnet der gute alte Videotext.

Google plant den Einstieg ins TV-Geschäft

Google plant den Einstieg ins TV-Geschäft

Vor 30 Jahren tauchte ein neuer Knopf auf der Fernbedienung auf. Am 1. Juni 1980 starteten ARD und ZDF den Videotext, es wurde eine Erfolgsgeschichte. 16 Millionen Menschen nutzen ihn noch heute in Deutschland, technisch hat sich der Videotext in den vergangenen 30 Jahren kaum verändert. Sechs Farben, 23 Zeilen mit jeweils maximal 40 Zeichen.

Das Internet kann viel mehr. Und trotzdem ist es im Wohnzimmer noch nicht richtig angekommen. Dabei müsste es sich doch bloß den Videotext zum Vorbild nehmen. Genau das hat Google offenbar jetzt vor.

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Unlängst kündigte der Konzern an, zusammen mit Sony, Intel und Logitech noch in diesem Jahr Geräte auf den Markt zu bringen, die Fernsehen und Internet miteinander verbinden. Das Ziel heißt GoogleTV: Der Suchmaschinenriese will nicht nur die Reichweite des hauseigenen Videoportals YouTube ins Wohnzimmer verlängern und die Nutzungsdauer mit YouTube LeanBack (zurücklehnen) deutlich erhöhen, sondern auch einen Teil des riesigen Etats für Fernsehwerbung abgreifen. Der umfasst allein in den USA laut Google rund 70 Milliarden Dollar. Weltweit sehen vier Milliarden Menschen fern.

Doch es geht nicht nur ums passive Fernsehen übers Internet. Dass der bevorzugte Ort fürs Surfen, Chatten, Mailen nach wie vor der Schreibtisch ist und nicht die Wohnzimmercouch, hat einen einfachen Grund: Bequemlichkeit. Fernsehen macht so erfolgreich, dass es so einfach zu bedienen ist.

Computer sind da vergleichsweise anspruchsvoll. Allein das Hochfahren stellt eine Schwelle dar. Mal eben etwas nachzusehen – fast unmöglich. Hinzu kommt, dass das System PC im Vergleich zum System Fernseher viel störungsanfälliger ist. TV-Geräte funktionieren in der Regel immer gleich und sehr zuverlässig. Das ist auch der Grund, warum Menschen nur einen Bruchteil der Funktionen ihrer Video- und Festplattenrekorder nutzen. Die Dinger sind schlicht zu kompliziert.

Trotzdem hat das Internet den Umgang mit Fernsehinhalten bereits verändert. Wer im Netz gelernt hat, dass sämtliche Inhalte jederzeit verfügbar sind, will beim Fernsehen nicht darauf verzichten. Das erklärt den großen Erfolg der Mediatheken, die inzwischen von fast allen Fernsehsendern angeboten werden. Seit schnelle Internetverbindungen weit verbreitet sind und die Mediatheken in Bildqualität und Bedienbarkeit mächtig zugelegt haben, ist es bequem geworden, Fernsehsendungen on demand zu sehen, – wenn man Zeit dafür hat.

Dabei haben ARD und ZDF immer wieder mit rechtlichen Hindernissen zu kämpfen. Sie dürfen nicht alle Inhalte ins Netz stellen, die meisten auch nur maximal für eine Woche. Auch kommerzielle Sendergruppen wie RTL oder ProSieben haben Mediatheken, in denen ganze Folgen von Serien und Eigenproduktionen wie Germany's Next Topmodel abrufbar sind. Obwohl sie es nicht müssten, orientieren sie sich an den öffentlich-rechtlichen Sendern und lassen die Sendungen nur eine Woche lang im Netz. Danach muss man bezahlen.

Inzwischen gibt es Plattformen im Internet, die sämtliche Mediatheken der Fernsehsender bündeln. So wird der Computer immer mehr zum Fernseher. Bloß umgekehrt will das noch erstaunlich selten gelingen. Dabei scheint es doch nur logisch und konsequent, Fernsehen und Internet in einem hybriden Gerät miteinander zu verschmelzen. Google könnte eine Entwicklung befeuern, die seit Jahren nur schleichend vorankommt.

Schon einige Zeit auf dem Markt sind Set-Top-Boxen wie TiVo und Boxee, die sich zwar in den USA gut behaupten, in Deutschland aber bislang nicht aus der Nische herauskommen. Auch Internetprovider wie die Telekom, Alice, 1&1 und andere bieten Internet-Fernsehen an. Außer Entertain der Telekom hat aber keines der sogenannten IPTV-Angebote eine große Zahl von Kunden gewinnen können.

Auch die Hersteller klassischer Unterhaltungselektronik wie Philips und Samsung unternehmen immer wieder Versuche, Fernsehen und Internet miteinander zu verbinden. Entweder mit Browsern oder mit sogenannten Widgets für Wetter, News oder Musikvideos. Künftig sollen auch Mediatheken der Fernsehsender auf diese Weise in den Fernseher kommen.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich neben Antennenempfang, Satellit und Kabel mit dem Internet-Fernsehen lediglich eine neue Empfangsart etabliert. Oder ob zum passiven Fernsehen aktive Elemente des Internets hinzukommen. Aber wollen Zuschauer Fernsehen und Internet überhaupt parallel nutzen?

Zunehmend ja, sagt eine Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen. Demnach habe die parallele Nutzung von Internet und Fernsehen im letzten Quartal 2009 um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Sie ist mit dreieinhalb Stunden im Monat im Vergleich zum puren Fernsehen – der Durchschnittsamerikaner guckt fünf Stunden am Tag – zwar immer noch gering. Die Paralleldebatten auf Twitter etwa, wenn Sendungen wie der Eurovision Songcontestoder Tatort laufen, können als Indiz gelesen werden, dass es ein großes Bedürfnis nach dem gemeinsamen Fernsehen im Internet gibt. Das Netz macht Fernsehen wieder zum Kollektivereignis in Echtzeit, ohne dass man dazu die eigene Couch verlassen muss.

Vorausgesetzt, Google und auch Apple, das angeblich an einer Neuauflage seines AppleTV bastelt, gelingt es, Internet am Fernseher so leicht konsumierbar zu machen wie mit dem iPad, könnte die Fusion tatsächlich gelingen. Eine Zwangsheirat gewissermaßen, getrieben vom Gewinnstreben der beiden Riesenkonzerne.

In den nächsten 30 Jahren wird es für den Videotext gefährlich.

 
Leser-Kommentare
    • Keshoo
    • 01.06.2010 um 18:04 Uhr

    GoogleTV und AppleTV erheben mit ihren Apps auf dem Fernseher als Overlay die Interaktivität zum neuen Fernseherlebnis.

    Das verändert nicht nur das Zuschauerverhaltens sondern verschiebt auch die Werbebudgets. Werbung im App, das auf dem Fernseher erscheint, wird deutlich kostengünstiger sein.

    Für TV-Programmanbieter ist eine ähnliche Entwicklung wie in der Printpresse zu erwarten: Das bisherige Businessmodell rechnet sich nicht mehr.

    Hinzu kommt: Shopping per Fernseher wird durch Apps und Interaktivität revolutioniert!

    Und es wird keine 30 Jahre dauern, bis die Menschen von Videotext auf Internet-Informationen umsteigen.

  1. Es wird tatsächlich schneller gehen - nur wie viel schneller weiß niemand. Aber immerhin ist dann die bisherige Redundanz (verschiedene Übertragungstechniken & evtl. Leitungen) von Telefon, Internet und Fernsehen endgültig aufgehoben. Ich bin gespannt auf die verstärkte Wettbewerbssituation. Im Moment sehe ich die InternetTV-Branche noch als Nische, aber wenn sich Kabelanbieter und Telefonanbieter um die selben Dienste streiten dürfte es schlecht für einen von den beiden aussehen.

  2. Langsam aber sicher wird das Internet mit dem Fernseher fusionieren, wie das Ganze aber im Endeffekt aussehen wird, kann keiner erahnen. Ich denke, dass die 3D-Technologie dem Internet TV sicherlich einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, da es DIE Attraktion auf den letztjährigen Messen war. Wer 3D sehen kann, der interessiert sich bestimmt nicht mehr, was alles mit dem Internet TV möglich ist. Wer weiß, vielleicht wird dieses Jahr das Jahr des Internet TV, bei dem Sender wie der interaktive Musiksender http://qtom.tv/ eine größere Bekanntheit erlangen können. Sie sind ein gutes Beispiel, was das Internet TV ermöglichen kann, interaktives Fernsehen gab es in dieser Form noch nicht. Ein passgenaues Programm für jeden Zuschauer.

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