MexikoBloggen aus dem Drogenkrieg

Ein Blog wird zum Sprachrohr des mexikanischen Drogenkrieges. Es berichtet, was andere verschweigen. Doch die Grenze zwischen Information und PR der Kartelle verschwimmt. von 

Die Bilder zeigen durchlöcherte Autos und Linienbusse, enthauptete und verbrannte Körper, vermummte Soldaten, Drogen und konfiszierte Waffen. Es ist die unzensierte Gewalt des mexikanischen Drogenkrieges. Zu finden ist sie nicht etwa in den Tageszeitungen oder TV-Nachrichten, sondern auf dem Blog del Narco . Seit März hat sich die anonym geführte Seite zu einem der wichtigsten Informationskanäle über den Kampf der Drogenkartelle und seine Opfer entwickelt. Sie zeigt, was die klassischen Medien aus Angst vor Rache der Mörder verschweigen.

Doch die Betreiber geraten zunehmend in einen Interessenskonflikt: Denn auch die Kartelle nutzen das Blog als Bühne, wenn sich ihnen traditionelle Medien verweigern.

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Knapp 8.500 Menschen folgen dem Narcoblog inzwischen über Twitter, darunter auch das FBI und das mexikanische Verteidigungsministerium. Nach Daten des Web-Analyse-Dienstes Alexa gehört die Website zu den 200 meistbesuchtesten in Mexiko .

Das große Interesse ist eine Antwort auf die oftmals unzulängliche oder befangene Berichterstattung der mexikanischen Medien. Denn der Drogenkrieg, der seit 2006 im Land tobt , ist auch ein Informationskrieg, und Neugierde ein gefährliches Spiel. Immer wieder werden Journalisten bedroht, ermordet und entführt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen nennt Mexiko eines der gefährlichsten Länder für Journalisten weltweit. Die lateinamerikanische Journalistenorganisation FELAP sprach unlängst von 43 toten und zwölf vermissten Medienschaffenden seit dem Amtsantritt von Präsident Felipe Calderón vor vier Jahren.

Immer mehr Journalisten und Medienanstalten berichten daher nur noch zaghaft über die Drogenkonflikte. Um ihre Reporter zu schützen, veröffentlichen Zeitungen wie die linke La Jornada viele Artikel inzwischen anonym. Andere schauen ganz weg:  Wie die Washington Post berichtete , lieferten sich am 16. Juli Militär und Banden in der Stadt Nuevo Laredo eine fünfstündige Schießerei. Dabei starben ein Dutzend Menschen. Die lokalen TV- und Radiosender schwiegen. Nicht so das Blog del Narco .

Die Betreiber versuchen, sich durch Anonymität  zu schützen. Damit hat sie sich zu einer Art Wikileaks in Miniaturform entwickelt. Im Zentrum steht auch hier der uneingeschränkte Informationsfreiheit: Prinzipiell wird alles veröffentlicht, aber nicht kommentiert. "Wir wollen keinen Ärger mit den Kartellen", sagte der Gründer der Nachrichtenagentur Associated Press , die ihn kontaktiert hatte. "Wir sagen nicht, dass eine Gruppe die Bösen sind."

Der Betreiber gibt seinen Namen nicht preis, soll aber ein Informatikstudent aus dem Norden Mexikos sein. Ursprünglich sei die Seite bloß als Hobby gedacht gewesen, erzählt er. Doch schon der erste Beitrag im März über eine Schießerei in Tamaulipas erregte Aufsehen in der mexikanischen Blogosphäre: Auf der Seite erschien ein Video der Opfer, als die Behörden den Vorfall noch dementierten.

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