Jugendschutz Hilfloser Versuch, das Netz abzusperrenSeite 2/2

Was schlimm ist an einer solchen Alterkennzeichnung? Nichts. Bei Filmen funktioniert sie auch. Doch leider ist nicht geklärt, was denn nun für welche Altersgruppe gefährlich ist. Die Entscheidung darüber treffen "anerkannte Einrichtungen der freiwilligen Selbstkontrolle". Was bedeutet, dass letztlich jeder Beitrag, der im Netz erscheinen soll, irgendwie überprüft werden muss.

Andererseits ist das Netz kein physisches Medium wie eine DVD. Seine Inhalte verändern sich ständig; was eben noch konform war, kann durch einen Nutzerkommentar bereits außerhalb des Erlaubten liegen. Ganz zu schweigen davon, dass viele der auch von deutschen Anbietern zur Verfügung gestellten Inhalte gar nicht auf deutschen Servern liegen.

"Der grundlegende Fehler des JMStV besteht letztlich darin, dass Instrumentarien aus dem Jugendschutzgesetz eins zu eins auf den Jugendschutz im Internet übertragen werden", schreibt Thomas Stadler dazu in seinem Blog . Der Anwalt hat sich auf Internetrecht spezialisiert und sieht in dem Vertrag den hilflosen Versuch, mit deutschem Recht internationale Probleme zu lösen. "Auf nationalstaatlicher Ebene bekommt man das nicht in den Griff", sagt er.

Eigentlich, so Stadler, müssten Politiker zugeben, dass sie im Netz machtlos sind und dass es eine internationale Lösung bräuchte. "Das können sie natürlich nicht, also tun sie etwas, was nichts nützt."

Und was unter Umständen sogar schadet. Nicht so sehr klassischen Medien. Die bekommen in Absatz 8 des 5. Paragrafen einen Blankoscheck. Denn der Zwang zur Filterung gilt nicht "für Nachrichtensendungen, Sendungen zum politischen Zeitgeschehen im Rundfunk und vergleichbare Angebote bei Telemedien ... ". Hart treffen wird es wohl vor allem jene, die ohne Verlag und klare Ausrichtung im Hintergrund ins Internet schreiben, Blogger beispielsweise. Auch wenn ihnen vielleicht egal ist, ob die Filtersoftware sie raussortiert, drohen ihnen doch heftige Bußgelder bei einem Verstoß gegen die Altersregeln.

Anwalt Stadler schreibt dazu: "Die geistigen Väter dieser Konzepte halten das Internet immer noch für eine moderne Variante des Rundfunks und verstehen deshalb auch nicht, dass diese Konzepte erstens nicht effektiv funktionieren können und zweitens die Gefahr beinhalten, dass Inhalte beeinträchtigt werden, die nicht im Ansatz jugendgefährdend sind."

Allerdings gibt es bislang eine solche Software nocht nicht. Ein deutscher Konzern hat aber laut eines Berichts von Spiegel Online eine Version "nahezu" fertig. So lange keine Konkurrenz auftaucht, besäße die Firma ein Jugendschutz-Monopol.

Nachtrag: Die unterzeichnete Version des Vertrages ist nun einsehbar .

 
Leser-Kommentare
  1. Hauptsache regeln, ordnen, knicken, heften und ablegen. Sinnlos? Schwachsinnig gar? Egal, hauptsache reguliert.

    Es wird tatsächlich immer hanebüchener...

  2. ...wenn man eine dubiose Software installiert?!

    Wer macht denn sowas?
    (außer Eltern, die keine Ahnung haben - aber man sollte die "lieben Kleinen" nicht unterschätzen *g*)

  3. Mein Gott, was hat mich mein Sohn zur Sau gemacht, als ich eine alte abgelaufene EC Karte mit Chip wegwerfen wollte. Die bringt auf dem Schulhof noch 20 Euro.

    • Klaue
    • 11.06.2010 um 18:18 Uhr

    Die Anleitung wie die Sperrsoftware umgangen werden kann hat sicherlich keine Altersbeschränkung xD

    Ich liebe die Politik – da hat man immer was zu lachen.

  4. Ungewolltes Praxisbeispiel: Die Filtersoftware “Time for Kids” sperrt http://www.netzpolitik.or...

    Genialer Schachzug: selbständiges Denken wir gleich mit verhindert. Na bravo.

  5. Das frage ich mich immer wieder...
    oder ist es gar ein heimlicher Versuch das Volk zumindest im Internet mundtot zu machen? Bezugnehmend zur deutschen Geschichte, gehe ich leider immer erstmal vom Schlimmsten aus.

    Dieses neue Program, funktioniert das auch beim Telefonieren?? Komisch das Jugendliche jahrelang Knebelverträge mit dem Verschicken einer SMS abschließen konnten, obwohl sie gar nicht vertragsfähig waren.

    Jedes 14. jährige Kiddi hat mehr Ahnung vom I-net als irgendein möchtegern Politiker, was soll der Kram bewirken?? Wenn in diese Ka*k nicht alles zum Heulen wäre, müsste man glat drüber lachen....

    • dth
    • 11.06.2010 um 20:04 Uhr

    Verstehe ich das richtig? Man kann seine Seiten kennzeichnen, damit sie Filtersoftware evtl. durch lässt oder man kann es lassen. Wenn man es lässt, wird man eben gefiltert?
    Ich fände so ein System klasse. Leute mit Filtern würden praktisch nichts vom Internet sehen, womit sich das System bald selbst erledigen würde. Jungedliche würden schnell lernen, wie man in Schule und evtl. auch zu Hause diese Filter umgeht und dadurch schonmal wichtige Kompetenzen erwerben.
    Kritisch wäre, wenn eine Kennzeichnungspflicht (nach völlig unklaren Kriterien) bestünde oder die Filter vorgeschrieben wären. Das wäre aber vermutlich dann auch schon wieder ein Fall für's BVerfG.

  6. die diesen "Staatsvertrag" konzepiert haben. Da fällt mir nur die netiquette sicherlich nicht verletzende Bezeichnung
    "internetausdrucker"
    ein.
    Ich werde also künftig vor webseiten sitzen wo es heisst: Zugang nur erlaubt mit vorheriger Altersbestätigung im Postidentverfahren.
    Aber halt! Da gibt es doch künftig eine ganz einfach Lösung: Du Bürger musst halt einfach nur den ePerso nutzen. Tolle Idee, um dieses neue Überwachungsinstrument zu puschen.
    Naja, die meisten Anbieter werden halt auf Server im Ausland wandern. Aber der Zugang wird sicherlich auch wohl bald gesperrt werden. Wie sagte H. Dr. Uhl (CSU) einmal: „Was die Chinesen können, sollten wir auch können."

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