Menschen ohne Mobiltelefon sind eine aussterbende Spezies. Aber an ihnen fällt am meisten auf, wie sehr sich unser Verabredungsverhalten verändert hat. Termine mit solch handylosen Menschen kann man nämlich nicht einfach absagen. Und man muss sich mit ihnen an einem übersichtlichen Ort verabreden. Ein: "Ich stehe da drüben, neben dem Dings ... äh, ich seh dich schon, warte!" geht da nämlich nicht.

Digitale Medien haben die Art, wie man Termine macht und miteinander kommuniziert, sehr stark verändert. Und wie es einen Knigge gibt, der festlegen will, ob man nach dem Essen im Restaurant die Kerze auspusten darf (nie!) oder ob der Gastgeber den Raum als Erster betritt (unbedingt!), hält die Telekom jetzt mit ihren 101 Leitlinien nach ebensolchen Benimmregeln für die digitale Welt Ausschau. Um damit Fragen zu beantworten, wie: Darf man eine neue Bekanntschaft vor dem ersten Date googlen? Wer ruft wen an, wenn die Handy-Verbindung plötzlich abreist? Oder: Darf man Mails schreiben, die länger sind als ein Roman von Thomas Mann?

Ohne repräsentativ sein zu wollen, sind die Leitlinien das Ergebnis von mehreren Workshops und Befragungen, die das Team des Creation Centers der Telekom Laboratories mit allen Altersgruppen geführt hat. Mitgearbeitet haben außerdem Gesche Joost, Professorin für Interaction Design an der TU Berlin , die Masterstudierenden des Royal College of Art in London und die Deutsche Knigge Gesellschaft .

Die dabei formulierten Leitlinien sollen nicht in Stein gemeißelt sein. Auf der nun freigegebenen Website können Nutzer die Regeln bewerten und kommentieren. Regeln mit schlechten Bewertungen fallen raus, neue können hinzugefügt werden. Am beliebtesten sind derzeit: "Nutzt Du einen neuen Kommunikationskanal, beobachte zuerst und erkunde die grundlegenden Verhaltensregeln", sowie: "Stelle nur Bilder ins Netz, die Deine Mutter freigeben würde." Auch gut bewertet: "Beim ersten Kontakt sollte eine korrekte Anrede und Grußformel verwendet werden. Danach gerne lockerer formulieren."

Nun diente vielen Menschen der Knigge (eigentlich heißt das Buch des Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen ) seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1788 nicht einzig dazu, das gesellschaftliche Miteinander angenehmer zu gestalten. Benimmregeln wurden auch zu einem nicht zu unterschätzenden Unterscheidungsmerkmal. Der Darmstädter Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann etwa hat in mehreren Studien darauf hingewiesen, dass es um die soziale Mobilität in Deutschland nicht gut bestellt ist. Und dass man zum Manager geboren wird und nicht durch Leistung überzeugt, liegt auch daran, dass den gehobenen Schichten schon von Anfang an in die Wiege gelegt ist, wie man mit seinesgleichen zu verkehren hat. Ein beliebtes Beispiel Hartmanns ist die Verwendung des Genitivs – wer ihn nicht beherrscht, für den ist deutlich früher Schluss auf der Karriereleiter.