Bürgerreporter Schnappschuss vom Leser, Schnäppchen für die Medien
Die neue Medienplattform "Tvype" will Leser zu Reportern machen. Der Deutsche Journalisten-Verband schlägt Alarm: Qualitätsverlust und Lohndumping drohen.
© Tvype

Daniel Holle, Tvype-Gründer
Als die Bild-Zeitung vor vier Jahren damit begann, sich von ihren Fans offensiv Fotos und Videos zu wünschen, wurde sie dafür belächelt. Und heftig kritisiert. Verbände von Polizei, Sanitätern und Feuerwehren fürchteten etwa, noch massivere Probleme mit Gaffern zu bekommen als bisher.
Mit Tvype versucht jetzt auch ein Unternehmen, hinter dem weder Verlage noch Sender stehen, mit Amateuren gemeinsam Kasse zu machen. Doch Profi-Journalisten versetzt die neue Plattform in Alarmstimmung. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) sagt: "Für Amateure mag das Portal interessant sein, offeriert es ihnen doch Einnahmen. Die Medien sollten jedoch nicht auf das Material zurückgreifen." Der DJV habe die gleichen Probleme mit Tvype wie mit den Leserreportern der Bild-Zeitung. "Die Redaktion kennt die Anbieter nicht und weiß nicht, ob das Material authentisch ist", mahnt Zörner. Das aber sei nötig, um die journalistische Glaubwürdigkeit zu wahren.
"Viele Beispiele zeigen, dass das Material von Bürgerreportern inzwischen gut genug ist, um für die Medien interessant zu sein", sagt hingegen Tvype-Gründer Daniel Holle. Eindrucksvoll seien etwa die Aufnahmen von Urlaubern gewesen, die Weihnachten 2006 an der Küste Thailands vom Tsunami überrascht wurden – das Material lief tagelang in den Nachrichtensendungen, auch in Deutschland. "Was bisher fehlte, das war der professionelle und strukturierte Weg, damit der Bürgerreporter sein Material schnell in die Redaktionen bekommt", sagt Holle. Er will das ändern.
Für den deutschen Journalistenverband ist das aus mehreren Gründen eine Horrorvorstellung. Denn die Amateurfotografen hätten meist keine Kenntnis von medienethischen Aspekten "und schaden im Zweifel dem Berufsstand der professionellen Bildjournalisten". Vor allem empört er sich darüber, "dass Amateure – gewollt oder ungewollt – einen Beitrag zum Honorardumping leisten". Sie machten es den Profis "umso schwerer, von ihrer journalistischen Tätigkeit zu leben".
"Bei uns sitzen Fotoredakteure, die sich jedes Bild genau ansehen: Ist es wirklich nachrichtlich interessant, ist es plausibel, ist es ethisch vertretbar", sagt Holle. Die EU fördert den Start von Tvype mit 100.000 Euro. Hinter der Plattform steht laut Holle aber auch ein Investor, der nicht genannt werden wolle. Der Betrieb sei "für zwei Jahre locker gesichert."
Nur Mitarbeiter von Zeitungen, Sendern und Onlinediensten könnten die aktuellsten Clips einsehen und bei Interesse zuschlagen. Der Bürgerreporter selbst kann den Preis festlegen, Tvype legt einen Aktualitätsbonus oben drauf, der mit fortschreitender Zeit wieder fällt. Will eine Redaktion einen Clip exklusiv haben, kostet das extra. "Ich gehe davon aus, dass bei lokalen Inhalten 10 bis 50 Euro möglich sind, bei Inhalten, die auch überregional interessant sind, könnten das zwischen 500 und 5.000 Euro sein. Je nach Brisanz", sagt Holle.
- Datum 08.06.2010 - 16:34 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ich bin neugierig und interessiert.
Wenn die Einspeisung der Nachrichten nicht mehr größtenteils über dpa oder reuters erfolgt, ist doch etwas gewonnen. So unwahrscheinlich hochwertig sind die meisten Beiträge, die ich in Massenzeitungen lese oder kommentiere nicht, dass sie nicht durch findige, schnelle, wissbegierige Leute ersetzt werden könnten. Und aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, dass Redakteure – und erfahrene freiberufliche Journalisten – schon ab dem ersten Jahr nicht so schlecht verdienen.
Letztendlich wird sich das Medienportal wie alle anderen Medien durch die Akzepanz des Publikums bewähren müssen. Ich verspreche mir hiervon, ähnlich wikileaks.org, umso interessantere Berichte, die eine gewöhnliche Redaktion ausgeschlagen hätte.
Desweiteren erhoffe ich mir davon, dass ich nicht mehr für jeden Vorfall selbst recherchieren muss, um realistische Aufnahmen von Geschehnissen zu bekommen. Die sog. medienethischen Regeln einer Massenzeitung wie Die Zeit z.B. überrascht mich immer wieder. Einige meiner wiss. Kollegen nennen so etwas auch Verharmlosung der Wirklichkeit oder Gewalt.
Tvype ist also mehr eine Konkurrenz für dpa als Die Zeit.
Bereits vor Jahren las ich wiss. Beiträge über die Frage, wann die Dominanz von dpa aufgelockert werden könnte. Ein spannender Versuch, der die Öffentlichkeit ingesamt gewiss qualitativ aufwerten wird.
... wie die Zeitungen bereits über die Agenturmeldungen gleichgeschaltet sind, kann man sich recht leicht vorstellen, dass man als Leser durch so einen Dienst doch noch an die ein oder andere überraschende Meldung (Meinung) kommt, wenn eine Zeitung sie nur billig einkaufen kann.
Von den Journalisten müssen nur die etwas von dem Billig-Dienst fürchten, deren Geschäftsleitung billig vor Qualität positioniert. Gut, zugegeben, das sind inzwischen fast alle.
Bis auf wenige Ausnahmen findet im Kapitalismus Konkurrenz über den Preis und nicht über die Qualität statt. Wenn wir das nicht wollen, und es uns nicht genügt, persönlich anders zu präferieren, müssen wir das System ändern.
...wie sie Produktqualität definieren. Brennt Ihnen die Bügelmaschine in der Hand ab werden Sie gewiss bereit sein, mehr für bessere Qualität auszugeben. Dies gilt insbesondere auch für geistige Leistungen. Spitzenleistungen sind auch im Journalismus dringend nachgefragt - und häufig findet man kein adäquates Angebot. Die Nische für Profis?
...wie sie Produktqualität definieren. Brennt Ihnen die Bügelmaschine in der Hand ab werden Sie gewiss bereit sein, mehr für bessere Qualität auszugeben. Dies gilt insbesondere auch für geistige Leistungen. Spitzenleistungen sind auch im Journalismus dringend nachgefragt - und häufig findet man kein adäquates Angebot. Die Nische für Profis?
...dem der Wandel der Berufe unterworfen ist. Meinen erlernten - Schriftsetzer - gibts auch nicht mehr. Die Qualität der Typographie hat in der Fläche zwar darunter gelitten - den Nachrichten (und den Kunden) scheints nicht so wichtig. Was Journalisten der bildgebenden und schreibenden Zunft betrifft: Die Profis werden sich darauf einstellen müssen - mit besserer Qualität. Ob sie das immer können wage ich zu bezweifeln. Die aktuelle politikjournalistische Arbeit der letzten 3 Wochen in der deutschen Presse beweist eigentlich eher das Gegenteil. Wo die Meinungsvielfalt bis fast zur Gleichschaltung zusammenschrumpfte.
Solange Hobbyreporter keine Gesetze brechen ist es schlicht und einfach eine Entwicklung die absehbar war.
Und grundsätzlich - viele "Profis" sind einfach überteuert - zum Beispiel bei Photos - viele Hobby Photographen können genauso gute oder bessere Bilder schießen - diese stellen viele dann auch noch frei zu Verfügung falls sie es tun - man schaue nur einmal auf Flickr.
Beispiel: http://www.flickr.com/pho...
Und zum Thema "medienethische Aspekte" - was soll ich darunter verstehen? Es wird doch heute alles gedruckt... egal ob die Photos legal oder illegal entstanden sind... - und ich denke es ein Unternehmen welches Photos von Hobbyphotographen abietet wird doch wohl prüfen ob es bei einem Photo legale Bedenken gibt.
Und wenn eine Zeitschrift ethische Bedenken haben sollte - sie muss es doch nicht nutzen?
Könnte dies eventuell ein wenig erläutert werden?
Das gleiche gilt für Texte - man muss nicht journalist sein um Gutes zu schreiben.
Die Befürchtung dass man die Authentizität von Beiträgen schwer prüfen kann sehe ich grundsetzlich als gerechtfertigt an - aber wie kann ich das als Leser bei "seriösen Zeitschriften" tun?
Man erinnere sich an den Russland/Georgien Konflikt - zuerst hieß es Georgien hätte Russland proviziert - in jeder Zeitschrift (NY Times, TimesOnline, Zeit) - dann urplötzlich änderte die Presse die Meinung
und es war Russland welches das "arme" Georgien angegriffen hat...
Propaganda auf die moderne Art?
...wie sie Produktqualität definieren. Brennt Ihnen die Bügelmaschine in der Hand ab werden Sie gewiss bereit sein, mehr für bessere Qualität auszugeben. Dies gilt insbesondere auch für geistige Leistungen. Spitzenleistungen sind auch im Journalismus dringend nachgefragt - und häufig findet man kein adäquates Angebot. Die Nische für Profis?
eben, egal in welchem Sektor. Trotzdem immer wieder eine erschreckende Erscheinung, plötzlich gilt keine Anstandsregel mehr.
In Wirklichkeit zeigt sich das Internet als einmal mehr Jahrtausendinnovation und revolutionäres Instrument für mehr Freiheit für ALLE.
Profischreiber wird es weiterhin geben, echter Wettbewerb ist auch in diesem Sektor nur von Vorteil, für den Konsumenten und der Qualität grundsätzlich eben nicht abträglich.
Zum aktuellen Informatonsangebot der (Online-) Medienauftritte, Blogs, Portale und Twitter ist Tvype nur die längst überfällige Ergänzung.
Wie schwer sich die "alten" Medien tun die eigene Betriebsblindheit zu überwinden sieht man doch wunderbar, quer über alle Publikationen, an deren Internetauftritten resp. ängstlichen Versuchen den User einzubinden.
"Vor allem empört er sich darüber, "dass Amateure – gewollt oder ungewollt – einen Beitrag zum Honorardumping leisten".
Das gibt es längst in anderen Branchen auch, nennt sich dort Lohndumping.
„Denn die Amateurfotografen hätten meist keine Kenntnis von medienethischen Aspekten… "
Was wollen Amateurfotografen noch anbieten, was die Welt nicht schon gesehen hat?
Letztlich entscheidet immer noch die publizierende Zeitung /Journal zu "medienethischen Aspekten" unter/bei Beachtung gesetzlicher Bestimmungen.
Ein Problem könnte allenfalls die "Art und Weise der Beschaffung" einzelner Aufnahmen sein, was jedoch derjenige, welcher den Schnappschuss abliefert, vertreten muss.
Viel eher muss man sich die Frage stellen, ob nicht die Medien von Schnappschüssen eines Amateurs erheblich profitieren können, weil dieser in Unkenntnis des Marktes weit unter Preis anbietet, denn:
„Der Bürgerreporter selbst kann den Preis festlegen, Tvype legt einen Aktualitätsbonus oben drauf…“
„bei Inhalten, die auch überregional interessant sind, könnten das zwischen 500 und 5.000 Euro sein. Je nach Brisanz", sagt Holle.“
Hier richtig betroffen könnten wohl eher die Paparazzis sein, welchen dann eben für nen simplen „Nipplegate Alert“ keine 200 Riesen mehr kassieren.
"Die Redaktion kennt die Anbieter nicht und weiß nicht, ob das Material authentisch ist", mahnt Zörner.
Ja, ja.. .könnte durchaus ein Problem sein, aber warum fällt mir da nur gleich der Kujau ein…
Zitat Artikel "Denn die Amateurfotografen hätten meist keine Kenntnis von medienethischen Aspekten " Ist damit "Medienethik" ala Gladbecker Geiseldrama gemeint.
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