Frage: Herr Schneider, lesen Sie Blogs?

Wolf Schneider: Ich benutze gar keinen Computer, aber meine Frau verfolgt ein Dutzend Blogs und Twitter und druckt mir das aus. Kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Blogs lese!

Frage: Und, wie gefallen sie Ihnen?

Schneider: Drei Viertel dessen, was dort produziert wird, ist trauriges Geschwätz. Geschwätz, weil es wenig Substanz hat, und traurig, weil die meisten doch wohl gelesen werden wollen! Ich habe Mitleid mit denen, die sich mitteilen wollen und so gar keine Ahnung davon haben, wie man das macht.

Frage: Sie müssten also zu Ihnen in die Lehre gehen?

Schneider: Sagen wir so: Was ich seit 30 Jahren predige, nämlich wie man ein attraktives, lebendiges, kraftvolles Deutsch schreibt, ist wichtiger geworden. Blogs, Twitter, E-Mail: Es wird heute dreimal so viel schriftlich produziert wie vor 30 Jahren. Dem steht aber nicht die dreifache Lesefreudigkeit gegenüber, sondern die halbierte. Noch nie war die Chance so gering, gelesen zu werden! Ich lehre, was man tun muss, um das Unwahrscheinliche zu erreichen, nämlich gelesen zu werden. Und diese Lehre ist heute wichtiger denn je.

Frage: In Ihrem neuen Buch „Deutsch für junge Profis“, dessen Titel sich an Ihren Klassiker von 1982 „Deutsch für Profis“ anlehnt, wenden Sie sich speziell an die Generation der Blogger und E-Mailer – Ihre Enkel gewissermaßen.

Schneider: Verrückt, nicht? Als der Verlag mich fragte, ob ich ein Buch für junge Leute schreiben wollte, habe ich erstmal gelacht: Ich mit 84! Aber Tatsache ist, dass ich durch meine Seminare an Journalistenschulen und für Öffentlichkeitsarbeiter mehr hauptberuflichen Umgang mit 23-Jährigen habe als die meisten Leute in Deutschland.

Frage: Das heißt …

Schneider: … ich weiß genau, wie die ticken, und komme bei denen ziemlich gut an. Die Enkelgeneration liebt mich mehr als damals die Söhne. Über-Opas sind offenbar beliebter als Über-Väter! Mich hat der Gedanke gereizt, ein Handbuch für begabte, interessierte 20-Jährige, Abiturienten, Studenten zu schreiben. Das ist ein schnelles Buch, schnell zu lesen, aufs Äußerste konzentriert und zugespitzt.

Frage: In Ihrem Buch zitieren Sie einen Tweet vom Juni 2009 aus dem Iran: „Ahmadinejad called us dust. We showed him a sandstorm“. Übersetzt: Ahmadinedschad hat uns Staub genannt. Einen Sandsturm haben wir ihm vorgeführt. Ist Twitter eine Rückkehr des Aphorismus?

Schneider: Das ist ein ungeheuer interessantes Medium, das die Chance bietet, Sätze zu prägen, die dann auch Bewegung auslösen. Allerdings ist das iranische Beispiel das einzige, das ich gefunden habe, das sich wie ein Aphorismus liest. Der einzige Vorteil von Twitter: Man kann nicht so viel Geschwätz verbreiten wie per Blog.