Wikileaks "Keine Regierung der Welt kann das stoppen"Seite 2/2

ZEIT ONLINE : Wie wird die Gegenseite auf Phänomene wie Wikileaks reagieren, die Mächtigen der Welt? Jeff Jarvis hat ja die These aufgestellt, dass Institutionen wie das US-Militär dazu übergehen könnten, ihre Korrespondenzen nicht mehr schriftlich zu dokumentieren. Ist das realistisch?

Jay Rosen: Ja, das ist sehr gut möglich! Wir wissen ja noch überhaupt nicht, wie die Reaktionen ausfallen werden. Es ist schon sehr seltsam, wie die Institutionen sich bislang verhalten. Die US-Regierung zum Beispiel scheint auf der einen Seite nach Julian Assange zu fahnden. Und auf der anderen Seite beschwert sie sich, dass Wikileaks nicht mit ihnen gesprochen hat, bevor sie die Dokumente veröffentlichten. Anscheinend weiß die eine Seite nicht, was die andere tut.

ZEIT ONLINE : Sie haben in Ihrem Blog eine interessante These aufgestellt: Es gäbe Storys, die zu groß sind, um eine entsprechende Reaktion zu erhalten. Deshalb fürchten Sie, dass auch die Afghanistan-Dokumente nicht zu den Konsequenzen führen werden, die sie eigentlich verdient hätten.

Jay Rosen: Ich will Ihnen ein Beispiel geben: das jüngste Open-Data-Dossier der Washington Post . Die Post hat zwei Jahre lang recherchiert und ein gewaltiges Dossier über alle Geheimdienst-Machenschaften des militärisch-industriellen Komplexes zusammengestellt. Sie hat eine Woche lang auf den ersten Seiten darüber geschrieben. Mehr Aufmerksamkeit ist fast nicht vorstellbar. Die Journalisten haben eine gewaltige Schattenwirtschaft aufgedeckt, die Milliarden Dollar verschlingt, völlig sinnlos, an der sich viele Menschen bereichern. Und was ist die Reaktion? Man sagt nur: Oh, dann müssen wir noch mehr Studien machen, und noch mehr Geld ausgeben, um herauszufinden, was genau da passiert ist. Der Kongress sagt nicht: Oh mein Gott, wir müssen hier dringend einen Schlussstrich ziehen, wir müssen das Ganze sofort neu regeln, wir sind zu weit gegangen. Nein, es passiert im Grunde nichts. Alles geht so weiter wie zuvor. Nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

ZEIT ONLINE: Man würde ja denken: je größer ein Problem, desto größer die Reaktion.

Jay Rosen: Ja, und ich sage nun: ab einer gewissen Größenordnung passiert genau das Gegenteil. Das Leben geht einfach weiter wie zuvor. Ich fürchte, das wird auch mit den Afghanistan-Dokumenten so passieren.

Und ich glaube, Journalisten haben das Ausmaß der aktuellen Veränderungen noch nicht einmal ansatzweise begriffen. Sie denken, wie sie es traditionell gelernt haben: wenn man darüber schreibt und recherchiert, und seinem Job wie gewohnt nachgeht, wird sich auch die Welt langsam zum Besseren wandeln. Es gibt aber Probleme, die viel vertrackter sind. Hier anzusetzen, wäre eine gewaltige Aufgabe für den seriösen Journalismus.

Wenn Sie mich jetzt fragen: "Wie?" muss ich Ihnen leider sagen: ich weiß es selbst nicht. Ich kann das Phänomen bislang nur beschreiben.

Der Journalistik-Professor Jay Rosen lehrt an der New York University. Er ist Autor des Buchs:What Are Journalists For?, in dem er sich mit dem Phänomen des Bürgerjournalismus befasst hat. Schon seit 2003 befasst er sich in dem Blog PressThinkmit der Medienlandschaft und untersucht ihren Wandel. Inseinem jüngsten Blogposthat er ein paar kontroverse Thesen über Wikileaks aufgestellt, die er als the "World's First Stateless News Organization" bezeichnet  – die "erste staatenlose Nachrichtenorganisation der Welt".

 
Leser-Kommentare
  1. ... wie Recht er da hat.
    Ein ganzer Planet(!!) wurde verschei..ert unter dem Deckmantel der "Bankenkrise" und die wenigsten haben es bemerkt. Das Leben geht weiter wie bisher "man kann ja doch nichts machen".
    Da läuft ein Krieg, der länger dauert als der zweite Weltkrieg und den keiner will, aber gemacht wird nichts - man ist ja selbst nicht dort und "man kann ja doch nichts machen".
    Ich fürchte das die Wikileaks Gründer zwar die richtige Idee und Herz haben, aber die Dummheit und Trägheit der Menschen gewaltig unterschätzen. Ganz im Gegensatz zu den Regierungen dieser Welt die Wissen, das sie sich auf ihre Mitbürger und deren Lethargie verlassen können.
    Unsere Bäuche sind zu voll unsere Köpfe zu leer.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und hinterher, wenn es mal wieder den Bach runter gegangen ist, dann können wir jammern - wie Generationen vor uns 1945 - "wir haben das nicht gewusst".

    Die Wahrheit ist: Die Wenigsten wollen es wissen und freuen sich über die Geheimstempel-Zensur, die es selbst Bundestagsabgeordneten schwer macht die Tatsachen zu erfahren. Die würden es sogar begrüßen, wenn man die Fahrpläne der Bahn zum Geheimnis erklären würde.

    PS. Das hätte auch den Vorteil, dass man die Pünktlichkeit der Bahn nicht mehr beurteilen könnte und das diesbezügliche Nörgeln seine Grundlage verlöre.

    Also ich stimme Ihnen einerseits durchaus zu. Andererseits kann aber besonders das, was Wikileaks verbreitet hat, zu einem langsamen Umdenken bei jenen führen, die derzeit den Krieg in Afghanistan noch für richtig halten, weil es einfach Dinge zeigt, über die sich keiner, der sie nicht selbst erlebt hat, so richtig bewußt ist.
    Und es war die Stimmung in der Bevölkerung, die auch unsere Regierung in diesen Krieg getrieben hat, eine Stimmung, die von der Presse aufgegriffen wurde, welche dann vorwiegend das berichtet hatte, was wenig stört. Das Wort Krieg ist z. B. erst seit kurzer Zeit in Gebrauch.
    Mit Stimmung meine ich was ich nach dem Anschlag in New York bei uns in der Firma erlebt habe: Die Mehrzahl der Kollegen, auch und vor allem jener im gehobenen Management schwärmten begeistert von der jetzt wahrscheinlichen Reaktion der Amerikaner und dass man da auf jeden Fall beistehen müsse usw. Nur ein zwei Kollegen (Angestellte, aber nicht aus meiner Abteilung) teilten meine Ansicht, dass ein Krieg nichts löst und noch einen schlimmeren Schaden als in New York anrichtet, nur halt woanders. Kurzum, ich habe noch nie zuvor solches Säbelrasseln erlebt und es wurde mir echt Speiübel im Angesicht dieser Euphorie.
    Wenn die Dokumente auf Wikileaks diese Stimmung vernichten können, ist der erste, der wichtigste Schritt getan, um den Schwachsinn in Afghanistan zu beenden.

    • k2
    • 28.07.2010 um 20:58 Uhr

    Der Einsatz in Afghanistan wurde
    grundfalsch geführt. Es gibt das
    Gegenbeispiel. Elektrifizierung:

    "
    Summary of Report: SIGAR 09-1 July 28, 2009
    Inspection of Improvements to the Khowst
    City Electrical Power System: Safety and
    Sustainability Issues Were Not Adequately
    Addressed"

    http://www.sigar.mil/pdf/...

    ).

    Das Problem ist, dass David Lapan und Rudy de Leon
    zum Beispiel einen Propaganda-Feldzug für Soldaten
    vom anderen Ufer geführt haben und über den

    Afghanistan-Krieg

    und den Irak-Krieg nicht genügend aufrichtig und wahrheitsgemäss aufgeklärt haben. Beide scheinen
    keine Kampfsoldaten sondern Büro- und Papiersoldaten
    zu sein.

    Aus diesem Papierkrieggrund und
    der Power-Point-Präsentationsfolien-Feldzugserfahrung von David Lapan wurde folgerichtig David Lapan auch offiziell auf die
    Entdeckung des Spions angesetzt,
    welcher beim Wiki die 90 000 klassifizierten Dokumente aufgeladen hatte.

    Und hinterher, wenn es mal wieder den Bach runter gegangen ist, dann können wir jammern - wie Generationen vor uns 1945 - "wir haben das nicht gewusst".

    Die Wahrheit ist: Die Wenigsten wollen es wissen und freuen sich über die Geheimstempel-Zensur, die es selbst Bundestagsabgeordneten schwer macht die Tatsachen zu erfahren. Die würden es sogar begrüßen, wenn man die Fahrpläne der Bahn zum Geheimnis erklären würde.

    PS. Das hätte auch den Vorteil, dass man die Pünktlichkeit der Bahn nicht mehr beurteilen könnte und das diesbezügliche Nörgeln seine Grundlage verlöre.

    Also ich stimme Ihnen einerseits durchaus zu. Andererseits kann aber besonders das, was Wikileaks verbreitet hat, zu einem langsamen Umdenken bei jenen führen, die derzeit den Krieg in Afghanistan noch für richtig halten, weil es einfach Dinge zeigt, über die sich keiner, der sie nicht selbst erlebt hat, so richtig bewußt ist.
    Und es war die Stimmung in der Bevölkerung, die auch unsere Regierung in diesen Krieg getrieben hat, eine Stimmung, die von der Presse aufgegriffen wurde, welche dann vorwiegend das berichtet hatte, was wenig stört. Das Wort Krieg ist z. B. erst seit kurzer Zeit in Gebrauch.
    Mit Stimmung meine ich was ich nach dem Anschlag in New York bei uns in der Firma erlebt habe: Die Mehrzahl der Kollegen, auch und vor allem jener im gehobenen Management schwärmten begeistert von der jetzt wahrscheinlichen Reaktion der Amerikaner und dass man da auf jeden Fall beistehen müsse usw. Nur ein zwei Kollegen (Angestellte, aber nicht aus meiner Abteilung) teilten meine Ansicht, dass ein Krieg nichts löst und noch einen schlimmeren Schaden als in New York anrichtet, nur halt woanders. Kurzum, ich habe noch nie zuvor solches Säbelrasseln erlebt und es wurde mir echt Speiübel im Angesicht dieser Euphorie.
    Wenn die Dokumente auf Wikileaks diese Stimmung vernichten können, ist der erste, der wichtigste Schritt getan, um den Schwachsinn in Afghanistan zu beenden.

    • k2
    • 28.07.2010 um 20:58 Uhr

    Der Einsatz in Afghanistan wurde
    grundfalsch geführt. Es gibt das
    Gegenbeispiel. Elektrifizierung:

    "
    Summary of Report: SIGAR 09-1 July 28, 2009
    Inspection of Improvements to the Khowst
    City Electrical Power System: Safety and
    Sustainability Issues Were Not Adequately
    Addressed"

    http://www.sigar.mil/pdf/...

    ).

    Das Problem ist, dass David Lapan und Rudy de Leon
    zum Beispiel einen Propaganda-Feldzug für Soldaten
    vom anderen Ufer geführt haben und über den

    Afghanistan-Krieg

    und den Irak-Krieg nicht genügend aufrichtig und wahrheitsgemäss aufgeklärt haben. Beide scheinen
    keine Kampfsoldaten sondern Büro- und Papiersoldaten
    zu sein.

    Aus diesem Papierkrieggrund und
    der Power-Point-Präsentationsfolien-Feldzugserfahrung von David Lapan wurde folgerichtig David Lapan auch offiziell auf die
    Entdeckung des Spions angesetzt,
    welcher beim Wiki die 90 000 klassifizierten Dokumente aufgeladen hatte.

    • Zack34
    • 28.07.2010 um 13:14 Uhr

    ... endlich eine Demonstration der WAHREN UNABHÄHNGIGKEIT, ... anders ausgedrückt - alles, was bei den klassischen Medien abhanden gekommen ist.

    Nehmen wird das aktuelle Beispiel der Meldungen zum neuesten IGH-Urteil unter die Lupe. Da berichten fast einheitlich alle sog. Quallitätsmedien über "das Urteil" bevor dieses überhaupt erst im Wortlaut (am gleichen abend) veröffentlicht wurde.
    Liest man es, so erkennt man unmißverständlich: das, was die Medien gemeldet haben, stimmt so ganz und gar nicht...

    Da kommt schon von alleine die Frage hoch, wieso ALLE Medien (wie auf´n Zeichen, orchestriert) zu diesem einen Thema so zügig so gleich berichtet haben, ja selbst oder gerade weil auch die staatlichen darunter?

    Sonst - man lese nur Folgendes vorsichtig:
    "
    ZEIT ONLINE: Unsere Medien werden reguliert, fallen unter nationale Gesetze. Durch Wikileaks haben plötzlich Einzelpersonen wie Assange und Schmitt die Macht, über das Schicksal von Menschen, Unternehmen und Institutionen zu entscheiden. Müsste man diese Macht nicht ebenso gesellschaftlich-demokratisch kontrollieren?

    Jay Rosen: Sie kann nicht kontrolliert werden. Welcher Mechanismus soll das sicherstellen? Es gibt ja keine Weltregierung.

    Die einzige Kontrolle ist die Öffentlichkeit, ihre Reaktion auf Veröffentlichungen, und auch die Medien, die als Filter (sic!) funktionieren. Wenn ihnen eine Nachricht nicht gefällt, wird sie nicht aufgegriffen."

    Großartig... und erschütternd zugleich.

  2. Und hinterher, wenn es mal wieder den Bach runter gegangen ist, dann können wir jammern - wie Generationen vor uns 1945 - "wir haben das nicht gewusst".

    Die Wahrheit ist: Die Wenigsten wollen es wissen und freuen sich über die Geheimstempel-Zensur, die es selbst Bundestagsabgeordneten schwer macht die Tatsachen zu erfahren. Die würden es sogar begrüßen, wenn man die Fahrpläne der Bahn zum Geheimnis erklären würde.

    PS. Das hätte auch den Vorteil, dass man die Pünktlichkeit der Bahn nicht mehr beurteilen könnte und das diesbezügliche Nörgeln seine Grundlage verlöre.

  3. "Keine Regierung der Welt kann das stoppen" und ich hoffe das bleibt so.
    das internet ist meiner ansicht nach ein wichtiger teil der angesprochenen "weltregierung". wir sind das volk. durch unsere berichte, videos,usw... kommen dinge ans licht. wir sollten auf wikileaks und die freiheit im internet wie bisher in zukunft genau achten.

  4. Internet hat nur einen entscheidenden Vorteil, und dass ist eine extrem hohe Interaktivität. Ansonsten ist Internet vor allem da erfolgreich, wo klassische Medien und Anbieter immer mehr versagen - teils gesellschaftsbedingt, und größtenteils selbstverschuldet.
    Die meisten Nachrichtenmagazine haben sich inzwischen in Zeitgeistmagazine verwandelt, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihren Werbeinserenten einen gediegenen Rahmen zu bieten. Und das ganze übrigens für irgendwelche potentiellen Leser, die so ab 60000 Euros aufwärts verdienen müssen.
    Den Anspruch, die vierte Gewalt im Staat zu sein, haben die jedenfalls schon lange aufgegeben; schon lange vor Internet.

  5. 8. @ alle

    ... dabei bleiben, weiter bloggen, tippen bis die finger abfallen....

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service