Online-KommunikationWarum das Telefongespräch verschwindet

Die Tage des Telefons sind gezählt, SMS und E-Mail viel beliebter. Sie lassen mehr Zeit zum Antworten. Text kostet auch weniger Überwindung als ein Gespräch. von 

Die Festnetztelefonie erreichte in den USA im Jahr 2007 ihren Höhepunkt und geht seitdem kontinuierlich zurück

Die Festnetztelefonie erreichte in den USA im Jahr 2007 ihren Höhepunkt und geht seitdem kontinuierlich zurück  |  © Valery Hache/AFP/Getty Images

In einem Wired- Artikel sagt Clive Thompson den baldigen " Tod des Telefonanrufs " voraus. Er stützt sich dabei unter anderem auf eine Studie des Beratungsunternehmens Nielsen. Demzufolge ist die Zeit, die Amerikaner am Telefon verbringen, seit 2007 stetig gesunken. Stattdessen kommunizieren sie immer mehr über SMS, E-Mails und Instant Messenger.

Mehr schreiben, weniger sprechen

In Deutschland wurden 2009 laut BITKOM mit 34,4 Milliarden SMS 24 Prozent mehr verschickt als noch im Vorjahr. Die SMS selbst wird dabei zunehmend von Textprogrammen im Internet ersetzt – E-Mail und Instant Messaging oder Nachrichten in Sozialen Netzwerken wie Facebook zum Beispiel.

Abgesehen von der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen nimmt das Telefonieren laut der Nielsen-Studie bereits seit Jahren bei allen Altersgruppen ab. Besonders deutlich lässt sich das bei der Altersgruppe der 18- bis 34-jährigen Amerikaner verdeutlichen: Während diese Gruppe vor zwei Jahren noch durchschnittlich 1 200 Minuten telefoniert hat, sind es heute nur noch 900 Minuten. In der gleichen Zeit hat sich die Zahl der SMS bei den 18- bis 24-Jährigen mehr als verdoppelt.

Zugleich ist nicht nur die reine Zahl der Telefongespräche zurückgegangen, es wird auch nicht mehr so lange telefoniert. Dauerte ein durchschnittliches Gespräch 1993 noch 2,38 Minuten, so sind es 2009 nur noch 1,81 Minuten.

Der Autor glaubt, das Telefon könnte in absehbarer Zeit ganz verschwinden – und hätte es nicht anders verdient. Die ganze Erfindung "Telefon" leide an einem Konstruktionsfehler. Den hätten die neuen Medien nur offensichtlich gemacht.

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Das größte Versäumnis des Telefons sei nämlich die fehlende Statusanzeige. Schon lange habe das einleitende "Guten Tag, hier spricht ..." eine Frage wie: "Störe ich grad?" abgelöst. Stören – genau, hier liegt das Problem.

Auf eine E-Mail kann der Angesprochene antworten, wann immer es ihm beliebt. Das Telefon lasse diese Form asynchroner Kommunikation nicht zu. Oder wie Axel Rühle in der Süddeutschen schreibt : "Jemanden abends um elf anzurufen, hat etwas vom Eintreten der Wohnungstür. Wie elegant und diskret ist zu solchen Tageszeiten dagegen die SMS oder Mail, sie gleicht einem vorsichtigen Anklopfen, während das Telefon zu solcher Uhrzeit wie ein akustischer Sprengsatz mitten in der Wohnung hochgeht."

Martin Weigert bloggt über den Tod des Telefonats , den er offensichtlich nicht nur aus eigener Beobachtung für wahrscheinlich hält, sondern auch herbeizuwünschen scheint: Ein Anrufer sei "immer auch einen Tick egoistisch".

Das habe mit individueller Freiheit zu tun, glaubt auch Jacques Attali in der französischen Ausgabe von Slate . Er sieht den Egoismus allerdings eher auf Seite derer, die nicht belästigt werden wollten. Schuld sei die "idéologie de la liberté individuelle": Diese Ideologie der individuellen Freiheit führe dazu, dass man sich nur noch für sich selbst interessiere. Und daher in seinem Narzissmus nicht gestört werden möchte, weder von einem Klingelton noch von irgendwelchen dringenden Problemen seiner Mitmenschen.

Leserkommentare
  1. Das Telefon war nicht das Ende des geschriebenen Briefes. E-Mails, SMS, Facebook Pinwände werden weder das eine noch das andere verdrängen. Es wird nur die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten erweitert. Und das ist gut so.

    • SmoovE
    • 27. August 2010 9:06 Uhr

    "während das Telefon zu solcher Uhrzeit wie ein akustischer Sprengsatz mitten in der Wohnung hochgeht."
    Man kann Telefone aus- oder leise stellen...

    Wenn man sofort eine Antwort braucht, geht am Telefongespräch kein Weg vorbei...

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  • Schlagworte Jacques Attali | SMS | Skype
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