"Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens auf, und Hacker haben die Regierungsgeschäfte übernommen." Was für einige sicher wie ein Worst-Case-Szenario klingt, wurde auf der SigInt, dem jährlichen Treffen des Chaos Computer Clubs (CCC) in Köln, als Lösung für die Probleme der Welt diskutiert.

Nick Farr heißt der Mann, der diese These vertritt. Er war der einzige, der auf dem dreitägigen Kongress Anzug und Krawatte trug, und er gab sich von seinem Vorschlag überzeugt: "Politiker wollen vor allem ihren Job behalten und erzählen den Menschen freundliche Lügen. Hacker hingegen konzentrieren sich auf die Lösung von Problemen und sind es gewöhnt unbequeme Wahrheiten zu sagen." Farr versteht Politik als ein Netzwerk und politische Probleme als Netzwerk-Probleme. Ein Feld in dem sich Hacker bestens auskennen.

Farr ist Berater in Washington und engagiert sich in der Hackerspace-Bewegung. Dennoch hörte er nach seinem Vortrag einiges an Widerspruch: "Hacker neigen zur Autorität", schallte es aus dem Publikum, oder auch: "Hacker sind nicht gut im organisieren." Oder: "Keine Sau versteht, was wir eigentlich tun." Es schien, als waren die Hacker im Publikum selbstkritischer als der auf der Bühne. Doch ganz so Unrecht hat Farr wahrscheinlich nicht. Ging es ihm doch vor allem um Ungleichheiten im Netz und darum, dass sich dessen Struktur bewährt habe: "Wenn man einigen großen Playern im Internet zu viel Macht gibt, dann zentralisiert man ein System, dass dezentralisiert am besten arbeitet", sagte er.

Ein Problem, das auch Blogger Michael Seemann aka mspro zum Thema seines Vortrags machte. Er beschrieb das Internet als ein Schichtenmodell, das durch immer neue Schichten, englisch Layer, vertikal wächst. Wobei das Netz als Plattform weitgehend frei und anarchisch bleibe und auch bleiben sollte. Jeder könne dort über alles kommunizieren, niemand bestimme, was gesagt werden dürfe und was nicht. Zumindest sei das bisher so gewesen. Die zunehmende Verbreitung und steigende Macht von großen Anbietern wie Facebook, Google oder Apple lege aber eine neue Schicht über das Internet, so Seemann. Und diese sei nicht mehr anarchisch, sondern werde von einigen wenigen Entscheidungsträgern kontrolliert.

Beispiele dafür gibt es genug: der Apple-Konzern, der nur Programme zulässt, die den eigenen moralischen Kriterien nicht widersprechen; die Suchmaschine Google, die entscheidet, welche der gefundenen Inhalte sie zeigt und welche nicht; das Netzwerk Facebook, das Nutzer fast zwingt, Informationen öffentlich zu machen.

Doch ist das Freiheit, wenn einige wenige Unternehmen festlegen, was im Internet verfügbar ist und was nicht? Seemann fordert, dass der Staat regulierend eingreift, um die Freiheit zu retten – in vollem Wissen, wie paradox diese Forderung klingt.