Macht das Netz die Welt demokratischer? Ja, sagt eine Fraktion und erinnert an prominente Beispiele wie die sogenannte Twitter-Revolution im Iran, den Wahlkampf von Barack Obama und vielleicht noch an die erfolgreiche Online-Petition gegen Netzsperren in Deutschland.

Nein, sagen Zweifler. Mit Politisierung der Massen und Demokratisierung der Gesellschaft habe das alles nichts zu tun. Tatsächlich trifft man bei Chatroulette sehr viel öfter auf nackte Tatsachen als auf politische Diskussionen, reden die Leute bei Twitter in der Regel lieber übers Mittagessen als über neue Gesetze und werden auf Facebook mehr Freundschaften geschlossen als Debatten eröffnet.

Zu letzteren gehört beispielsweise der Medienwissenschaftler Stefan Münker: "Das Internet ist keine Gegenwelt und realisiert keine demokratischen Utopien", hat er jüngst auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin gesagt, bei der es um die Frage ging, wie das Netz die demokratische Öffentlichkeit beeinflusst. Vom "Citizen 2.0" war dort die Rede, gerade so, als sei durch das Netz ein ganz neuer Bürger-Typus entstanden.

Das erinnert an einen Klassiker, an die Radiotheorie von Bertold Brecht. Der sah den Rundfunk als "denkbar großartigsten Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens", vorausgesetzt, er würde nicht nur senden, sondern auch empfangen, "den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen machen". Mit dem Internet ist dieser Anspruch zum ersten Mal erfüllt. Denn ums Mitmachen, um aktive Teilhabe geht es im sogenannten Web 2.0 schließlich immer und überall.

Die Annahme des Soziologen Dirk Baecker könnte somit stimmen, der die Auswirkungen des Internets für so dramatisch hält, dass er nach tribaler, antiker und moderner Gesellschaft jetzt von einer Computergesellschaft spricht, in der neue Regeln gelten. Eben auch für die Demokratie.

Gleichzeitig aber wollen die technischen Möglichkeiten irgendwie einfach nicht dafür sorgen, dass nun nur noch das Gute in die Welt kommt. Die Nutzerzahlen von Facebook steigen und steigen, doch die Welt bleibt wie sie ist. Die vermeintliche Revolution ist wohl eher eine Evolution. Da war auch Iran keine Ausnahme von der Regel.

Im e-demokratischen Alltagsgeschäft westlicher Demokratien wie Deutschland geht es weiterhin eher nüchtern zu. "Partizipation für wenige" nennt das Sophie Scholz ein wenig enttäuscht. Die Organisatorin der socialbar, in der sich "Weltverbesserer, Web-Aktivisten, Social Entrepreneurs, NGOs, ehrenamtliche Helfer, Politiker und Unternehmen" treffen, glaubt, viele von uns müssten wohl erst noch lernen, was Teilhabe bedeute. Und die Sozialwissenschaftlerin Tanja Carstensen von der TU Hamburg-Harburg beruft sich auf eine noch laufende Studie, wenn sie sagt, dass Erwerbslose ausgesprochen selten das Web 2.0 und damit die Möglichkeit zur Teilhabe nutzen. Dabei soll Demokratie doch für alle da sein.

Zarte Pflänzchen der E-Demokratie sind die Online-Petitionen bislang nur. Sie machen seit 2005 aktives Mitgestalten an der Bundespolitik verhältnismäßig leicht. Tatsächlich beteiligen sich aber nicht mehr Bürger an den Petitionen als bei der Offline-Variante. 2009 kam eine Studie des Bundestags-Ausschusses für Technikfolgenabschätzung zu dem Schluss, dass nicht einmal zwei Prozent aller Petitionen, die beim Bundestag eingehen, im Internet veröffentlicht worden waren. "Frauen, Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Bildungsabschlüssen, auch jüngere Altersgruppen bleiben unter den Petenten weiter deutlich unterrepräsentiert", hieß es in der Studie.