Twitter-Mitgründer Biz Stone - im Hintergrund die Kurve des Nutzerwachstums. Inzwischen haben sich mehr als 100 Millionen Menschen bei dem Dienst registriert © Justin Sullivan/Getty Images

Wer Twitter nicht aktiv benutzt, für den ist das Phänomen schwer zu fassen: Was soll so faszinierend daran sein, 140 Zeichen kurze Nachrichten darüber zu lesen, was andere gerade tun? Forscher aus Südkorea haben sich Twitter nun wissenschaftlich angenommen –und räumen dabei mit weit verbreiteten Mythen über das Medium auf.

Der Hype um Twitter bleibt für viele ein Mysterium. Nicht wenige melden sich bei dem Kurnachrichtendienst an, schreiben ein paar Nachrichten, abonnieren die Nachrichten von einigen anderen Benutzern – und hören schnell wieder auf. Nach einer Studie des IT-Dienstleisters Barracuda Networks twittert nur jeder fünfte angemeldete Benutzer dauerhaft aktiv – viele Nutzer schreiben nicht einmal zehn Nachrichten nach der Anmeldung, verlieren also schnell das Interesse.

Bei anderen schlägt das Unverständnis über das Twitter-Phänomen in Feindseligkeit um: In der Zeit forderte ein Autor schon " Schluss mit dem Geschnatter " und bezeichnete den Dienst als "Klowand des Internets". Der ehemalige New-York-Times -Kolumnist David Bouchier nannte Twitter das Medium der sprachlich verarmten. Kulturpessimisten sind sich einig: Die Kurznachrichten sind Ausdruck einer SMS-artig verkürzten Jugendsprache und Twitter ist ein Hort der Belanglosigkeiten.

Feinde und Enttäuschte von Twitter könnten eines gemeinsam haben: Dass sie den eigentlichen Nutzen des Kurznachrichtendienstes nicht verstanden haben. Denn Twitter wird keineswegs überwiegend als soziales Netzwerk genutzt, um Freunden mitzuteilen, wie und wann man sich gerade die Zähne putzt oder einkaufen geht. Vielmehr handelt es sich in erster Linie um ein Medium zur Verbreitung von Nachrichten, wie die Informatiker Haewoon Kwak, Changhyun Lee, Hosung Park und Sue Moon von der südkoreanischen Kaist-Universität in einer aktuellen Studie feststellen . Dazu haben sie 41,7 Millionen Twitter-User, 1,47 Milliarden Beziehungen und 106 Millionen Kurznachrichten auf dem Portal wissenschaftlich ausgewertet.

Als den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Twitter-Kommunikation machen die Forscher dabei die sogenannten Retweets aus. Schon früh hat sich unter Twitter-Usern der Brauch etabliert, die Nachrichten anderer weiter zu tragen. Dazu wird die entsprechende Nachricht eines anderen Users durch ein vorangestelltes "RT @Benutzername" wiederholt, wobei RT für Retweeting steht. Inzwischen hat Twitter diese Funktion auch fest in seinen Dienst eingebaut.