Online-Kommunikation : Warum das Telefongespräch verschwindet

Die Tage des Telefons sind gezählt, SMS und E-Mail viel beliebter. Sie lassen mehr Zeit zum Antworten. Text kostet auch weniger Überwindung als ein Gespräch.
Die Festnetztelefonie erreichte in den USA im Jahr 2007 ihren Höhepunkt und geht seitdem kontinuierlich zurück © Valery Hache/AFP/Getty Images

In einem Wired- Artikel sagt Clive Thompson den baldigen " Tod des Telefonanrufs " voraus. Er stützt sich dabei unter anderem auf eine Studie des Beratungsunternehmens Nielsen. Demzufolge ist die Zeit, die Amerikaner am Telefon verbringen, seit 2007 stetig gesunken. Stattdessen kommunizieren sie immer mehr über SMS, E-Mails und Instant Messenger.

Der Autor glaubt, das Telefon könnte in absehbarer Zeit ganz verschwinden – und hätte es nicht anders verdient. Die ganze Erfindung "Telefon" leide an einem Konstruktionsfehler. Den hätten die neuen Medien nur offensichtlich gemacht.

Das größte Versäumnis des Telefons sei nämlich die fehlende Statusanzeige. Schon lange habe das einleitende "Guten Tag, hier spricht ..." eine Frage wie: "Störe ich grad?" abgelöst. Stören – genau, hier liegt das Problem.

Auf eine E-Mail kann der Angesprochene antworten, wann immer es ihm beliebt. Das Telefon lasse diese Form asynchroner Kommunikation nicht zu. Oder wie Axel Rühle in der Süddeutschen schreibt : "Jemanden abends um elf anzurufen, hat etwas vom Eintreten der Wohnungstür. Wie elegant und diskret ist zu solchen Tageszeiten dagegen die SMS oder Mail, sie gleicht einem vorsichtigen Anklopfen, während das Telefon zu solcher Uhrzeit wie ein akustischer Sprengsatz mitten in der Wohnung hochgeht."

Martin Weigert bloggt über den Tod des Telefonats , den er offensichtlich nicht nur aus eigener Beobachtung für wahrscheinlich hält, sondern auch herbeizuwünschen scheint: Ein Anrufer sei "immer auch einen Tick egoistisch".

Das habe mit individueller Freiheit zu tun, glaubt auch Jacques Attali in der französischen Ausgabe von Slate . Er sieht den Egoismus allerdings eher auf Seite derer, die nicht belästigt werden wollten. Schuld sei die "idéologie de la liberté individuelle": Diese Ideologie der individuellen Freiheit führe dazu, dass man sich nur noch für sich selbst interessiere. Und daher in seinem Narzissmus nicht gestört werden möchte, weder von einem Klingelton noch von irgendwelchen dringenden Problemen seiner Mitmenschen.

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Kommentare

50 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

E-Mail, SMS, oder Chat besser als Telefonat???

Kommunikation per Text haben hat ganz bestimmt in vielen Situationen Vorteile, aber doch nicht grundsätzlich.
Der Aussage des Autors "Die Vorliebe für das getippte Wort nimmt übrigens langsam beunruhigende Dimensionen an." kann ich mich nur anschließen.
In der Firma nur noch E-Mails statt Anrufe, dabei ist gerade bei komplizierteren Sachverhalten ein Anruf viel effizienter. Schließlich kann ich in kürzerer Zeit mehr Inhalt transportieren, und Fragen sofort klären.
Und privat sind wir anscheinend zu bequem geworden den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, geschweige denn, jemanden persönlich zu besuchen.
Mimik, Gestik und Stimme sind doch durch nichts zu ersetzten, vor allem nicht durch Smileys!

Aber mit einer solchen Meinung steht man wohl heutzutage alleine da.
Es ist schon eine komische Welt in der wir leben...

Gerade bei komplizierten Sachverhalten im Beruf...

...finde ich die email besser geeignet als das Telefonat, weil die email die Information ja zugleich speichert. Steht man wieder vor einem aehnlichen Problem und erinnert sich nicht mehr so recht, muss man nur die email noch einmal aufrufen und sich nicht erneut telefonisch erkundigen.

Privat stelle ich einen Generationsbruch in der Einschatzung von Unhoeflichkeit fest - der mit unterschiedlicher Medienkompetenz einhergeht. Die aeltere Generation findet nichts dabei, auch mehrfach in kurzen Abstaenden anzurufen (koennte ja sein, dass man 10 Minuten spaeter doch zu hause ist), man selbst ist von einer Anzeige wie "16 Anrufversuche" auf dem Display beim Nachhausekommen hochgradig alarmiert und glaubt, etwas wirklich Schlimmes habe sich ereignet - und reagiert dann vielleicht gereizt, wenn sich die Angst als unbegruendet herausstellt - woraufhin die andere Seite dann wieder gekraenkt reagiert. Ein voellig unnoetiger Konflikt um nichts, allein durch die mediale Struktur des Telefons. Auf das Medium email umzusteigen klappt aber nicht recht, bei denjenigen, fuer die das Schreiben nicht so alltaeglich ist. Emails sind dann oft unbeholfene Sachmitteilungen, mit denen Intimitaet nicht recht hergestellt werden kann. Der Suendenfall beim Telefon ist eigentlich der Anrufbeantworter bzw. die digitale Anrufanzeige. Sie bringen im emailzeitalter keinerlei Vorteile, dafuer aber viel unnoetigen Verdruss.

Das ist vielleicht ein Kuddelmuddel !

Meine Güte, wie wäre es, wenn diese "Forscher" sich erst einmal einigen, worüber sie sprechen. Eine getippte SMS ist doch etwas anderes als eine e-mail, und dass erstere sich immer weiter verbreiten, kann auch einem Nachweisbedürfnis der eigenen Existenz geschuldet sein. Die Kanalreduktion ist ebenfalls kein beiläufiger Fakt, sondern wer hier nicht sauber unterscheidet, der kann nur unsinnige Resultate erhalten. Und schließlich ist der Anruf nicht tot und wird es wohl nie sein, weil Menschen manchmal die Stimmen hören wollen und für einige Angelegenheiten die alternativen Medien keine gute Wahl sind, etwa um einen Termin abzusprechen, Inhalte zu planen oder einfach die Feuerwehr zu rufen.

Es findet eine Verschiebung statt, schlicht aufgrund der besseren Ausgestaltung bestimmter Optionen der einzelnen Medien. Das ist alles.

Übrigens greift der Text zu kurz, wo er skype nur erwähnt. Was ist denn das anderes als das Telefon - nur über andere Kabel, noch. Und wenn man dann hier schaut, auch nach ähnlichen Angeboten der Stimmübermittlung per internet, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Ein wenig lächeln musste ich über die Vermutung, Menschen wären offener, wenn sie sich nicht direkt gegenüber sitzen. Tatsächlich würde ich statt "offener" "redebereiter" sagen - offen, das meint Sich-Öffnen, impliziert also eine größere Nähe zur Wahrheit. Das aber dürfte bestenfalls eine Möglichkeit sein. Wahrscheinlich wird in dieser real "verdeckteren" Kommunikation wohl viel geflunkert.

Skype kann mehr als das Telefon

"Übrigens greift der Text zu kurz, wo er skype nur erwähnt. Was ist denn das anderes als das Telefon - nur über andere Kabel, noch."

Wie am Anfang des Artikels erwähnt, ist Skype etwas anderes als das traditionelle Telefon, da es einen Statuskanal bietet.
Man kann bei Skype also erfahren, ob der Andere Zeit zum Gespräch hat bevor er den Höhrer abnimmt.

Und zu #1: Hier gebe ich Bernhard.Riemann recht. Gerade bei komplizierten Dingen haben Emails den Vorteil, dass man sie mehrfach und in seinem eigegen Tempo lesen kann. Man kann dazu auch andere später um Rat fragen. All das geht bei einem Anruf nicht.
Aber auch für denjenigen, der erklärt hat die Email Vorteile, denn sie zwingt dazu, sich gemau auszudrücken - und hat man sie einmal geschrieben, kann man denselben Sachverhalt leicht einer grösseren Grppe von Kollegen gleichzeitig erklären.

an #1

Gerade in der Firma bevorzuge ich die Mail für kompliziertere Dinge: weil man dann nämlich seine Frage präzieser formuliert, überhaupt mehr nachdenkt, bevor man jemanden mit Fragen belästigt und - last not least - weil man die Antwort immer wieder lesen und besser verstehen kann. Wird mir eine komplizierte Sache am Telefon erklärt, muss ich nebenbei hektisch mitschreiben, damit mir nicht Wesentliches entgleitet. Kommt dann noch hinzu, dass der Anrufer in einer anderen Sprache spricht, wird's ganz schlimm. Daher: auf jeden Fall pro Mail.