Data–MiningFirmen sagen Ehescheidungen voraus

Kreditkarten, Kundenkarten, Internet – durch unsere Einkäufe verraten wir, was wir planen und wünschen. Firmen destillieren daraus das Privatleben der Kunden. von Von Maximilian von Demandowsky

Prinzip Data Mining: Wem es gelingt, private Daten und neue Zusammenhänge sichtbar zu machen, der kann damit viel Geld verdienen

Prinzip Data Mining: Wem es gelingt, private Daten und neue Zusammenhänge sichtbar zu machen, der kann damit viel Geld verdienen  |  © Mauricio Lima/afp/Getty Images

Frauen und Männer wissen oft nicht, wann ihre Ehe oder feste Beziehung in die Brüche gehen wird. Aber ihre Kreditkartenfirma weiß es möglicherweise erstaunlich genau. Es ist eine Horrorvorstellung, aber sie ist längst Realität. Es gibt Spezialfirmen, die für Unternehmen Prognosen aufstellen, wie sich das Privatleben der Kunden entwickeln wird. Die Kreditkartenfirmen dementieren, solche Dienste in Anspruch zu nehmen. Die Spezialfirmen, die Profile erstellen, sind dafür umso gesprächiger. Sie analysieren Kontobewegungen, wer was kauft, und wofür Rechnungen bezahlt. Diese Firmen geben ihr Spezialwissen nicht ganz preis, aber es gibt Kriterien dafür, wenn sich ein Paar entfremdet. Beispielsweise, wenn einer sich bei einer Partnervermittlung im Internet anmeldet und dafür mit der Kreditkarte Geld überweist.

Dass Kreditkartenunternehmen die Zukunft privater Beziehungen prognostizieren, wurde durch das Buch "Super Crunchers" von Ian Ayres bekannt, einem Rechtsprofessor in Yale. Als Motiv der Kreditindustrie gab er an: "Kreditkartengesellschaften interessieren sich nicht für die Scheidung selbst, sie sorgen sich darum, ob der Kunde dann noch seine Kreditkartenschulden begleichen kann." Scheidungen führen oft zu finanziellen Schwierigkeiten, so kann eine solche Prognose Teil der Risikokalkulation sein.

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Das Ausspähen des Kunden und die Schlussfolgerungen für sein künftiges Verhalten sind ein Riesengeschäft. Viele Unternehmen sammeln detaillierte Informationen über ihre Kunden, um daraus Nutzerprofile zu erstellen. Die Profile lassen auch Rückschlüsse zu, welche Produkte bei den Kunden besonders ankommen.

Das US-Portal thedailybeast.com berichtet, dass Informationen aus Plattformen und sozialen Netzwerken im Internet, versehen mit Nutzerdaten und freiwilligen Angaben, es möglich machen, dass mit einer bis zu 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden kann, wo eine Person in Zukunft leben wird. Was aber passiert, wenn damit nicht nur Nutzerprofile angelegt werden, sondern auch Vorhersagen mit hoher Wahrscheinlichkeit getroffen werden, wie sich die Person in Zukunft entscheidet, oder welche Umstände auf einen Wohnungswechsel oder eine Scheidung schließen lassen?

Durch Prüfen der getätigten Kreditkarteneinkäufe einer Person lassen sich Schlussfolgerungen ziehen, Geschäftspartner können dann dem Kunden Angebote machen, die möglichst genau zur konkreten Lebenslage passen.

Auch in Deutschland ist die Vorhersagbarkeit von Kundenverhalten weit fortgeschritten. Die Technik dazu liefert sogenanntes Data-Mining, also das Schürfen nach Erkenntnissen in einem großen Datenbestand. Dabei nutzen die Firmen die Kundendaten zu Marketing- oder Werbezwecken. Mathias Bauer, Geschäftsführer der Mineway GmbH, einer Firma, die sich auf die Analyse von Daten spezialisiert hat, nennt ein Beispiel für die Verknüpfung von Kundenprofilen und Konsumvorhersagen: "Wenn ich Ihren Büchergeschmack kenne und Sie sich für Bildbände von Urlaubszielen und Krimis interessieren, kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, ob sie sich für eine Neuerscheinung interessieren oder nicht." Notwendig dazu ist eine strukturierte Wissensbasis über Büchergenres und die wichtigsten Autoren der jeweiligen Genres.

Mathias Bauer: "Diese Möglichkeiten werden auch in Deutschland bereits angeboten, beispielsweise durch die Nutzung von Kreditkarteninformationen und Payback-Karten." Dabei geht es immer um die Informationen über Aktivitäten auf verschiedenen Teilmärkten und ihre Verknüpfung zu bestimmten Merkmalen. Zum Beispiel durch Angaben wie Alter, Wohnort oder der Frage nach der Berufstätigkeit. Einzelne Merkmale allein ergeben noch kein klares Bild. Zusammen fügen sie sich jedoch zu einem Kundenprofil zusammen, das wiederum Rückschlüsse über das voraussichtliche Kaufverhalten zulässt.

Leserkommentare
  1. Der Artikel von Maximilian von Demandowsky geht auf den wichtigsten Aspekt nicht ein:
    Wie groß ist überhaupt der Anteil derer, die mit Kreditkarten zahlen gegenüber denjenigen, die ihre Rechnungen weitgehend bar bezahlen?

  2. ... zahle ich nur in Ausnahmefällen mal mit Karte und diesen Payback-Kram hab ich auch längst wieder entsorgt. Geht idR auch schneller an der Kasse, manchmal könnte ich mir die Haare raufen, wenn Mann/Frau vor mir in der Schlange eine Packung Zigaretten und einen Schokoriegel mit Karte erledigt: rausfummeln aus der Tasche, reinstecken, warten, PIN eingeben, warten, evtl. noch Unterschrift leisten oder nochmal probieren, weil das Gerät streikt usw. echt nervtötend. Da ist bar zahlen pure Action :-)

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    ..."rausfummeln aus der Tasche, reinstecken, warten, PIN eingeben, warten, evtl. noch Unterschrift leisten oder nochmal probieren, weil das Gerät streikt usw. echt nervtötend."
    Daher mein Vorschlag für ein neues Geschäftsmodell: Supermarkt mit wenigstens einer Kasse nur für Barzahler.

  3. ..."rausfummeln aus der Tasche, reinstecken, warten, PIN eingeben, warten, evtl. noch Unterschrift leisten oder nochmal probieren, weil das Gerät streikt usw. echt nervtötend."
    Daher mein Vorschlag für ein neues Geschäftsmodell: Supermarkt mit wenigstens einer Kasse nur für Barzahler.

    Antwort auf "Na Gott sei Dank..."
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    Zitat Partylöwe:
    Daher mein Vorschlag für ein neues Geschäftsmodell: Supermarkt mit wenigstens einer Kasse nur für Barzahler.
    Zitatende.

    Das geht nicht, weil damit die Barzahler bevorzugt werden. Damit würden mehr Kunden auf barzahlen umschwenken und die Handelsfirmen hätten weniger zuverlässigere Kundendaten für ihre Profile!

    Nee, nee, schön hinten anstellen und warten!

  4. Was immer diese Firmen an Infos sammeln, es geht auf Kosten der Betroffenen. Falsche Postleitzahl: kein Kredit, falsche Website besucht: keine Kreditkarte, falsche Frau geheiratet: keine Versicherung.

    Daten sollten gar nicht erst anfallen bzw. automatisch gelöscht werden, ein Fall für Hard- und Software-Hersteller....und den Gesetzgeber.

    • Ranjit
    • 09. Juni 2010 14:04 Uhr

    Data-Mining bei Kunden wird in Zukunft noch leichter. Ein Einfallstor könnten RFID Inventur- und Bezahlsysteme in Läden sein. Die Radio Frequency Identification in Form eines Chips auf den Produkten könnte den Ladenbetreibern dabei helfen, Produkte rechtzeitig nachzubestellen und das Sortiment auf die Kundenbedürfnisse dynamischer einzustellen. An der Kasse entfällt das Scannen am Band sondern die Produkte könnten direkt im Wagen ausgelesen werden.
    (Für jene, die den Begriff noch nicht Kennen: RFID-Chips beinhalten Informationen die aus der Distanz abgelesen werden können.)

    In Verbindung mit RF-Identifikation der Kunden könnte so aber der gesamte Einkauf personalisiert werden. Dies wäre z.B. möglich, wenn Kundenkarten und Rabattkarten (z.B. Payback Karten) auch mit RFID ausgestattet werden. Ebenso wird der neue Personalausweis zwingend einen RFID-Chip beinhalten. Zwar ist (zunächst) unwahrscheinlich, dass Firmen das Auslesen zu Data-Mining Zwecken erlaubt wird, aber dies schließt illegales Auslesen bzw. Gesetzesänderungen nicht aus.

    Datenschutz sollte das politische Thema schlecht hin werden. Doch unser Staat wälzt sich lieber in Koalitionskindereien und wenn das Thema angegangen wird, dann eher um Firmen unsere Daten zu sichern als sie vor den Firmen zu sichern.

  5. Zitat Partylöwe:
    Daher mein Vorschlag für ein neues Geschäftsmodell: Supermarkt mit wenigstens einer Kasse nur für Barzahler.
    Zitatende.

    Das geht nicht, weil damit die Barzahler bevorzugt werden. Damit würden mehr Kunden auf barzahlen umschwenken und die Handelsfirmen hätten weniger zuverlässigere Kundendaten für ihre Profile!

    Nee, nee, schön hinten anstellen und warten!

  6. ...und auf diese Weise nicht einzuschätzen ist, bekommt das schlechteste Rating. Strafe muss eben sein.

    Ich frage mich, wo die Leute in USA, die in Obamas gesundheitspolitischen Vorstößen eine satanische Ausgeburt von Etatismus und Obrigkeitsstaat sahen, bei dieser Art von Dingen eigentlich bleiben? Oder hat es sich einfach noch nicht bis Wyoming und Dakota herumgesprochen, dass auch andere Dinge als der Staat die Freiheit zerstören können - in Ermangelung von Transparenz und Partizipation (for what it's worth) sogar viel effektiver?

  7. Es ist keine große Leistung, auf eine mögliche Scheidung zu schließen, wenn ein Ehepartner sich bei einer Partnervermittlung anmeldet. Sicher ist das auch nicht die Regel - und eher selten und somit ist die Überschrift irreführend.
    Allerdings ist das Data Mining ein effektives Werkzeug, um aus dem Verhalten des Käufers auf seine/ihre Vorlieben zu schließen und infolgedessen zielgerichtete Werbung auszuliefern.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte Information | Konsumverhalten | Scheidung
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