Was mich zusätzlich ärgert, ist, dass der gute und wichtige Diskurs über Datenschutz als Vehikel für diese populistische Hysterie missbraucht wird. Denn um Datenschutz geht es hier gar nicht.

Das Recht, in der Öffentlichkeit fotografieren zu dürfen, gehört uns allen! Die Daten, die uns öffentlich zu Verfügung stehen, helfen uns allen. Sie werden helfen, uns zu orientieren und werden uns Fahrten ersparen. Sie werden die Welt ein Stück transparenter machen. Viele nützliche Anwendungen werden darauf basieren. Der Chaos Computer Club kämpfte immer für die Devise: Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen! Was ist daraus geworden?

Wo bleibt eigentlich der Chaos Computer Club in der Debatte? Wo bleiben padeluun und der Foebud? Wo sind die digitalen Vordenker, die zu unterscheiden wissen, was öffentliche und was private Daten sind? Wo bleibt die Stimme der Vernunft, die mit Nachdruck und Autorität die wild gewordenen Protagonisten eines falsch verstandenen Datenschutzes zur Ordnung ruft? Wo bleiben die Menschen, die mit genügend Verstand gesegnet sind, um darauf hinzuweisen, dass es kaum etwas Öffentlicheres gibt als eine Hausfassade? Und wo bleiben unsere verdienten und im Gegensatz zu Ilse Aigner auch glaubwürdigen Datenschützer? Entweder steigen sie wie Peter Schaar in das undifferenzierte Gebashe ein, oder halten sich, wenn sie um die Absurdität des Ganzen wissen, vornehm zurück.

Wenn dann doch jemand wie Jens Best aus der Deckung kommt und mit seinem Projekt dem Wahnsinn einen Spiegel vorhält, wird er mit hämischen und undifferenzierten Beiträgen bedacht.

Es ist nicht schwer zu erraten, was hier gerade passiert: Es wird kalte Rache geübt an einem Unternehmen, dass den Stand des Journalisten wie kein anderes angegriffen hat. Ein Unternehmen, das Werkzeuge erschuf, mit denen jedermann schnelle und genaue Informationen erlangen kann. Ein Unternehmen, das mit seinen Innovationen nicht nur die Vormachtstellung, sondern auch den Sinn des journalistischen Standes untergräbt. Aus den Artikeln und Fernsehbeiträgen über Google Street View spricht nichts als Hass über diese Demütigung.

So zeigt sich an dieser Debatte, wie sehr unsere Gesellschaft solch irrationalen und interessengetriebenen Journalismus braucht, der es wagt, sich mit "Qualität" zu assoziieren: Sie braucht ihn so sehr, wie ein Persönlichkeitsrecht für Jägerzäune.

Michael Seemann bloggt und twittert unter dem Kürzel mspro. Der Text erschien in seinem Blog.