Social MediaRuhe im Glied

Die Bundeswehr untersagt ihren Soldaten, über ihre Einsätze zu twittern und zu bloggen, aus Angst vor Kontrollverlust. Andere Streitkräfte sind da sehr viel offener. von 

Stillgestanden – Soldaten dürfen nicht twittern oder bloggen, ihr Dienstherr kontrolliert, was über die Bundeswehr verbreitet wird

Stillgestanden – Soldaten dürfen nicht twittern oder bloggen, ihr Dienstherr kontrolliert, was über die Bundeswehr verbreitet wird  |  © Sean Gallup/Getty Images

Von einem Blogsterben und einem Informations-GAU schrieben empörte User, gar von einer Kampagne des Verteidigungsministeriums. Wütende Gerüchte kursierten, nachdem eine ganze Reihe von bekannten Blogs, die regelmäßig über Verteidigungspolitik und Bundeswehr berichteten, in den vergangenen Monaten ihre Arbeit eingestellt hatten. Vorweg: eine Kampagne ist es wohl nicht. Der Fakt aber lässt sich nicht bestreiten, dass mit dem Ende der Blogs eine große Lücke entstand. Denn selbst bloggt die deutsche Armee nicht und Twitter nutzt sie lediglich, um Pressemeldungen zu verbreiten . Auch Soldaten dürfen sich nicht einfach zu Wort melden.

Dem Verteidigungsministerium ist das Schweigen durchaus Recht, haben einige dieser Blogger dort doch einen schlechten Ruf. Sie verbreiteten Interna, stellten die Armee nicht sehr positiv da und verrieten gar Geheimnisse, heißt es. Vor allem aber bedeuten Blogs einen Kontrollverlust. Genau wie Soldaten, die Dienste wie Twitter oder Facebook nutzen.

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Die Armeeführung steht den Sendemöglichkeiten für Jedermann kritisch gegenüber. "In der Tat macht die Bundeswehr verhältnismäßig wenig", sagt Professor Martin Löffelholz . "Es gibt vorsichtige Öffnungsprozesse in Richtung Social-Media." Der Experte für Kriegs- und Krisenberichterstattung der Technischen Universität Illmenau diskutierte am Wochenende im ZEIT ONLINE Talk "Facebook an der Front" über die Bundeswehr und soziale Netzwerke.

Diese Öffnung allerdings verläuft sehr vorsichtig. Ein offizieller You-Tube-Channel sei in Planung, heißt es im Verteidigungsministerium. Zu sehen ist er nicht. Aus der Luftwaffe ist zu hören, dass die Teilstreitkraft gerne viel mehr über Facebook und andere Netzwerke verbreiten würde – doch in Berlin sei dieses Anliegen abgeschmettert worden.

Und als beispielsweise Ende vergangenen Jahres die Nato einen Videowettbewerb für Soldaten in Afghanistan auslobte, nahmen Deutsche daran nicht teil. Man traut den eigenen Leuten nicht. Der Sendung Streitkräfte und Strategien des NDR sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dazu: "Zum einen sind unsere Soldaten eindeutig angehalten, keine einsatzrelevanten dienstlichen Ereignisse mit eigenen Mitteln in Bild und Ton festzuhalten. Ganz einfach, weil der einzelne Soldat vor Ort unserer Ansicht nach überfordert ist, einschätzen zu können, welche Auswirkungen diese Nachricht, die er dort aufnimmt, im öffentlichen Raum erzielt."

Geht es um das Internet, verweist das Ministerium im Zweifel auf das Soldatengesetz, vor allem auf den Paragrafen 15. Der untersagt politische Meinungsäußerungen im Dienst und in Uniform.

Als Mitte 2009 ein Bundeswehr-Twitter-Account auftauchte, reagierten Experten verblüfft . Doch nach wenigen Tagen verschwand die inoffizielle Seite – die Bundeswehr hatte auf eine Löschung gedrängt. Es war nicht die letzte Seite, die verschwand. Erst ging das Sicherheitsblog offline, dann stellte Geopowers die Arbeit ein und schließlich meldete Augen geradeaus sich ab.

"Aus-Zeit. Dieses Blog ruht bis auf weiteres. Danke für Ihr Verständnis." Mit wenigen Worten verabschiedet sich der Journalist Thomas Wiegold, der wohl bekannteste Bundeswehr- und Verteidigungs-Blogger. Vor allem Soldaten reagierten darauf enttäuscht. War das Blog für sie doch eine Möglichkeit, sich über Auslandseinsätze auszutauschen.

Augen geradeaus wurde eingestellt, weil das Nachrichtenmagazin Focus sich stärker auf den Printbereich konzentrieren will. Auf Facebook aber ist Wiegold weiter aktiv. Bei Geopowers war es der Tod des Herausgebers, der das Blog beendete. Mittlerweile hat eine neue Redaktion unter Geopowers Journal die Arbeit wieder aufgenommen. Und das Sicherheits-Blog soll von einem Bundeswehr-Mitarbeiter erstellt worden sein, der deswegen disziplinarrechtliche Probleme bekam.

Leserkommentare
  1. Wir haben in Deutschland die Situation, dass die überwiegende Mehrheit derjenigen, die sich näher mit Außen- und Sicherheitspolitik beschäftigt hat, die Auslandseinsätze der Bundeswehr befürwortet.

    Im Kontrast dazu lehnt der überwiegende Teil der Gesamtbevölkerung diese Einsätze ab!

    Wie kommt es dazu?

    Könnte es daran liegen, dass Otto-Normalbürger einfach keine Ahnung vom Thema hat und dann emotional reagiert? Ich halte das für plausibel.

    Denn keine der die Auslandseinsätze tragenden Parteien macht sich die Mühe, leider gegebene Notwendigkeiten der Sicherheitspolitik zu erklären. Das Thema ist unpopulär, anstrengend und komplex. Damit fängt man keine Stimmen, also verschweigt man es.

    Damit verraten aber die Bundestagsabgeordneten nun mal eben die Soldaten, die in ihrem Auftrag in den Krieg ziehen. Denn es wäre ganz wesentlich Aufgabe der Politik, Rückhalt für die Soldaten im eigenen Volk zu organisieren.

    Dazu kommt eine Bundeswehr- Kommunikationspolitik, die mit stümperhaft noch freundlich umschrieben ist.

    Man kann langfristig keine Auslandseinsätze durchführen, wenn man die eigene Bevölkerung nicht mitnimmt. Hierfür muss der Normalbürger aber nun mal erfahren, wer wann was wie und wozu tut oder getan hat. Und er muss es so präsentiert bekommen, dass er es auch verstehen kann. Nur so entsteht vertrauen.

    Politik und (Spitzen-)Bürokratie versagen hier vollkommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat:
    "Wir haben in Deutschland die Situation, dass die überwiegende Mehrheit derjenigen, die sich näher mit Außen- und Sicherheitspolitik beschäftigt hat, die Auslandseinsätze der Bundeswehr befürwortet.

    Im Kontrast dazu lehnt der überwiegende Teil der Gesamtbevölkerung diese Einsätze ab!

    Wie kommt es dazu?

    Könnte es daran liegen, dass Otto-Normalbürger einfach keine Ahnung vom Thema hat und dann emotional reagiert? Ich halte das für plausibel."

    Könnte es sein das so eine Ansage harter Beweise bedarf ?

    Könnte es sein das Sie mal wieder pauschalisieren und Afghanistan und die anderen Auslandseinsätze in einen Topf werfen um das tote Pferd doch noch ein Weilchen zu reiten ?

    Könnte es sein das Otto Normalbürger ein gutes Gefühl dafür hat wenn Politiker nur heisse Luft schwallen ?

    Kann es sein das Sie wie üblich nicht belegte Behauptungen als Tatsachen in ihre Argumentation einflechten "...Denn keine der die Auslandseinsätze tragenden Parteien macht sich die Mühe, leider gegebene Notwendigkeiten der Sicherheitspolitik zu erklären..." ?

    Kann natürlich auch sein das wir zwei unterschiedlichen Umgang pflegen, praktisch alle Menschen die ICH kenne oder deren Kommentare in den Medien mir verständig und plausibel vorkommen, sind GEGEN den Afghanistankrieg, aber durchaus FÜR Piratenbekämpfung.

    ...zum folgenden:

    "Damit verraten aber die Bundestagsabgeordneten nun mal eben die Soldaten, die in ihrem Auftrag in den Krieg ziehen. Denn es wäre ganz wesentlich Aufgabe der Politik, Rückhalt für die Soldaten im eigenen Volk zu organisieren."

    Als allererstes wäre die Aufgabe Sinn und Nutzen der Einsätze zu erklären, dann kommt die Zustimmung fast von selbst. Ausserdem ziehen die Soldaten NICHT für die Parlamentarier in den Krieg, sondern für UNS, für Sie, für mich und den Rest der Deutschen, genau das ist der Verrat an den Soldaten.

    "Man kann langfristig keine Auslandseinsätze durchführen, wenn man die eigene Bevölkerung nicht mitnimmt. Hierfür muss der Normalbürger aber nun mal erfahren, wer wann was wie und wozu tut oder getan hat. Und er muss es so präsentiert bekommen, dass er es auch verstehen kann. Nur so entsteht vertrauen."

    Da haben Sie natürlich vollkommenn recht, nur kann man eben etwas, was für Deutschland keinen Sinn und keinen Nutzen hat (ausser das man den Lehensherren zufriedenstellt, das ist ein, wenn auch minderer, Nutzen) nicht in Worte packen, die Zustimmung auslösen.

    All die leeren Worte wurden ja gesprochen, von der Verteidigung der Sicherheit am Hindukush, über die armen Mädchen die nicht zur Schule gehen können, bis zum Aufbau von minimalen Strukturen um einen Failed State zu verhindern.

    Schlussendlich wurde geschwiegen, da das die Menschen noch am ehesten ruhig hielt.

  2. Dass den "Staatsbürgern in Uniform" das Maul verboten wird, sagt einiges über die Einstellung der Bundeswehrführung zur Demokratie aus. Und die hat Tradition. Statt freier Meinungsäußerung treten längst nur noch speziell geschulte Soldaten im PR-Auftrag an die Öffentlichkeit. Eine offizielle Linie soll kriegsbejahende Geschlossenheit demonstrieren, die Grundrechte des Einzelnen gibt es höchstens noch auf dem Papier. Wo bleibt der demokratische Widerstand?

  3. Zitat:
    "Wir haben in Deutschland die Situation, dass die überwiegende Mehrheit derjenigen, die sich näher mit Außen- und Sicherheitspolitik beschäftigt hat, die Auslandseinsätze der Bundeswehr befürwortet.

    Im Kontrast dazu lehnt der überwiegende Teil der Gesamtbevölkerung diese Einsätze ab!

    Wie kommt es dazu?

    Könnte es daran liegen, dass Otto-Normalbürger einfach keine Ahnung vom Thema hat und dann emotional reagiert? Ich halte das für plausibel."

    Könnte es sein das so eine Ansage harter Beweise bedarf ?

    Könnte es sein das Sie mal wieder pauschalisieren und Afghanistan und die anderen Auslandseinsätze in einen Topf werfen um das tote Pferd doch noch ein Weilchen zu reiten ?

    Könnte es sein das Otto Normalbürger ein gutes Gefühl dafür hat wenn Politiker nur heisse Luft schwallen ?

    Kann es sein das Sie wie üblich nicht belegte Behauptungen als Tatsachen in ihre Argumentation einflechten "...Denn keine der die Auslandseinsätze tragenden Parteien macht sich die Mühe, leider gegebene Notwendigkeiten der Sicherheitspolitik zu erklären..." ?

    Kann natürlich auch sein das wir zwei unterschiedlichen Umgang pflegen, praktisch alle Menschen die ICH kenne oder deren Kommentare in den Medien mir verständig und plausibel vorkommen, sind GEGEN den Afghanistankrieg, aber durchaus FÜR Piratenbekämpfung.

    Antwort auf "Politikversagen!!!"
  4. ...zum folgenden:

    "Damit verraten aber die Bundestagsabgeordneten nun mal eben die Soldaten, die in ihrem Auftrag in den Krieg ziehen. Denn es wäre ganz wesentlich Aufgabe der Politik, Rückhalt für die Soldaten im eigenen Volk zu organisieren."

    Als allererstes wäre die Aufgabe Sinn und Nutzen der Einsätze zu erklären, dann kommt die Zustimmung fast von selbst. Ausserdem ziehen die Soldaten NICHT für die Parlamentarier in den Krieg, sondern für UNS, für Sie, für mich und den Rest der Deutschen, genau das ist der Verrat an den Soldaten.

    "Man kann langfristig keine Auslandseinsätze durchführen, wenn man die eigene Bevölkerung nicht mitnimmt. Hierfür muss der Normalbürger aber nun mal erfahren, wer wann was wie und wozu tut oder getan hat. Und er muss es so präsentiert bekommen, dass er es auch verstehen kann. Nur so entsteht vertrauen."

    Da haben Sie natürlich vollkommenn recht, nur kann man eben etwas, was für Deutschland keinen Sinn und keinen Nutzen hat (ausser das man den Lehensherren zufriedenstellt, das ist ein, wenn auch minderer, Nutzen) nicht in Worte packen, die Zustimmung auslösen.

    All die leeren Worte wurden ja gesprochen, von der Verteidigung der Sicherheit am Hindukush, über die armen Mädchen die nicht zur Schule gehen können, bis zum Aufbau von minimalen Strukturen um einen Failed State zu verhindern.

    Schlussendlich wurde geschwiegen, da das die Menschen noch am ehesten ruhig hielt.

    Antwort auf "Politikversagen!!!"
  5. Diese Videos (ZEIT MATINEE) geben glaube ich die Antworten:

    http://www.zeit.de/politi...

    @ 6: Sie müssen auch den Engländern genau zuhören, auf die Prämissen kommt es an. Dass die Politik auch gegenwärtig noch Wunsch, Wirklichkeit und eingesetzte Ressourcen nicht in Einklang bringt, ist ja richtig. Man müsste nur endlich mal die richtigen Schlüsse ziehen, will man den eigenen ethischen und moralischen Maßstäben gerecht werden.

    Und nein, ich bin politisch unabhängig. Nur wenn Herr zu Guttenberg gelegentlich was Sinnvolles sagt, wird man ihm doch zustimmen dürfen. Im Vergleich zu seinem katastrophalen Vorgänger macht er halt recht wenig Fehler.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..."zu Guttenberg: Die Unpopularität des Afghanistan-Einsatzes"

    gegönnt, das spricht aber schon mehr für mich als für Sie.
    Die erste Hälfte lang sagt Guttenberg, das "...die Märchen vom Tisch müssen und man sagen sollte was Sache ist..", soweit so gut.
    Als Begründung für den Einsatz dann aber nur, "...wir müssen regionale (sic!) Destabilisierung durch Afghanistan vermeiden, da das Pakistan und die Zentralasiatischen Republiken kippen könnte...".

    Welches Spiel Pakistan da spielt, d.h. wer destabilisiert da wen, dazu kein Wort.

    Wie das durch die derzeite Kriegsvariante (Personell stark unterbesetzt) zu erreichen sei, dazu kein Wort (war aber auch nicht gefragt).

    Das das Volk 9 Jahre lang von vorne bis hinten belogen/beschönredet wurde, wurde implizit eingestanden.

  6. ..."zu Guttenberg: Die Unpopularität des Afghanistan-Einsatzes"

    gegönnt, das spricht aber schon mehr für mich als für Sie.
    Die erste Hälfte lang sagt Guttenberg, das "...die Märchen vom Tisch müssen und man sagen sollte was Sache ist..", soweit so gut.
    Als Begründung für den Einsatz dann aber nur, "...wir müssen regionale (sic!) Destabilisierung durch Afghanistan vermeiden, da das Pakistan und die Zentralasiatischen Republiken kippen könnte...".

    Welches Spiel Pakistan da spielt, d.h. wer destabilisiert da wen, dazu kein Wort.

    Wie das durch die derzeite Kriegsvariante (Personell stark unterbesetzt) zu erreichen sei, dazu kein Wort (war aber auch nicht gefragt).

    Das das Volk 9 Jahre lang von vorne bis hinten belogen/beschönredet wurde, wurde implizit eingestanden.

    Antwort auf "@ 3, 4, 6"
    • StefT
    • 29. Juni 2010 17:46 Uhr

    "Ob der Admiral sein Blog From the Bridge tatsächlich selber schreibt, darf bezweifelt werden"

    Vielleicht nicht alles, aber man findet immer wieder Einträge die doch sehr persönlich sind. Da sind zum Teil kleine Informationen aus seinem Privatleben enthalten, die zeigen dass er selbst schreibt.
    Das sollte wirklich nicht überraschen. Gen. McChrystal war ebenfalls sehr Medien- und Social Media-affin

    Sehr zu empfehlen ist übrigens der britische Helmand Blog:
    http://helmandblog.blogsp...

  7. "Das hat auch Boris Barschow erlebt. Er war als Reservist in Afghanistan und arbeitete dort als interkultureller Berater für den Kommandanten des Regionalkommandos Nord. Darüber bloggen durfte er nicht. Nach dem Einsatz schrieb er weiter für sein Afghanistan-Blog. Es ist heute das bedeutendste Weblog, das über die Bundeswehr und ihre Mission am Hindukusch berichtet."

    Wie zumindest einigen bekannt sein dürfte, wurde Barschow vorzeitig abgelöst (wohl nicht, weil er so fähig war ...), was eine absolute Ausnahme ist und hat eben KEINEN guten Ruf. Als Reservist hat er zwar früher einige Tage in Afghanistan verbracht, kann aber nicht wirklich als Experte herhalten.

    Übrigens heißt es Kommandeur des Regionalkommandos und nicht Kommandant ... vielleicht sollte man nur Redakteure Artikel über solche Themen schreiben lassen, die zumindest ein Grundwissen über die Bundeswehr aufweisen können.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Verteidigungsministerium | Afghanistan | Blog | Facebook | Soldat | Streitkräfte
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