Twitter Was Twitter erfolgreich macht

Wichtige Informationen werden in dem Dienst immer weiter getragen, sie setzen sich durch und werden ein "Mem" – eine Art natürliche Auslese für Nachrichten.

Twitter-Mitgründer Biz Stone - im Hintergrund die Kurve des Nutzerwachstums. Inzwischen haben sich mehr als 100 Millionen Menschen bei dem Dienst registriert

Twitter-Mitgründer Biz Stone - im Hintergrund die Kurve des Nutzerwachstums. Inzwischen haben sich mehr als 100 Millionen Menschen bei dem Dienst registriert

Wer Twitter nicht aktiv benutzt, für den ist das Phänomen schwer zu fassen: Was soll so faszinierend daran sein, 140 Zeichen kurze Nachrichten darüber zu lesen, was andere gerade tun? Forscher aus Südkorea haben sich Twitter nun wissenschaftlich angenommen –und räumen dabei mit weit verbreiteten Mythen über das Medium auf.

Der Hype um Twitter bleibt für viele ein Mysterium. Nicht wenige melden sich bei dem Kurnachrichtendienst an, schreiben ein paar Nachrichten, abonnieren die Nachrichten von einigen anderen Benutzern – und hören schnell wieder auf. Nach einer Studie des IT-Dienstleisters Barracuda Networks twittert nur jeder fünfte angemeldete Benutzer dauerhaft aktiv – viele Nutzer schreiben nicht einmal zehn Nachrichten nach der Anmeldung, verlieren also schnell das Interesse.

Anzeige

Bei anderen schlägt das Unverständnis über das Twitter-Phänomen in Feindseligkeit um: In der Zeit forderte ein Autor schon " Schluss mit dem Geschnatter " und bezeichnete den Dienst als "Klowand des Internets". Der ehemalige New-York-Times -Kolumnist David Bouchier nannte Twitter das Medium der sprachlich verarmten. Kulturpessimisten sind sich einig: Die Kurznachrichten sind Ausdruck einer SMS-artig verkürzten Jugendsprache und Twitter ist ein Hort der Belanglosigkeiten.

Vernetztes Geschnatter

Twitter bietet nicht viel Platz, 140 Zeichen lang sind die Nachrichten dort nur und bis zu dem gleich folgenden Punkt sind es schon 136. Trotzdem ist Twitter sehr viel mehr als nur eine Plattform zum Versenden von kurzen Informationen. Das Geheimnis ist die Vernetzung.

Wer sich nicht mit den "Feeds" von Freunden, Kollegen, Bekannten, Stars, Nachrichtenportalen, Firmen verbindet, ihnen folgt, für den ist der Dienst lediglich ein endloser Strom wirren Geschnatters. Schwer zu durchschauen, praktisch nicht zu gebrauchen. Doch wer sich vernetzt, für den bekommt Twitter Bedeutung: für den einen wird es damit Marketinginstrument, für den zweiten der Ort, an dem er erfahren kann, was seine Freunde bewegt, für den dritten Recherchewerkzeug, für den vierten Zeitung.

Suchwerkzeuge

Um den Dienst zu nutzen, braucht es nicht zwingend einen Account, man kann bei Twitter auch nur lauschen, lesen, zuhören. Die Suche ist dabei das wichtigste Instrument. Im Gegensatz zu Google werden neue Ergebnisse zu Ihrem Stichwort in Echtzeit hinzugefügt, sodass sich ein Strom von Neuigkeiten zu Ihrem Thema ergibt.

Und es gibt Werkzeuge, dank derer sich noch viel mehr erfahren lässt. Beispielsweise What the Trend. Die Seite zeigt, was gerade am häufigsten via Twitter diskutiert wird – und erklärt dabei auch gleich die dazugehörenden kryptischen Begriffe. Denn die sogenannten Hashtags, symbolisiert mit dem Rautezeichen #, sind so etwas wie die Verschlagwortung des Twitteruniversums und oft nicht leicht zu verstehen. Unter #cebit, um ein sich selbst erklärendes Beispiel zu nehmen, finden sich tausende Tweets zu der Computermesse. Fügen Sie in der Suche weitere Hashtags hinzu, lässt sich dieser Strom beliebig verfeinern.

Feinde und Enttäuschte von Twitter könnten eines gemeinsam haben: Dass sie den eigentlichen Nutzen des Kurznachrichtendienstes nicht verstanden haben. Denn Twitter wird keineswegs überwiegend als soziales Netzwerk genutzt, um Freunden mitzuteilen, wie und wann man sich gerade die Zähne putzt oder einkaufen geht. Vielmehr handelt es sich in erster Linie um ein Medium zur Verbreitung von Nachrichten, wie die Informatiker Haewoon Kwak, Changhyun Lee, Hosung Park und Sue Moon von der südkoreanischen Kaist-Universität in einer aktuellen Studie feststellen . Dazu haben sie 41,7 Millionen Twitter-User, 1,47 Milliarden Beziehungen und 106 Millionen Kurznachrichten auf dem Portal wissenschaftlich ausgewertet.

Als den entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der Twitter-Kommunikation machen die Forscher dabei die sogenannten Retweets aus. Schon früh hat sich unter Twitter-Usern der Brauch etabliert, die Nachrichten anderer weiter zu tragen. Dazu wird die entsprechende Nachricht eines anderen Users durch ein vorangestelltes "RT @Benutzername" wiederholt, wobei RT für Retweeting steht. Inzwischen hat Twitter diese Funktion auch fest in seinen Dienst eingebaut.

Somit dient Twitter als eine Art natürliche Auslese für Nachrichten: Was vielen wichtig erscheint, wird häufig retweetet und verbreitet sich so in Windeseile, wie die Forscher feststellen. Die Mehrzahl der Nachrichten, die User für unwichtig halten, verhallen dagegen fast ungelesen im Strom der Millionen von Tweets, die täglich durch das Netz rauschen. Sie werden ausschließlich bei denjenigen angezeigt, die den Nachrichten Autors direkt abonniert haben.

In der zweiten Studie der Kaist-Universität untersuchten die Forscher Meeyoung Cha, Hamed Haddadi, Fabrício Benevenuto und Krishna Gummadi 1,7 Milliarden Tweets, um besonders einflussreiche Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Die wichtigsten Multiplikatoren sind demnach nicht etwa Benutzer wie die Sängerin Britney Spears oder der Schauspieler Ashton Kutcher , die die meisten Abonnenten ( Follower ) besitzen. Es sind vielmehr diejenigen, deren Nachrichten besonders häufig retweetet, also wiederholt werden.

Und das sind vor allem die Kurznachrichten klassischer großer Nachrichtenmedien wie der New York Times , großer amerikanischer Blogs wie der Huffington Post , bekannter US-Technologieblogs wie Techcrunch und Mashable sowie die Schlagzeilen von Nachrichtenseiten wie CNN oder dem Newsaggregator Breaking News wiederholt. Diese sind damit auch besonders einflussreich.

Das Überleben von Informationen durch Wiederholung im Netz ist auch außerhalb von Twitter zu einem Grundpfeiler der Digitalkultur geworden. Besondere Aufmerksamkeit erregten in diesem Zusammenhang sogenannte Imageboards wie das amerikanische Forum 4chan . Dort rauschen Bilder und Texte im Sekundentakt durch, die wenig später nicht mehr zu finden sind, weil sie von neuen Bildern, die von den Usern anonym veröffentlicht werden, verdrängt werden. Nur was von anderen aufgegriffen und somit wieder und wieder veröffentlicht wird, überlebt als Information langfristig. Eingebürgert hat sich dafür der Begriff Mem .

Der von dem Biologen und Oxford-Professor Richard Dawkings popularisierte Begriff geht auf die Idee zurück, dass nicht nur Gene einer Evolution unterworfen sind, sondern auch Informationen. Das Konzept der Meme geht davon aus, dass Gedanken und Ideen ähnlich evolvieren wie Lebewesen. Informationen, die der Umwelt nicht angepasst sind – sprich niemanden finden, der sie für wertvoll genug hält, um sie weiter zu tragen – sterben langfristig aus. Wertvoll ist dabei natürlich ein sehr subjektiver Begriff: Das wohl berühmteste Internet- Mem sind sogenannte Lolcats – Fotos von Katzen mit Sprechblasen, die unbeholfene Sätze in schlechtem Englisch sagen.

Gemessen daran, sind die Meme , die sich auf Twitter durchsetzen, gehaltvolle Kommunikation. Die Analyse der Wissenschaftler zeigt, dass sich dort ähnliche Themen durchsetzen, die auch die klassischen Medien für wichtig halten. So machten die koreanischen Forscher im Untersuchungszeitraum 6. bis 31. Juni 2009 die Unruhen im Iran und verschiedene Themen der amerikanischen Politik als wichtig aus. Kulturpessimisten dürften beruhigt sein.

Der Text erschien im Handelsblatt

 
Leser-Kommentare
  1. dass man nach einer Filterung über xxxx Knoten bei Twitter auch sinvolle Nachrichten erhält. Aber wenn Information erst die Filterung durch yyyy Personenköpfe erfolgt, ist das reichlich viel verschwendete Denkkapazität. Ich vertrolle die lieber bei ZEITonline...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • t_t_h
    • 20.05.2010 um 22:38 Uhr

    Die informationen auf Zeit-Online, wie auch auf jeder anderen redaktioniellen Seite sind:

    a) Vorgefiltert durch die Köpfe der Redaktion
    b) Gefiltert durch Ihren Kopf, da Sie natürlich nur unter den Artikeln trollen, die Sie gelesen haben.

    Macht also keinen Großen Unterschied zu Twitter. Nur dass man es sich dort eben selbst aussuchen kann, wer einem die Informationen vorfiltert.

    • t_t_h
    • 20.05.2010 um 22:38 Uhr

    Die informationen auf Zeit-Online, wie auch auf jeder anderen redaktioniellen Seite sind:

    a) Vorgefiltert durch die Köpfe der Redaktion
    b) Gefiltert durch Ihren Kopf, da Sie natürlich nur unter den Artikeln trollen, die Sie gelesen haben.

    Macht also keinen Großen Unterschied zu Twitter. Nur dass man es sich dort eben selbst aussuchen kann, wer einem die Informationen vorfiltert.

    • t_t_h
    • 20.05.2010 um 22:38 Uhr

    Die informationen auf Zeit-Online, wie auch auf jeder anderen redaktioniellen Seite sind:

    a) Vorgefiltert durch die Köpfe der Redaktion
    b) Gefiltert durch Ihren Kopf, da Sie natürlich nur unter den Artikeln trollen, die Sie gelesen haben.

    Macht also keinen Großen Unterschied zu Twitter. Nur dass man es sich dort eben selbst aussuchen kann, wer einem die Informationen vorfiltert.

    Antwort auf "Mag sein,"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service