WatchblogsWächter über dem Mainstream

Watchblogs sind ein gesellschaftliches Desinfektionsmittel. Denn Öffentlichkeit ist das beste Mittel gegen Lügen und Rassismus. von 

Watchblogs wollen beobachten und versuchen, auf Missstände aufmerksam zu machen

Watchblogs wollen beobachten und versuchen, auf Missstände aufmerksam zu machen  |  © Stephen Hird/Reuters

Ende März veröffentlichte Wikileaks ein geheimes Strategiepapier der CIA: Der US-Geheimdienst beschrieb darin, dass die Mehrheit der Deutschen und Franzosen zwar gegen den Krieg in Afghanistan sei, dass aber "der niedrige öffentliche Stellenwert des Themas" beiden Regierungen erlaube, trotzdem immer mehr Soldaten zu entsenden: "Berlin und Paris haben die dritt- und vierthöchste Beteiligung in der Afghanistan-Schutztruppe, obwohl 80 Prozent [der Bürger] gegen eine Verstärkung sind."

Einige Journalisten griffen das Thema auf und verfassten Analysen. Auch der IT-Experte Felix von Leitner, bekannt als Blogger und Mitglied des Chaos Computer Clubs, schrieb über das Dokument – in simpler, aber pointierter Sprache: Ihm stach besonders der "Lösungsansatz" der CIA ins Auge. Europäer, fanden die amerikanischen Propaganda-Experten, könnten durch persönliche Appelle Barack Obamas erweicht werden, Deutsche besonders gut mit Berichten über afghanische Frauenschicksale: "Dieses Dokument muss mehr in den Mainstream!", fand von Leitner und schrieb: "Also los, twittert, bloggt, und sprecht mit euren Bekannten darüber."

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Wirtschaftsskandale und Korruption, Kampagnen und Lügen: Täglich linkt Fefes Blog auf zehn bis fünfzehn Meldungen aus der Tagespresse und dem Netz. Mit einem großen Schuss Süffisanz zieht von Leitner eigene, pessimistische Schlüsse. Oft ist er nah an der Verschwörungstheorie, doch oft zeigen sich in der Häufung und Sammlung seiner Links brisante Zusammenhänge.

Auf carta bloggt eine Gruppe Netz- und Wirtschaftsexperten über Tagespolitik und die Zukunft des Journalismus. Der Newsticker auf telepolis behält auch Themen wie Umweltschutz, Familienpolitik und Bildung im Auge. Beide Portale wurden mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet und erfüllen – gut vernetzt, aber einen notwendigen Schritt entfernt vom Rundfunk und den klassischen Medien – eine wichtige Wächter- und Kontrollfunktion.

Mit dem Aufdecken von Lügen, Fehlern und Schleichwerbung in Print- und Onlinezeitungen wurde Bildblog, gegründet 2004, zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Watchblogs: Kleine Verwechslungen und Patzer werden fröhlich abgewatscht – leichte Lektüre für die Kaffeepause. Oft aber deckt die Redaktion auch Hasskampagnen und Favoritismus auf und zeigt, im gut recherchierten Kontext, wie perfide versucht wird, öffentliche Meinung zu manipulieren.

Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier bloggt auch in einem viel gelesenen, persönlichen Blog über die Medienlandschaft. Für kritische Beobachtung von PR- und Medienfragen empfiehlt sich außerdem Indiskretion Ehrensache, das Blog des ehemaligen Handelsblatt-Reporters Thomas Knüwer. Und die Grauzonen zwischen Sport und Politik behält Jens Weinreich im Auge.

All diese Seiten verbinden Expertise und aufklärerische Leidenschaft mit den Stärken der Blogs: Geschwindigkeit, Vernetzung, flexible Formen. Doch Watchblogs sind mehr als eine Plattform, auf der Medienmenschen über miese Kollegen und Verlage schimpfen. Viele Interessen- und Randgruppen dokumentieren durch Media Monitoring Diskriminierung und schaffen klare Gegenstimmen.

Leserkommentare
  1. Ich vermisse einen kleinen, aber feinen Blog zu den rechtsradikalen und rechtsextremen Strömungen, der sich insbesondere mit einer selbsternannten "politisch unkorrekten" Seite beschäftigt und deren schamlose Lügen aufdeckt: http://www.politblogger.eu/

  2. Im politischen Bereich vermisse ich http://www.nachdenkseiten.de

  3. Weiterhin zu erwähnen wäre der npd-blog, der sich bei weitem nicht nur mit dieser Partei, sondern mit "rechtsextremen" Tendenzen im Allgemeinen befasst.

  4. Oder sind es nur Zensoren, deren Tätigkeit der heutigen Technik (Internet) angepaßt wurde?
    Einige der im Artikel erwähnten blogs kenne ich auch: Da wird die Wahrheit auch ganz geschickt gebeugt, da wird der "Gegner" in einer Art niedergemacht, dass es jeder Propagandaabteilung zur Ehre gereicht.

    Da die Meinungsmacher durch aktive Bürger immer mehr im Zeitalter des Internets ihr Monopol verlieren, haben sie "watchblogs" erfunden. So jedenfalls mein Eindruck.
    Es stimmt zwar: Je öfters man eine Lüge wiederholt, desto eher wird sie geglaubt, aber gottseidank läßt sich heute die Wahrheit genauso wenig untersdrücken, wie zu Metternichts Zeiten.

    Was Heinrich Heine von Zensoren hilt, sollte jeder wisssen... .daran hat sich nix geändert, auch wenn sie sich heute z.T. "watchblog" nennen.

  5. Anonym und ohne weitere Diskussion wird jeder Bürger, der solchen Bloggern irgendwo auffällt, weil der Klarname genannt wurde, zum Freiwild für ehrabschneidende Treibjagden. Die Zukunft wird dieses Treiben erst wieder berichtigen, wenn jeder Bewohner ohne Ausnahme mit Bild und - kritischem - Portrait im Netz erscheint, dann steht auch unser Watch-Blogger plötzlich öffentlich am Pranger und hat sein Leben gegenüber uneinsichtigen mitleidslosen Menschen zu "verantworten".

  6. "Zensur (censura) ist ein politisches Verfahren,[1] um durch Massenmedien oder im persönlichen Informationsverkehr vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte ... Inhalte zu unterdrücken und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Inhalte veröffentlicht ... werden"

    Sie betreiben da (absichtsvoll?) Begriffsverwirrung. Wenn ein Blog wie die Nachdenkseiten - von mir aus auch subjektiv - Hintergründe der Berichterstattung unserer Mainstreammedien aufdeckt, hat das nichts mit Zensur, aber alles mit Pluralismus und Gegenöffentlichkeit zu tun. Der Sinn solcher Blogs besteht nämlich darin, der Öffentlichkeit z.B. vorenthaltene Information über Verstrickungen sogenannter Experten und Institute mit Lobbyarbeitern und - meist wirtschaftlichen -Interessengruppen ins Bewusstsein zu rufen. Das findet nämlich seltenst in den Leitmedien selbst statt. Im Gegenteil, Leute wie Riester, Rührup, Clement, Merz etc könnten bis heute ihre interessengesteuerte Propaganda bei Will und Konsorten raustrompeten, ohne das jemand darüber informiert, wes Brot diese Herren essen.
    Dass BILDblog bis heute m.W. keine Klage Springers verloren hat, spricht einerseits für dessen Seriosität, andererseits für die Wut der Konzernoberen, dass jemand an ihrer Deutungshoheit kratzt.
    Und das in o.g. Medien kritische Beiträge zu global operierenden Konzernen so gut wie nie stattfinden, ist klar - wer beisst schon die Hand, die ihn füttert ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke !! Vielleicht lernt er es ja irgendwann ! :)

    "Der Sinn solcher Blogs besteht nämlich darin, der Öffentlichkeit z.B. vorenthaltene Information über Verstrickungen sogenannter Experten und Institute mit Lobbyarbeitern und - meist wirtschaftlichen -Interessengruppen ins Bewusstsein zu rufen."

    Kritische Medien benötigen eine bestimmte Moral um glaubhaft zu wirken. Dazu gehört die Identität der Autoren solcher Blogs und die Möglichkeit der unzensierten Mitwirkung von Betroffenen oder anderen Usern. Wo gehobelt wird, fallen Späne - und jede Geschäftstätigkeit kann mit unzähligen kritischen Anmerkungen versehen und im schlimmeren Fall kann der in Wirtschaft oder Politik Tätige an einen virtuellen Pranger gestellt werden.

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