Soziale Netzwerke Alle anderen sind auch bei FacebookSeite 2/2

Das dahinterliegende Phänomen heißt: Digitalisierung. Wir erleben derzeit, dass alles, was es auch in der analogen Welt gibt, seine Entsprechung im Digitalen findet. Es ging los mit dem „Desktop“, dem „Arbeitsplatz“, der eine verpixelte Wiedergabe des eigenen Schreibtisches war, mit seinen Ordnern und dann auch einem Mülleimer. Es erwischte den Brief (E-Mail). Google entwickelte nicht nur das erfolgreichste Findbuch (den Google-Suchschlitz) für das in Daten übersetzbare Weltwissen (Internet), dort im Netz verwandelten sich auch Einkaufsläden (Online-Shops) und Flohmärkte (Ebay), Straßenkarten (Google Maps) und Bücher (eBooks) in Alltagshilfen, die ohne Anfahrtsweg und Stauraum auskamen, in Daten nämlich (die man einfach herunterladen kann, verschicken und weiterverwursten). Alles, was niet- und nagelfest ist, bekommt derzeit seine immaterielle Kopie.

Und nicht nur das. Die Digitalisierung umfasst eben nicht nur Schreibtische und Papierkörbe, sondern auch Zwischenmenschliches, Unaussprechliches, Kunst und sogar Kriege. Man denke nur an die Auseinandersetzungen zwischen AppleAnhängern und ihren Gegnern, die einander inzwischen bekriegen wie einst Katholiken und Protestanten.

Facebook ist , was in der analogen Welt „eher so Bekannte“ sind. Bei der Beobachtung, wie das Internet mit Cliquen und Netzwerken umgeht, welche Buttons, Funktionen und Prioritäten es sich dafür erfindet, kann man interessante Rückschlüsse ziehen auf das analoge Leben. Zum Beispiel kann man plötzlich sehr leicht untersuchen, dass bestimmte Lebenseinstellungen oder sogar Dickleibigkeit sich in Freundeskreisen parasitär verbreiten. Das allein ist ziemlich spannend.

Noch interessanter und vor allem diskussionswürdig wird es immer da, wo Friktionen auftreten. Wo Bezüge plötzlich verändert werden durch ihre Übertragung in die Welt der Daten. Wo bei dem Versuch, Freundschaften im Netz abzubilden, etwas herauskommt, was eigentlich den Namen nicht mehr verdient. Oder, daher das große Thema Datenschutz : Wo die Trennung zwischen öffentlich und privat eine neue Bedeutung bekommt, einfach nur, weil man früher im Dorf zwar viel weniger Privatsphäre genoss, man aber heute im Zweifel vor der ganzen Welt nackt dasteht, wenn man sich online einmal auszieht. Und das vielleicht nie wieder rückgängig machen kann. Denn das Erinnern funktioniert anders in der Datenwelt, viel langfristiger. Außerdem will noch jemand Profit schlagen, derjenige nämlich, der Arbeit in die Software investiert hat und nun die Daten auf seinen Servern pflegt. Wo Freundschaft früher kostenlos war, hat heute das Gewinninteresse (von Facebook, Google, Twitter) Einfluss auf die Strukturen, weil all das zu einer Frage der geschickten Programmierung wird.

Facebook macht vieles auch besser. Es kommt zum Beispiel den Ängstlichen und Kontaktscheuen entgegen, im Grunde der Mehrzahl der Menschen. Es ist viel einfacher, eine Freundschaftsanfrage zu verschicken, als jemanden in der Kneipe anzusprechen. Und wen man alles ansprechen kann! Menschen werden verfügbar, die man sonst nie getroffen hätte. Und erstaunlicherweise antworten sie sogar. Und man kann ein bisschen hin- und herchatten. Und sich ihrer Bilder angucken. (Und den Typen stalken, den man schon immer sexy fand.)

Natürlich darf man darüber das echte Leben nicht vergessen. Das tatsächlich anders funktioniert. Das ist ja das Spannende daran. Sagt ja keiner, die Kneipe, das ist das echte Leben.

(Der Artikel erschien zuerst imTagesspiegel)

 
Leser-Kommentare
  1. Zu den Vorteilen gehört in meinen Augen, blitzschnell mit Freunden Termine abmachen zu können. Die Organisation geht erheblich leichter als über Mailverteiler oder gar per SMS.

    Die größten ABERs sind die Öffentlichkeit des Ganzen und die Durchdringung der Community durch die Privatwirtschaft. Ich halte gleichwohl die Kontrollmöglichkeiten seitens des einzelnen Users für groß genug (meine Freundesliste kontrolliere ich ebenso wie die Optionen, mich finden oder gar auf Fotos verlinken zu können). Dass man seine Daten nicht vollkommen für sich behält, halte ich da für kritisch, wo die Hemmschwelle, mehr von sich preis zu geben, bewusst niedrig gesetzt ist. Das aber ist inzwischen derart viel durch die Medien gegangen, dass der Einzelverantwortung der User viel zugemutet werden kann.

    Das Meckern über Facebook halte ich für etwas scheinheilig.

    • Isaidy
    • 26.07.2010 um 12:55 Uhr
    2. Naja,

    ich gehöre zu den Dinosaurien, deren Namen sich im Internet nicht googlen lassen, die über kein Handy verfügen, weil sie keinen Wert darauf legen, ständig und überall erreichbar zu sein und die mit der Pseudogeselligkeit in einem Internetforum nichts anfangen können. Wo sind denn da die Freunde, die einem wirklich aus der Patsche helfen, wenn man reale Probleme hat? Ich muss sagen, es lebt sich ganz gut ohne jenes Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, dass das Internet befördert durch flache "Freundschaftsanfragen", die mir meine Beliebtheit und Wichtigkeit vorgauckeln sollen, mich aber letztendlich ziemlich alleine dastehen lassen. Und zu meinen wirklichen Freunden kann ich auch per gutem alten Festnetz oder Email Kontakt halten.

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    • je85
    • 26.07.2010 um 17:17 Uhr

    Das ist ja gerade nicht der Fall, dass man durch Facebook keine realen Freunde mehr hat. Absolut unhaltbare diese These. Diese Wort "Freundschaft" in Facebook bezeichnet nur eine Verbindung zwischen dir und einer anderen Person in FB. Ich hab da durchaus auch Leute als Freunde die ich in der Realität nicht so mag, allerdings kommt man sich selbst dort etwas näher, weil die Perosn in Wirklichkeit gar nicht dem Bild entspricht, das man von ihr aus dem "Real life" hat, und man dort ganz andere Facetten kennen lernt.
    Auch trotz FB habe ich einen engen Freundeskreis der sich aber zunehmend in der größeren Bekanntschaft orientiert und kommuniziert. Wo liegt dabei denn das Problem?

    • je85
    • 26.07.2010 um 17:17 Uhr

    Das ist ja gerade nicht der Fall, dass man durch Facebook keine realen Freunde mehr hat. Absolut unhaltbare diese These. Diese Wort "Freundschaft" in Facebook bezeichnet nur eine Verbindung zwischen dir und einer anderen Person in FB. Ich hab da durchaus auch Leute als Freunde die ich in der Realität nicht so mag, allerdings kommt man sich selbst dort etwas näher, weil die Perosn in Wirklichkeit gar nicht dem Bild entspricht, das man von ihr aus dem "Real life" hat, und man dort ganz andere Facetten kennen lernt.
    Auch trotz FB habe ich einen engen Freundeskreis der sich aber zunehmend in der größeren Bekanntschaft orientiert und kommuniziert. Wo liegt dabei denn das Problem?

    • sauce
    • 26.07.2010 um 13:02 Uhr

    Facebook ist ne prima Sache wenn man einige Regln beachtet - und wenn man nicht der Sucht verfällt soviele Freunde wie möglich anzuhäufen.
    Meine Facebook-Freunde sind nur Personen, die ich auch persönlich kenne und die mir so nahe stehen, daß ich sie auch an meinem Tisch sitzen haben möchte. Anfragen von "Freunden von Freunden" lehen ich ab.
    Wer nicht mein "Freund" ist, hat keinen Zugriff auf infos.
    Ab und zu wird die Freundesliste auch mal aufgeräumt, Karteileichen werden entsorgt.

    Die Anzahl meiner Freunde bleibt überschaubar,ich weiß wer meine Fotos anschaut und bin damit einverstanden weil meine Freunde so an meinemLeben teilhaben können. Facebook ist sehr geeignet, den Kontakt zu weit entfernt lebenden Freunden unkompliziert zu halten, zumal wenn diese in einer anderen Zeitzone wohnen.
    Fazit: richtig genutzt ist facebook eine hilfreiche Ergänzung um in Kontakt zu bleiben - nicht mehr und nicht weniger.

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    Ihrem Kommentar kann ich mich nur anschließen. Als "Freunde" tauchen bei mir nur Leute auf, die ich auch im echten Leben kenne. Gerade nach zwei Auslandsaufenthalten empfinde ich es als sehr angenehm und "praktisch", alle damals engeren Kontakte versammelt zu haben und dadurch halten zu können bzw. reaktiviert zu haben. Auch überprüfe ich regelmäßig meine "Datenspur"; unter meinem vollständigen Namen bin ich schon seit einer Weile nicht mehr zu finden- die mir wichtigsten Leute sind bereits in der Liste.

    Interessant ist übrigens das Ansehen der sozialen Netzwerke bei Arbeitgebern: in Deutschland wird in Bewerbungsratgebern etc. immer davor gewarnt, weil die AG dies einem negativ auslegen könnten.
    In Finnland schauen AG auch nach, aber wenn sie einen nicht finden, gilt man schnell als unkommunikativ und langweilig (nach Aussage finnischer Freunde).

    Ihrem Kommentar kann ich mich nur anschließen. Als "Freunde" tauchen bei mir nur Leute auf, die ich auch im echten Leben kenne. Gerade nach zwei Auslandsaufenthalten empfinde ich es als sehr angenehm und "praktisch", alle damals engeren Kontakte versammelt zu haben und dadurch halten zu können bzw. reaktiviert zu haben. Auch überprüfe ich regelmäßig meine "Datenspur"; unter meinem vollständigen Namen bin ich schon seit einer Weile nicht mehr zu finden- die mir wichtigsten Leute sind bereits in der Liste.

    Interessant ist übrigens das Ansehen der sozialen Netzwerke bei Arbeitgebern: in Deutschland wird in Bewerbungsratgebern etc. immer davor gewarnt, weil die AG dies einem negativ auslegen könnten.
    In Finnland schauen AG auch nach, aber wenn sie einen nicht finden, gilt man schnell als unkommunikativ und langweilig (nach Aussage finnischer Freunde).

  2. Ich bin gewiss kein eiserne Verweigerer, gehe schon seit 1995 ins Fitnessstudio und habe zur gleichen Zeit ein Handy gekauft. Mein Musikgeschmack ist nicht in den 80ern hängengeblieben, und ich habe einen eigenen Blog. Ich sehe, wie mein Bekanntenkreis Facebook nutzt, und wie dort Mini-Informationen augetauscht werden. An Weihnachten hat mir eine Freundin gezeigt, wie ein Bekannter das Werden seines Gänsebratens stündlich auf Facebook kommentierte, und - "Fünf Mitglieder mögen das." Das ist alles hübsch, aber nicht notwendig.

    Mein wirklicher Grund für die Enthaltsamkeit ist jedoch, dass ich dem Gründer Mark Zuckerberg nach allem, was ich über ihn gelesen habe und wie ich ihn in Interviews erleben durfte (z.B. mit Mossberg - ein sehr entlarvender Auftritt) nicht zutraue, wirklich verantwortungsvoll mit unseren Daten umzugehen. Das kann auch nicht seine Absicht sein, denn Facebook kann nur über den Verkauf von Informationen viel geld verdienen. Dieser Junge will reich werden, koste es, was es wolle. Wie es aussieht, wird er das schaffen. Ich möchte ihn dabei lieber nicht unterstützen.

  3. Facebook ist gruselig. Es macht abhängig und depressiv. Irgendwann hacke ich mich in das System ein und zerstöre dieses ganze Phänomen "Facebook". ;)

  4. 6. Genau

    Ihrem Kommentar kann ich mich nur anschließen. Als "Freunde" tauchen bei mir nur Leute auf, die ich auch im echten Leben kenne. Gerade nach zwei Auslandsaufenthalten empfinde ich es als sehr angenehm und "praktisch", alle damals engeren Kontakte versammelt zu haben und dadurch halten zu können bzw. reaktiviert zu haben. Auch überprüfe ich regelmäßig meine "Datenspur"; unter meinem vollständigen Namen bin ich schon seit einer Weile nicht mehr zu finden- die mir wichtigsten Leute sind bereits in der Liste.

    Interessant ist übrigens das Ansehen der sozialen Netzwerke bei Arbeitgebern: in Deutschland wird in Bewerbungsratgebern etc. immer davor gewarnt, weil die AG dies einem negativ auslegen könnten.
    In Finnland schauen AG auch nach, aber wenn sie einen nicht finden, gilt man schnell als unkommunikativ und langweilig (nach Aussage finnischer Freunde).

    Antwort auf "Gebrauchsanweisung"
    • Buh
    • 26.07.2010 um 13:34 Uhr

    ...Über Facebook nervt. Ständig werd ich damit bombaridert. Mitlerweile muss Facebook immer angeführt werden, wenn man ebweisen will dass viele leute für eine Sache sind... Als wäre das irgendwie representativ....Die Medien kommen mir manchmal so INternet-Fern vor. Wie Alte Leute, die versuchen zu vertsehen wie ein Gameboay funktioniert. Entsprechend wird dann davon berichtet.

  5. Aus dieser Sicht verstehe ich jetzt das Zeit-Redaktions Facebook/StudiVZ und auch deren Apple Problem. Man muss nur mal über die ganzen Party-Bilder und Metaphern nachdenken die Sie nutzen. Klingt für mich alles ziemlich nach dem Wunsch hip zu sein und - wie Sie schon schreiben - zu gefallen. Manchmal ist es hipper nein zu sagen oder sein eigenes Ding zu machen.

    Dabei ist es egal wie man sein Handy, seinen Apple oder facebook nutzt. Es geht um das WIE und das WARUM. Und das kommt hier leider und auch den Apple Artikeln immer zu kurz.

    It's hip to be square.

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    • je85
    • 26.07.2010 um 17:19 Uhr

    Du meinst es geht nicht darum OB man es benutzt sondern wie man es benutzt. Da stimme ich dir voll und ganz zu. Aber es ist doch mit allem so!

    Nein. Bei facebook sehe ich die Dinge anders als Frau Klopp. Ich brauche dafür auch keine Küchepartyfloskeln.

    Letztendlich macht man sich und seine Freunde bei facebook zu einem Produkt. Dies passiert bei Mail, Twitter-Alternativen und vielen anderen Dinge wie Blogs u. ä. in dieser Art so nicht. Man kann auch anders in Kontakt bleiben.

    Gäbe es im Artikel mehr Argumente als Plattitüden und Schubladen könnte man ihn diskutieren. So nicht. Selbst für eine Glosse reicht er nicht.

    • je85
    • 26.07.2010 um 17:19 Uhr

    Du meinst es geht nicht darum OB man es benutzt sondern wie man es benutzt. Da stimme ich dir voll und ganz zu. Aber es ist doch mit allem so!

    Nein. Bei facebook sehe ich die Dinge anders als Frau Klopp. Ich brauche dafür auch keine Küchepartyfloskeln.

    Letztendlich macht man sich und seine Freunde bei facebook zu einem Produkt. Dies passiert bei Mail, Twitter-Alternativen und vielen anderen Dinge wie Blogs u. ä. in dieser Art so nicht. Man kann auch anders in Kontakt bleiben.

    Gäbe es im Artikel mehr Argumente als Plattitüden und Schubladen könnte man ihn diskutieren. So nicht. Selbst für eine Glosse reicht er nicht.

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