Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat 600.000 Fans in seinem Profil © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Da haben die Leute dann 300 Freunde – wer soll das denn glauben?, empören sich die Kritiker von Online-Netzwerken wie Facebook, Mein VZ oder MySpace. Das Internet zerstöre die wahre Freundschaft , behaupten Pessimisten wie der amerikanische Kulturkritiker William Deresiewicz. "Wir haben so viele Freunde im Internet, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen", heißt es in der Werbekampagne einer Tageszeitung. Doch in Wirklichkeit sind das Internet und seine inzwischen 500 Millionen Menschen große Nation von Freunden namens Facebook nicht das Ende der Freundschaft – sondern eine Bereicherung. Mag sein, dass manch virtueller Austausch ("Tolles Foto!" / "Danke, hat Tina auf Sardinien gemacht.") trivial erscheint – aber ist diese angebliche Oberflächlichkeit wirklich so schlimm?

Tatsächlich liegt gerade in der Möglichkeit, mal unverbindlich und schnell, mal intensiv und direkt zu kommunizieren, ein großer Gewinn. Da ist die berufstätige Mutter, der noch weniger Zeit bleibt, seit sie die Fortbildung angefangen hat. Abends, wenn die Kleinen schlafen, schafft sie es zwar nicht mehr, mit ihren Freundinnen tanzen oder ins Kino zu gehen – aber ein paar Zeilen, Fotos und Neuigkeiten online auszutauschen, das geht leichter. Oder die alten Freunde, die vor Jahren eine WG teilten, nun in verschiedenen Städten wohnen und sich nur noch alle paar Jahre treffen. Wenn das geschieht, müssen sie sich nicht mehr mühsam auf den neuesten Stand bringen, sondern sind über das Leben des anderen durch Facebook-Updates so auf dem Laufenden, als würden sie sich viel öfter treffen. Und kommen so schneller zu den tatsächlich relevanten, persönlichen Themen.

Der Streit "Internetfreundschaft" versus "echte Freundschaft" ist ohnehin albern. Wer glaubt, dass seine Mitmenschen ihren besten Freund nicht von einem Online-Profil unterscheiden können, ist mindestens so naiv, wie er es diesen Mitmenschen unterstellt. Jedem ist klar, dass die Tatsache, ob man jemanden um Hilfe bitten würde oder im Krankenhaus besucht, nicht im Geringsten davon abhängt, ob man auf Facebook befreundet ist oder nicht.

Die ganze angebliche Verwirrung um den Freundesbegriff, die durch die sozialen Netzwerke entstanden ist, ist nur eine scheinbare. Denn die Nuancen der unterschiedlichsten Freundschaftsmodelle waren stets feiner, als die Sprache sie vermitteln konnte. "Freund" konnte schon immer vieles bedeuten: vom Kindergartenfreund, den man seit Ewigkeiten kennt, aber mit dem man nicht mehr allzu viel zu tun hat, über den besten Freund, den man vielleicht noch gar nicht so lange kennt, aber dafür sehr gut, bis zu dem Kollegen, der eben mehr ist als nur das, weil man auch privat gerne Zeit miteinander verbringt. Von dem Wandel, den das Konzept Freundschaft im Lauf der Geschichte durchgemacht hat, gar nicht zu reden.

Diejenige tiefe Freundschaft, die man "im echten Leben" meist nur für eine Handvoll Menschen empfindet, entsteht aus miteinander verbrachter Zeit, gewachsener Loyalität und Ehrlichkeit. Aus Liebe, regelmäßigem Austausch, geteilter Freude und gemeinsamem Frust. Doch diese Form der Freundschaft ist nur eine von vielen – eine, die völlig unabhängig von Facebook existiert und vom Internet weder gefördert noch bedroht wird.

Denn schon immer gab es neben den engen Freunden auch eine große Gruppe von Freunden, die man schätzt, mit denen man aber nicht zu jeder Zeit ein stundenlanges Gespräch führen möchte. "Früher haben manche Leute extra zu einem Zeitpunkt angerufen, zu dem sie wussten, der andere würde nicht zu Hause sein", sagt Charles Steinfield, Kommunikationswissenschaftler an der Michigan State University. "Sie wollten bewusst den Anrufbeantworter erreichen, um eine Information übermitteln zu können, ohne persönlich interagieren zu müssen." Steinfield ist einer von drei Autoren der Studie " The Benefits of Facebook 'Friends' ", die sich mit den Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf Freundschaft und Wohlbefinden beschäftigt hat.