Ende März veröffentlichte Wikileaks ein geheimes Strategiepapier der CIA: Der US-Geheimdienst beschrieb darin, dass die Mehrheit der Deutschen und Franzosen zwar gegen den Krieg in Afghanistan sei, dass aber "der niedrige öffentliche Stellenwert des Themas" beiden Regierungen erlaube, trotzdem immer mehr Soldaten zu entsenden: "Berlin und Paris haben die dritt- und vierthöchste Beteiligung in der Afghanistan-Schutztruppe, obwohl 80 Prozent [der Bürger] gegen eine Verstärkung sind."

Einige Journalisten griffen das Thema auf und verfassten Analysen. Auch der IT-Experte Felix von Leitner, bekannt als Blogger und Mitglied des Chaos Computer Clubs, schrieb über das Dokument – in simpler, aber pointierter Sprache: Ihm stach besonders der "Lösungsansatz" der CIA ins Auge. Europäer, fanden die amerikanischen Propaganda-Experten, könnten durch persönliche Appelle Barack Obamas erweicht werden, Deutsche besonders gut mit Berichten über afghanische Frauenschicksale: "Dieses Dokument muss mehr in den Mainstream!", fand von Leitner und schrieb: "Also los, twittert, bloggt, und sprecht mit euren Bekannten darüber."

Wirtschaftsskandale und Korruption, Kampagnen und Lügen: Täglich linkt Fefes Blog auf zehn bis fünfzehn Meldungen aus der Tagespresse und dem Netz. Mit einem großen Schuss Süffisanz zieht von Leitner eigene, pessimistische Schlüsse. Oft ist er nah an der Verschwörungstheorie, doch oft zeigen sich in der Häufung und Sammlung seiner Links brisante Zusammenhänge.

Auf carta bloggt eine Gruppe Netz- und Wirtschaftsexperten über Tagespolitik und die Zukunft des Journalismus. Der Newsticker auf telepolis behält auch Themen wie Umweltschutz, Familienpolitik und Bildung im Auge. Beide Portale wurden mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet und erfüllen – gut vernetzt, aber einen notwendigen Schritt entfernt vom Rundfunk und den klassischen Medien – eine wichtige Wächter- und Kontrollfunktion.

Mit dem Aufdecken von Lügen, Fehlern und Schleichwerbung in Print- und Onlinezeitungen wurde Bildblog, gegründet 2004, zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Watchblogs: Kleine Verwechslungen und Patzer werden fröhlich abgewatscht – leichte Lektüre für die Kaffeepause. Oft aber deckt die Redaktion auch Hasskampagnen und Favoritismus auf und zeigt, im gut recherchierten Kontext, wie perfide versucht wird, öffentliche Meinung zu manipulieren.

Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier bloggt auch in einem viel gelesenen, persönlichen Blog über die Medienlandschaft. Für kritische Beobachtung von PR- und Medienfragen empfiehlt sich außerdem Indiskretion Ehrensache, das Blog des ehemaligen Handelsblatt-Reporters Thomas Knüwer. Und die Grauzonen zwischen Sport und Politik behält Jens Weinreich im Auge.

All diese Seiten verbinden Expertise und aufklärerische Leidenschaft mit den Stärken der Blogs: Geschwindigkeit, Vernetzung, flexible Formen. Doch Watchblogs sind mehr als eine Plattform, auf der Medienmenschen über miese Kollegen und Verlage schimpfen. Viele Interessen- und Randgruppen dokumentieren durch Media Monitoring Diskriminierung und schaffen klare Gegenstimmen.

Die kleinen Pannen und das große Schlimme

Arabische Frauen bloggen auf Muslimamediawatch über die Klischees, die Medien von ihnen zeichnen. Der Schwarze Blog hält Rassismus gegen Afrikadeutsche fest und zeigt, wie oft "schwarz" im medialen Alltag für fremd, schlecht und anders steht. Auf npd-blog.info werden Einflussnahmen und Politik der rechtsextremen NPD festgehalten und auf foodwatch bloggen empörte Verbraucherschützer über Mogelprodukte und den Einfluss der Lebensmittel-Lobby.

"Sunlight ist the best disinfectant" – Sonnenlicht sei das beste Desinfektionsmittel, sagte einst der Richter am Obersten Gerichtshof der USA, Louis Brandeis. Wer Korruption und Diskriminierung bekämpfen wolle, meint das, der brauche Offenheit und Transparenz.

Watchblogs können solche Öffentlichkeit herstellen, können die Innensicht nutzen, um Missstände bekannt zu machen. So kritisiert das Modeblog threadbared Sexismus und globale Ausbeutung in der Modebranche, beschäftigt sich Gossip Cop mit Lügen in Klatschblättern, Border House sich mit den Manipulationsversuchen der Computerspielindustrie und Frauenblogs wie Jezebel und Mädchenmannschaft sich mit Diskriminierung.

Sie alle nutzen Nischenthemen, um auf die großen Zusammenhänge und Ungerechtigkeiten hinzuweisen: Man muss nicht lesbisch sein, um die Interviews und Filmkritiken auf AfterEllen.com zu schätzen, nicht schwarz, um sich in Essays auf Racalicious festzulesen.

Gute Watchblogs sind keine subkulturellen Schutzräume, sondern breite Plattformen, in denen Klischees infrage gestellt und diskutiert werden: Das Frauen-Blog When Fangirls attack beispielsweise sammelt Beobachtungen zu Sexismus in Comics, von Twilight bis Batgirl.

Eines der besten Blogs, Sociological Images, verzichtet gar auf jede Zielgruppe und Themenbindung. Dort veröffentlichen zwei Soziologinnen Bilder, Statistiken und Links, die Grenzen zwischen "sozialen Schichten" konstruieren wollen. Sie fragen sich, wozu es beispielsweise "weibliches" Klebeband gibt, oder was Seife und Ohrstöpsel über unsere Gesellschaft sagen. Sie analysieren, warum Mädchen Krankenschwestern spielen sollen und Jungen Ärzte und welche Zielgruppe umworben und hofiert wird – und welche nicht.

"Because Visibility Matters", ist der Slogan der schwulen Entertainment-Website AfterElton. Große Printangebote wie das schwul-lesbische Magazin The Advocate sparen, wo sie können, doch das kleine Blog leistet sich täglich professionellen Kulturjournalismus.

Die Ironie dabei: AfterElton wird vom Spartensender Logo finanziert, einem Tochterunternehmen von MTV und Viacom. "Wir haben freie Hand in unserer Themenwahl", sagt Herausgeber Michael Jensen auf Anfrage: "Viacom und MTV wollten sich neue Märkte erschließen. Dafür gibt es Logo, und dafür finanzieren sie ein ganzes Netzwerk aus schwul-lesbischen Internet-Auftritten."

Das Geld macht sich in gründlichen, fairen Artikeln bezahlt. Gut für Viacom, dass es die meisten schwulenfeindlichen Fehltritte in den Konkurrenzsendern von CBS und FOX gibt. An der Kritik der Gegner lässt sich so sogar noch verdienen.

Watchblogs sind wichtige Gegenstimmen. Doch sie sind auch, immer stärker: attraktive Investitionen.