Website Yeah Süchtig nach dem Bilderstrom des Lebens

Die Website "Yeahyeahyeahyeahyeah" zeigt wahllos anonym eingesandte Schnappschüsse. Sonst nichts. Damit macht sie abhängig.

Einer der unzähligen anonymen Schnappschüsse auf Yeah*5 samt Antwort eines Zuschauers: "Du bist nun im Netz, auf ewig"

Einer der unzähligen anonymen Schnappschüsse auf Yeah*5 samt Antwort eines Zuschauers: "Du bist nun im Netz, auf ewig"

Vor jeder Annäherung muss man an diesem verdammt sperrigen Namen vorbei: Yeahyeahyeahyeahyeah . Außerdem erscheint die Website völlig sinnfrei und arg beschränkt. Trotzdem macht sie sofort süchtig. Und wirft auf den zweiten Blick ganz grundlegende Fragen zu Medium und Kontext auf.

Yeah, ein Ausruf, fünf Mal wiederholt. Wer diese Adresse in den Browser seines Computers oder (wahrscheinlicher) seines Mobiltelefons tippt, blickt auf eine nicht enden wollende Folge wahlloser Schnappschüsse. Und damit in die Welt. Denn jedermann, der ein sechstes Yeah hinzufügt, kann an die Emailadresse yeah@yeahyeahyeahyeahyeah.com ein Digitalfoto schicken. Nur Sekunden dauert es, bis es auf der Website erscheint.

Anzeige

Ein Polizeiwagen auf einer Kreuzung, eine Pizza, ein Geburtstagskaffee, Menschen am Computer, Fertigessen, Straßenschilder und Verballhornungen von Straßenschildern, viele Katzen und Hunde… Zunächst wirkt Y5 so, als hätte ein eifriger Kurator die belanglosesten Motive der Welt für eine Ausstellung über junge Fotografen mit Talentdefizit gesammelt. Aber es dauert nicht lange, bis die Neugier einsetzt. Ist das Schwedisch auf dieser Knorr-Tütensuppe? Was für ein Senderlogo prangt auf jenem Schnappschuss von der WM-Übertragung? Was soll diese Kritzelei bedeuten?

Bald fängt der Betrachter an, nach Mustern zu suchen: Sind im Moment gerade Straßenschilder aus Toronto in? Hey, da machen sich Menschen in unterschiedlichen Ländern mit Schnappschüssen über Scientology lustig! Und wer ist dieser "Oscar", dem immer wieder Fotos ("Hi Oscar!" "Fuck Oscar!") gewidmet werden?

Y5 lädt automatisch nach, alle paar Sekunden ploppt ein neues Motiv in den Bilderstrom.

Das ist meditativ, absolut linear und dient augenscheinlich keinem anderen Zweck als dem müßigen Zeitvertreib. Und es ist eine raffinierte digitale Ironie: so beschränkt, nicht mal Links gibt es. Ein auf das Wesentliche reduziertes Imageboard . Debatten sind nur über Bilder möglich.

Allem Anschein nach vergisst Y5 diese auch schnell wieder, wenn sie nach unten gewandert sind. "Der völlige Mangel an Verbindung zum Rest des Webs ist irgendwie gemütlich und erfrischend", befand Jolie O’Dell vom Blog Mashable , das Y5 Ende der Woche seinen ersten Popularitätsschub verpasste.

Unklar bleibt der genaue Ursprung. Sein Erfinder heiße Tyler Healy, schreibt der Kunststudent Andrew Mahon von der Parsons School of Design in New York in seinem Blog Type/Code . Dort (und nicht etwa bei Y5 selbst) schreibt Mahon (und nicht etwa Healy selbst) in einem programmatischen Aufsatz:

"Y5 zollt einem der lächerlichsten Nebenprodukte des Internets Respekt: unserer jüngst realisierten Ultrahypervernetztheit." Anschließend rekapituliert er die Buzzwords der vergangenen fünf Jahre, von Smartphone über soziale Netzwerke bis Twitter. Die Technik, resümiert der Autor, mache es den Nutzern nunmehr nicht bloß möglich, sondern ermuntere sie schlechterdings "zum Überdokumentierin und Überteilen".

Den anonymen, wohl global verteilten und mit Kamerahandys bestückten Y5-Nutzern wird diese verkopfte Medienkunstperspektive egal sein. Sie machen einfach Bilder: ein asiatischer Schokoriegel, die venezianische Kirche San Giorgio Maggiore im Nebel, ein grinsender Schlipsträger auf dem Klo, Bands, Kinder und (noch mehr) Katzen – Y5 ist das neue Chatroulette . Kürzer, konsequenter, anarchistischer. Für nichts als 15 Sekunden Ruhm im Netz.

Update: Inzwischen bietet die Seite keine Bilder mehr. Wer sie aufruft, sieht nur folgenden Text: "Yeah will return. Pre-order the Yeah-manual." Der dahinter liegende Link verweist dann darauf, dass es sich bei Yeah um ein Kunstprojekt handele und man ein Handbuch verkaufe, mit dem sich das "Potenzial der Seite voll ausschöpfen lasse".

 
Leser-Kommentare
    • latz
    • 18.06.2010 um 19:44 Uhr

    Diese Seite wird innerhalb weniger Tage mit Porno-Bildchen überschwemmt werden, wie so ziemlich jeder Service, der es ermöglicht anonym Bilder zu speichern und der Öffentlichkeit zu präsentieren.

  1. au meinem Mac krieg ich sowohl unter Safari als auch Firefox nur 'ne weisse Seite. Echt spannend.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • latz
    • 18.06.2010 um 21:39 Uhr

    Tja, das ist ein weiteres Schicksal von Websites, die plötzlich in das Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, sei es über Slashdot, Digg, Mashable oder Ähnlichem. Die Seiten liegen meist auf einem Shared Server und dieser wird nach der Verbreitung der Adresse völlig überlastet oder vom Provider wegen extremem Datenvekehrs gesperrt.

    • latz
    • 18.06.2010 um 21:39 Uhr

    Tja, das ist ein weiteres Schicksal von Websites, die plötzlich in das Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, sei es über Slashdot, Digg, Mashable oder Ähnlichem. Die Seiten liegen meist auf einem Shared Server und dieser wird nach der Verbreitung der Adresse völlig überlastet oder vom Provider wegen extremem Datenvekehrs gesperrt.

    • latz
    • 18.06.2010 um 21:39 Uhr

    Tja, das ist ein weiteres Schicksal von Websites, die plötzlich in das Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, sei es über Slashdot, Digg, Mashable oder Ähnlichem. Die Seiten liegen meist auf einem Shared Server und dieser wird nach der Verbreitung der Adresse völlig überlastet oder vom Provider wegen extremem Datenvekehrs gesperrt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der beschriebene Effekt ist natürlich auf Wikipedia bestens dokumentiert:
    http://en.wikipedia.org/w...

    Wobei die Seite mittlerweile wieder ohne Probleme erreichbar ist. Vielleicht lag es am Mac *hust*?

    Der beschriebene Effekt ist natürlich auf Wikipedia bestens dokumentiert:
    http://en.wikipedia.org/w...

    Wobei die Seite mittlerweile wieder ohne Probleme erreichbar ist. Vielleicht lag es am Mac *hust*?

  2. Der beschriebene Effekt ist natürlich auf Wikipedia bestens dokumentiert:
    http://en.wikipedia.org/w...

    Wobei die Seite mittlerweile wieder ohne Probleme erreichbar ist. Vielleicht lag es am Mac *hust*?

    Antwort auf "Noch mehr Schicksal"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gerade eben geht es.... Kann aber nicht viel damit anfangen, glaube nicht, dass das eine mehr als einmal besuchte Seite sein wird!

    Gerade eben geht es.... Kann aber nicht viel damit anfangen, glaube nicht, dass das eine mehr als einmal besuchte Seite sein wird!

  3. Wir aus dem Internet sind ja höllisch froh, dass es jetzt bezahlte Journalisten gibt, die in unsere tausend täglichen Eindrücke etwas wie narrative Struktur injizieren. Es tut gut, dass man nicht der einzige von vielen ist, der da mal draufklickt, sondern einer von vielen, wie im Schwarm. Einen Verein zu gründen für gemeinsame Erlebnisse im Web.
    Aber liebe, hoffentlich gut bezahlte Journalisten:
    Eure Phänomenologie, das Ergründen und Qualifizieren von Webereignissen (zugegeben: schwieriger Begriff) tut so, als ob, und das tut gut, kann es aber nicht. Wieviel kräftiger ist das Ereignis, wenn auf eben jener Y5 ein Screenshot eben dieses Artikels erscheint, wie eben gesehen?
    Can't touch this.

  4. Gerade eben geht es.... Kann aber nicht viel damit anfangen, glaube nicht, dass das eine mehr als einmal besuchte Seite sein wird!

    Antwort auf "aka. Digg effect"
  5. Diese Seite ist wohl wie eine Art Imageboard ohne Text.
    Also langweiliger.

    • CM
    • 20.06.2010 um 14:04 Uhr

    Wieviele dieser Bilder von denjenigen stammen, die sie einreichen, ist kaum zu ermitteln, die Mehrheit der Bilder sind wohl schlicht kopiert - das nennt man Bilderklau und ist nichts anderes als ein Verstoß gegen das Urheberrecht.

    Ein Blick in die Whois-Informationen der Seite weisen Tyler Healy, 46 Bellhaven Road, Bellport, New York 11713 als Verantwortlichen aus. Er betreibt diesen Dienst also selbst und in den USA.

    Ich kann ihm nur viel Glück wünschen, denn er dürfte innerhalb kürzester Zeit heftige Rechnungen amerikanischer Anwälte auf dme Tisch haben, die die Urheberrechte von Bildagenturen, Verlagen und Fotografen vertreten. Er hat die wohl kürzeste Möglichkeit gewählt, sich konsequent in die Pleite zu manövrieren. Ich gebe seiner Seite nur noch Wochen bis zum Ende.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service