Pro-Ana Löschen hilft nicht gegen Magersucht

Webseiten zu löschen, die Magersucht glorifizieren, hilft wenig. Foren wie Pro-Ana sind für viele magersüchtige Mädchen eher Selbsthilfegruppe und emotionale Stütze.

Bei Magersucht ist die Kontrolle über das eigene Gewicht zum Zwang geworden. Einige Pro-Ana-Foren verlangen, dass man sich mindestens einmal pro Woche mit einem Posting auf der Seite beteiligt

Bei Magersucht ist die Kontrolle über das eigene Gewicht zum Zwang geworden. Einige Pro-Ana-Foren verlangen, dass man sich mindestens einmal pro Woche mit einem Posting auf der Seite beteiligt

" Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein ." Oder: "Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere." – Das sind die Merksätze von sogenannten Pro-Ana-Anhängerinnen. Pro-Ana heißt: Pro Anorexie, für Magersucht. Klingt ein bisschen wie: "Magersucht ist toll" und "Der richtige Lifestyle für den jungen Menschen von heute".

Als Politiker und Pädagogen diese Seiten vor ein paar Jahren im Netz entdeckten , meistens alarmiert durch kritische Medienberichte, reagierten sie schockiert. Natürlich war sofort der Wunsch da, etwas zu unternehmen. Die Mädchen sollten einander doch nicht gegenseitig in die Magersucht treiben. Anorexie ist die psychische Krankheit mit der höchsten Sterberate. Die Initiative jugendschutz.net beschloss, die Seiten aktiv zu bekämpfen und aus dem Netz zu löschen.

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Doch gut gemeint ist manchmal tatsächlich das Gegenteil von gut. Die Zahl der Portale, die Magersucht propagieren, nimmt seit Beginn der Restriktionen eher zu als ab. "Ich halte nichts von Löschungen", sagt deshalb die Kölner Psychologin Christiane Eichenberg. "Denn nach jeder Schließung suchen sich die Betreiberinnen und Nutzerinnen einen neuen Platz im Web – das Angebot wird also nicht wirklich geschlossen, sondern zieht lediglich um." Eichenberg hat gerade eine aktuelle Studie zu Pro-Ana-Nutzerinnen gemacht. Nutzerinnen ist dabei übrigens fast richtig, unter den 220 Studien-Teilnehmern befanden sich gerade mal fünf Männer.

Dass der Kampf gegen Pro-Ana im Netz etwas von Don Quichottes Feldzug gegen Windmühlen hat, muss auch jugendschutz.net zugeben. Selbst wenn im aktuellen Bericht zunächst positiv vermerkt wird, es sei in 94 Prozent der Fälle gelungen, derartige Netzangebote zu beseitigen. Gleichzeitig ist aber laut dem Bericht die Zahl der Portale im Vergleich zu 2008 um 31 Prozent gewachsen. 328 deutschsprachige Portale gibt es heute.

Der Bericht hält überdies fest, dass sich die Maßnahmen gegen Pro-Ana-Inhalte in der Szene herumgesprochen hätten. "Um nicht so einfach entdeckt zu werden, werden Zweitprofile mit positiven Bezeichnungen wie 'Stay Strong' angelegt oder typische Inhalte versteckt." Was im Zweifel heißt: Heute kommt man noch schlechter an die Betroffenen heran als früher. Eichenberg bestätigt, wie wichtig den Teilnehmerinnen die soziale Exklusivität sei. Bei zwei Dritteln wisse niemand aus dem "realen" Umfeld von ihren Pro-Ana-Aktivitäten. "Jugendlichen ist es extrem wichtig, unter sich zu sein", sagt Eichenberg. "Das ist für diese Entwicklungsphase einfach typisch."

Deshalb hat sich die Psychologin übrigens auch nicht selbst in einem der Foren angemeldet, um die Mädchen dort auszuschnüffeln. "Es wäre mir unethisch vorgekommen, mich mit ausgedachten Angaben dort einzuloggen", sagt die normalgewichtige Wissenschaftlerin.

Viele Foren haben hohe Eintrittshürden. Es gibt zum Beispiel Gruppen, in denen muss man jeden Tag ein Foto von den eigenen Füßen auf der Waage einschicken. Andere haben eine Mindestbeteiligung zur Voraussetzung, erzählt Eichenberg. Ein Posting pro Woche, oder man ist wieder draußen. Eichenberg hat stattdessen die Forenbetreiber darauf hingewiesen, dass sie Mädchen sucht, die ihre Fragebögen ausfüllen und um Vermittlung gebeten.

Leser-Kommentare
  1. Welche Werbung bietet google-ads zum Artikel an?

    "Endlich weg: Fresssucht" Wie ich es dauerh. geschafft habe Jetzt schauen geschockt sein! Richtig-Erfolgreich-Abnehmen.com

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    Ich weiß, irgendwie muss eine Zeitung ihren online-Auftritt finanzieren. Aber wären nicht zumindest minimale ethische Standards denkbar?

  2. Bei mir steht bei den Google Ads

    Abnehmen ohne Hungern?
    Durch richtige Ernährung mindestens 3 kg pro Woche abnehmen, dauerhaft.

    Kann man die Werbung die bei AdSense erscheint denn beeinflussen?

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Man muß sich mal die Aktivitäten von "jugendschutz.net" mal betrachten. Da hat sich unter dem Deckmäntelchen des Jugendschutzes eine der größten Zensurbehörden Deutschlands entwickelt. Egal, ob es wie in diesem Artikel um Magersüchtige geht, oder um sexuelle Neigungen, oder andere "moralisch verwerfliche" Themen. Es darf nicht sein, was nicht sein soll. Mit Methoden, die an das grenzwärtige Verhalten von Abmahnvereinen oder Inkassofirmen erinnert, werden vor allem private, kleine Webseiten ins Aus getrieben. Man baut gegenüber Webseitenbetreibern eine brutale Drohkulisse mit Strafanzeigen und Klagen auf, selbst wen ganz offensichtlich keine Gesetzesverstöße vorhanden sind. Ich meine keine Webseiten mit Pornos oder Aufrufe zu gesetzwidrigem Verhalten, sondern FAQ's (frequently asked questions = häufig gestellte Fragen), Foren und Blogs. In meinen Augen ein klares Vorgehen gegen die freie Meinungsäußerung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Etwas anderes als halbfaschistischer Zensurfetischismus steht ja auch nicht zu erwarten, wenn der vollumfängliche Anspruch "jugendschutz.net kontrolliert das Internet" schon auf der Startseite erhoben wird.

    Etwas anderes als halbfaschistischer Zensurfetischismus steht ja auch nicht zu erwarten, wenn der vollumfängliche Anspruch "jugendschutz.net kontrolliert das Internet" schon auf der Startseite erhoben wird.

  5. Etwas anderes als halbfaschistischer Zensurfetischismus steht ja auch nicht zu erwarten, wenn der vollumfängliche Anspruch "jugendschutz.net kontrolliert das Internet" schon auf der Startseite erhoben wird.

  6. ist die Bundesstelle für Volksnormierung, Abteilung Nachwuchs, und hat zur Aufgabe Neugierde, Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit von Menschen zu unterbinden. Der Hintergrund ist politisch korrekt nicht nachvollziehbar vermittelbar. Wie auch?

    • sjuju
    • 20.07.2010 um 22:19 Uhr

    Ob vielleicht manche der Nutze gar nicht magersüchtig sind, aber es vielleicht "werden wollen" bzw. einfach abnehmen wollen? Also praktisch pro-Ana als Diätforum benutzen um von Leuten zu hören, die es "geschafft" haben. Und dort dem Zwang unterworfen zu sein, sich jeden Tag zu wiegen und es online zu stellen etc.?

    • ztc77
    • 20.07.2010 um 23:44 Uhr

    Ich habe sehr viele "magersüchtige" Frauen und Mädchen kennengelernt und - das möchte ich besonders hervorheben - sie als besonders wertvolle Persönlichkeiten schätzen gelernt. Und ich finde, dieser Aspekt sollte AUCH in einem solchen Artikel erwähnt werden. Man erlebt dort eine hohe Sensibilität für Rituale der sexuellen und partnerschaftlichen Anziehung, eine starke Auseinandersetzung mit männlichem Forderungsverhalten gegenüber der weiblichen Figur wie z.B. mit dominant vorgelebtem Busenfetischismus etc.. Ich hatte immer den Eindruck, dass die anorektische Neigung in direktem Zusammenhang stand mit einer elterlichen oder sonstigen Übergriffshaltung. Von daher hätte ich mich sehr gefreut, wenn der Artikel mehr konkrete Anhaltspunkte enthalten hätte, evtl. im Interview mit Psychologin Eichenberg, - aber das kann ja vielleicht noch werden.
    Anorexie gehört zu den Neigungen, die in anderen Menschen vorschnelle "Alarmiertheit" und Ablehnung hervorrufen können. Insofern hätte ich mir gewünscht, dass Frau Eichenbergs Betonung auf einem respektvollen Umgang mit diesen Frauen in Ihrem Artikel mehr Breite erfahren hätte. Trotzdem meinen Dank,
    ein Mann

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